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Ein Interview mit Jospeh Kosinksi

Joseph Kosinski

tip Mr. Kosinski, Sie haben „Oblivion“ als Kurzgeschichte und dann als (bisher unveröffentlichte) Graphic Novel entwickelt. Was brachte das für den Film?
Joseph Kosinski Ich begann mit der Arbeit an „Oblivion“ vor acht Jahren und schrieb dazu ein Treatment beziehungsweise eine Kurzgeschichte, hatte aber immer den Plan, einen Film daraus zu machen. In dieser Zeit brach in Hollywood der Streik der Drehbuchautoren aus, sodass man niemanden engagieren konnte, der weiter an dem Projekt gearbeitet hätte. Ich ging daher eine Partnerschaft mit Radical Comics ein, einfach, um den Schreibprozess in Gang zu halten. Das erste Bild, das ich gezeichnet habe, war der Sky Tower, jenes Haus, das ein paar Tausend Meter über der Erde in den Wolken schwebt und in dem Jack Harper wohnt. Dann entwarf ich Zeichnungen des zerstörten Mondes und der Reste vom Planeten Erde. Und immer hatte ich dieses Bild vom Empire State Building im Kopf, das in der Sandwüste steckt. Erst kürzlich habe ich mir meine Originalstory wieder durchgelesen und festgestellt, dass der Kern gleich geblieben ist: die Geschichte von Jack Harper, dem letzten Mann auf der Erde.

tip Sie haben an der Columbia Architecture School studiert. Inwiefern verbinden Sie die Architektur mit den Motiven des Films?
Joseph Kosinski Architektur und Set-Design repräsentieren ganz stark die zwei Welten, in denen sich Jack Harper bewegt. Da ist einerseits der Sky Tower, Harpers Wohnung mit den glatten, weißen Oberflächen, der in seiner Konzeption stark von Mies van der Rohe beeinflusst ist: Er ist völlig sauber und steril, das Design ist frei von Geschichte, Erinnerung und Nostalgie. Auf der anderen Seite haben wir das rustikale Haus am See, das Harper heimlich auf der Erde besucht. Dieses Haus ist voll von Erinnerungen und der Vergangenheit.

Joseph Kosinskitip Harper wird von Tom Cruise gespielt und wenn man an Tom Cruise denkt, fallen einem sofort viele Bilder ein – von „Top Gun“ bis „Mission: Impossible“. Ist es für einen Regisseur schwierig, mit dieser Star-Persona umzugehen?
Joseph Kosinski Ich gehe damit offensiv um. Für mich ist Tom Cruise ein Schauspieler, der unglaublich viel kann. Mir fallen nicht viele ein, die Motorrad fahren und Hubschrauber fliegen und auch sonst alle ihre Stunts selbst machen können. Aber er kann das und er ist einzigartig. Und ich habe selten jemanden gesehen, der so hart arbeitet wie er. Es ging mir also nicht darum, typische Tom-Cruise-Szenen zu vermeiden. Stattdessen wollte ich sie anders zeigen, in einem neuen Setting, mit einem neuen Look, in einer anderen Geschichte.

tip Wie verknüpfen Sie die Arbeit mit CGI und Live-Action? Ist es eine große Herausforderung, Schauspieler vor einer Green-Box zu inszenieren?
Joseph Kosinski Ich habe alles getan, um möglichst wenig vor einer Blue- oder Green-Box spielen zu lassen. Wir haben eine Technik angewandt, die auch in Kubricks „2001“ verwendet wurde und die man Front Projection nennt. Zum Beispiel die Szenen, die im Sky Tower spielen, wo man Wolken am Fenster vorbeiziehen sieht: Alle diese Bilder entstanden in der Kamera. Ich bin extra einen Tausende Meter hohen Vulkan auf Hawaii hinaufgeklettert und habe dort eine Woche lang Wolken und Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge gedreht. Diese Bilder wurden dann auf eine Leinwand hinter dem Set projiziert. Darum habe ich auch darauf bestanden, on location in Island und New York zu drehen und nicht auf einer Sound Stage. Wenn die Schauspieler wirklich in etwas eintauchen können, sieht man das ihrer Arbeit auch an.

Joseph Kosinskitip Was zählen Sie zu Ihren großen Science-Fiction-Einflüssen? Wenn man Ihren Film sieht, spürt man etwa die Referenzen zu Stanley Kubricks „2001“.
Joseph Kosinski Absolut. Für mich ist „2001“ der beste Film, der jemals gemacht wurde, und Kubrick ist jener Regisseur, den ich wohl am meisten von allen bewundere. Er repräsentiert für mich Science-Fiction in ihrer höchsten Form – eine, die auf Ideen basiert und nicht nur auf Bildern. Nachdem ich in den 80er-Jahren aufgewachsen bin, wurde ich auch stark von „Star Wars“ und „Blade Runner“ geprägt. Aber der größte Einfluss für mich war die TV-Serie „Twilight Zone“ aus den 60er-Jahren. Eine Folge dauerte 30 Minuten, war billig und einfach gemacht und hatte nur eine kleine Gruppe von Schauspielern. Jede Geschichte nahm eine unvorhergesehene Wendung oder verwies auf eine höhere, philosophische Idee, die die Story größer erscheinen ließ, als sie tatsächlich war. Ich glaube, ich wollte mit „Oblivion“ eine „Twilight Zone“-Episode drehen, aber in großem Stil.

tip Warum eigentlich dieser Retro-Futurismus? Gäbe es nicht auch Geschichten zu erzählen, die von unserem derzeitigen Stand der Technologie ausgehen wie beispielsweise Social Media, die wir andauernd benutzen?
Joseph Kosinski Das ist schwierig, wenn es nur noch drei Menschen auf der Erde gibt. Aber ich arbeite tatsächlich an einem Film, der sich mit Technologien befasst, die heute und in den nächsten Jahren besonders relevant werden, und zwar mit der Privatisierung der Raumfahrt. In Kalifornien gibt es Unternehmen wie SpaceEx, die ihre eigenen Raketen entwickeln, um damit ins All zu fliegen. Diese Welt fasziniert mich sehr. Für mich fühlt sich das an wie das neue Silicon Valley.

Interview: Alexandra Seibel

Fotos: Universal Pictures

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Oblivion“ mit Tom Cruise im Kino

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