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Ein Interview mit Justin Kurzel

Macbeth

tip Mr. Kurzel, dem Nachspann von „Macbeth“ kann man entnehmen, dass Sie bei der Einspielung des Soundtracks auch als Schlagzeuger tätig waren. Würden Sie sagen, dass Ihre musikalische Erfahrung hilfreich war, um den Rhythmus des Films und der Sprache zu finden?
Justin Kurzel (lacht). Ich bin nun wirklich kein Drummer, ich habe nur dagesessen und mit einem Finger auf die Trommel geschlagen. Aber ich war in der Tat mein ganzes Leben lang von Musikern umgeben. Mein Bruder hat seine eigene Band und er hat die Musik für den Film geschrieben.

tip Stimmt es, dass nicht die Produzenten, sondern Michael Fassbender Sie für diesen Film gewonnen hat?
Justin Kurzel Nicht ganz. Ein Jahr, bevor mich die Produzenten kontaktierten, hatte ich Michael getroffen, ich bewunderte seine Arbeit, ihm wiederum hatte mein erster Film „Die Morde von Snowtown“ gefallen. Ich wollte gerne mit ihm zusammenarbeiten, war allerdings mit einem anderen Projekt beschäftigt, das dann nicht zustande kam – 18 Monate später rief mich der Produzent Iain Canning an. Als er erwähnte, dass Fassbender Macbeth spielen würde, war ich sofort Feuer und Flamme.

Dreharbeiten zu tip Hatten die Produzenten ein Konzept oder aber haben Sie nur gesagt, wir wollen einen ‚Macbeth‘ für unsere Zeit, und Sie haben Erfahrungen mit getriebenen Figuren?
Justin Kurzel Iain hatte das Drehbuch schon eine Zeitlang vorliegen, es unterschied sich nicht so sehr von der Vorlage, war aber sehr stark mit der Zeit und auch mit der Landschaft verknüpft. Es zeichnete sich zudem durch eine bestimmte Brutalität aus, die ich interessant fand, die Vorstellung, dass dieser Mann ein Krieger war, der unter posttraumatischem Stress litt, auch, dass er und seine Frau zu Beginn viel zerbrechlicher sind. So betonten wir Elemente wie Trauer – es sind zwei verzweifelte Charaktere, bei denen irgendwann die Trauer in Ehrgeiz umschlägt.

tip Man könnte Ihre beiden Filme auch als Reflexionen über die Ursprünge von Gewalt lesen?
Justin Kurzel Ich vermute, der Produzent hat „Snowtown“ gesehen und bemerkt, dass ich ein Interesse an Figuren mit Fehlern habe, Figuren, die vom Bösen angezogen werden. Ich selber habe mir damals gar nicht viele Gedanken darüber gemacht, mir ging es in erster Linie darum, mit Michael zusammen zu arbeiten. Erst, als ich mich mehr in die Vorbereitung vertiefte, sah ich, dass es da Parallelen zu meinen eigenen Interessen gab. Mit dem britischen Autor Michael Lesslie habe ich bestimmte Sachverhalte klarer hervorgehoben, etwa die Tatsache, dass das Ehepaar ein Kind verloren hatte.

tip Zu den drei Hexen, die bei Shakespeare auftreten, haben Sie ein Kind hinzugefügt, und Sie lassen den Film enden mit Fleance, dem kleinen Sohn von Macbeths Antagonisten Banquo, der auf das Schloss von Macbeth zuläuft.…
Justin Kurzel Ich sehe darin eine Wiederholung des Verhaltens von Macbeth – Malcolm und Fleance sind die neuen Gegner. Der Fluch wird weitergegeben.

Macbethtip Trotz aller drastischen Shakespeare-Momente ist der Film in einer eher verhaltenen Weise erzählt. War das für Sie auch eine Möglichkeit, dem Theatralischen zu entkommen, wo Schauspieler etwa ins Deklamieren verfallen?
Justin Kurzel Durch die Verse hat Shakespeare schon etwas Distanzierendes. Wenn man das Stück sieht, selbst wenn man es liest, wird man nicht jeden Satz, nicht jede Anspielung verstehen – er ist eher dem Hören von Musik vergleichbar, wo man auch nur Bruchstücke aufgreift. Da ich wollte, dass der Film etwas Emotionales hat, sollten sich die Zuschauer zuerst mit den Figuren identifizieren und sich dann erst auf die Sprache einlassen. Solange sich die Schauspieler wohl fühlten, waren die Verse kein Problem. Wir hatten zuvor einige Wochen in London miteinander verbracht, dabei ging es um Inhalte und darum, was die Verse bedeuteten.

tip Konnten Sie die Schauspieler auch auf den schottischen Drehort vorbereiten?
Justin Kurzel Nein, das war schon ein Schock, gerade weil im Stück viele Verse eher leise gesprochen werden – und das hier vor dem Hintergrund von Bergen und Stürmen!

tip Bei Ihren Debüt „Die Morde von Snowtown“ haben Sie überwiegend mit nicht professionellen Darstellern gearbeitet…
Justin Kurzel Das war hier in der Tat vollkommen anders, aber es gab natürlich auch eine wichtige Gemeinsamkeit, die Suche nach der darstellerischen Wahrheit.

tip Wieweit haben Sie vorab andere Leinwandadaptionen des Stoffes zur Kenntnis genommen?
Justin Kurzel Roman Polanskis Film war der einzige, den ich mir noch einmal angesehen habe, Kurosawas „Das Schloss im Spinnwebwald“ und Orson Welles’ „Macbeth“ habe ich mir erst später angeschaut. Mit dem Stück selber war ich aus vielen Theateraufführungen vertraut, bei einer war ich auch als Production Designer tätig.

tip Ihre Zusammenarbeit mit Michael Fassbender werden Sie fortsetzen …
Justin Kurzel Ja, bei der Videospielverfilmung „Assassins’ Creed“. Michael ist dabei auch einer der Produzenten und stark in die Vorbereitung eingebunden, Ubisoft hatte ihn angesprochen. Mich hat er nach „Macbeth“ gefragt, ob ich interessiert wäre. Ich sehe in dem Stoff interessante Fragestellungen, die vor allem das Gedächtnis betreffen. Michael Lesslie ist wieder als Drehbuchautor an Bord, wir schaffen eine ganz neue Erzählstruktur und werden in diesem Herbst in London mit dem Dreh beginnen.

Interview: Frank Arnold

Fotos: Studiocanal

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Macbeth“ im Kino in Berlin

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