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Ein Interview mit Kathryn Bigelow

Kathryn Bigelow

tip Frau Bigelow, die amerikanischen Kritiker feierten Ihren Film über die Jagd nach Osama bin Laden in seltener Einmut. In der Politik aber ist „Zero Dark Thirty“ sehr umstritten. Wie gingen Sie damit um, als republikanische Abgeordnete eine Untersuchung forderten, weil Ihnen zu viel Zugang zu Geheimakten gewährt worden sein soll?
Kathryn Bigelow Auf kontroverse Diskussionen muss man vorbereitet sein bei einem so emotionalen Thema. Doch diese speziellen Vorwürfe waren überraschend, da sie zu einem Zeitpunkt kamen, als das Drehbuch von Mark Boal noch nicht einmal fertig war. Man warf uns vor, Wahlkampfwerbung für Obama mit einer Erfolgsstory zu machen – dabei wollten wir den Film nie vor der Wahl starten und bemühten uns, „Zero Dark Thirty“ politisch neutral zu erzählen. Obama flackert nur einmal kurz über einen Fernsehschirm – vielmehr geht es um die aktiven Menschen und die Mechanik hinter der längsten, aufwendigsten Zielpersonensuche der Geschichte. Wie sie endete, hat die Welt gesehen. Über die globale Operation dahinter, an der Tausende ein Jahrzehnt lang arbeiteten, wusste man bisher jedoch wenig.

tip Der Film beginnt mit Szenen des berüchtigten Waterboardings, die Ihnen nun den neuen Vorwurf einbrachten, Folter zu legitimieren als Mittel zum Zweck.
Kathryn Bigelow Was offensichtlich unwahr ist. Selbstverständlich lehnen Mark und ich persönlich jede Form von Gewalt ab, doch als Teil des gigantischen Puzzles, das sich zwischen 9/11 und der Erstürmung von bin Ladens Anwesen aufbaute, ist das Element der Folter aus unserer Sicht dramaturgisch unverzichtbar. Wir behaupten nicht, dass sie notwendig war für das Gelingen der Operation. Wir nehmen überhaupt keine Bewertung vor, sondern wollen sie dem Zuschauer überlassen. Aber wir können nicht verschweigen, dass es Folter gegeben hat in einer Fülle von Maßnahmen der CIA gegen den Terrorismus.

Dreharbeiten zu tip Sie haben zunächst an einem thematisch verwandten Stoff gearbeitet, als die Nachricht vom Tod bin Ladens kam. Was steckt von der ursprünglichen Story noch in „Zero Dark Thirty“?
Kathryn Bigelow Weniger als zwei Prozent. Im Grunde mussten wir das erste Drehbuch wegschmeißen, und Mark begann von vorn zu recherchieren. Er ist Journalist, und er schützt seine Quellen, doch ich hielt sein Material für enorm informativ und erhellend. Ich war sehr überrascht zu erfahren, dass eine Frau im Herzen der Jagd steckte – und die Geschichte aus ihrem Blickwinkel zu erzählen, erschien mir dramaturgisch unglaublich reizvoll.

tip Ist diese einsame CIA-Analystin Maya eine echte Person? Oder haben mehrere Frauen entscheidend an dem Fall gearbeitet?
Kathryn Bigelow Viele Menschen innerhalb der Geheimdienste, die zur Ergreifung Osama bin Ladens beigetragen haben, sind noch im aktiven Dienst, daher gibt Mark dazu keine Details preis. Wir können sagen, dass sie auf einer realen Person basiert – aber „Zero Dark Thirty“ ist ein Spielfilm, keine Dokumentation. Ereignisse aus zehn Jahren, verdichtet in zweieinhalb Stunden. Über ein historisches Kapitel, dessen Aufarbeitung gerade erst begonnen hat. Im Laufe der Jahre wird es Hunderte Bücher darüber geben, etliche Akten sind noch lange unter Verschluss. Was „Zero Dark Thirty“ vermitteln will, ist das Gefühl der Jagd innerhalb der „intelligence community“. Mich interessierte auch, was es aus den Menschen macht, die morgens zur Arbeit gehen und den gefährlichsten Mann des Planeten suchen.

tip Weil sie sich persönlich rächen wollen?
Kathryn Bigelow Nein, dazu sind sie viel zu klug. Sie wollen Anschläge wie in London, Madrid und New York verhindern. Das ist ihre Motivation – sonst gibt es nämlich niemanden, der es tatsächlich tut. Sie müssen ständig fokussiert sein auf einen unglaublichen Fluss an Informationen durch Protokolle, Informanten, Geheimdienstarbeit. Um irgendwann mit etwas Glück ein Detail zu entdecken, das ganz woanders einen Schritt weiterführt. Das geht nur mit höchster Vorsicht. Denken Sie nur daran, wie viele Monate das Anwesen bin Ladens vor dem Einsatz beobachtet wurde. Bis zuletzt konnte man sich nicht absolut sicher sein, ob man richtig lag oder nur einen enorm peinlichen internationalen Vorfall produzieren würde.

Zero Dark Thirtytip Finanziert wurde „Zero Dark Thirty“ durch Megan Ellison, der Tochter des Oracle-Gründers Larry Ellison, die zur Zeit viel Geld in relativ riskante und vergleichsweise ungewöhnliche Projekte wie „The Master“ oder „Killing Them Softly“ steckt. Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit?
Kathryn Bigelow Megan ist ein Engel für Hollywood, weil sie an Stoffe glaubt und dann alles für sie tut. Kaum vorstellbar für mich, dass „Zero Dark Thirty“ innerhalb des normalen Studiosystems in der Form hätte realisiert werden können. Mit einer Frau als Hauptfigur dieser so männlichen Welt, mit einer komplizierten Struktur. Schon gar nicht innerhalb dieser knappen Zeitspanne.

tip Was fiel Ihnen bei der Umsetzung am schwersten?
Kathryn Bigelow Ich habe mir sehr viel Zeit für das Casting genommen, weil ich sicher sein wollte, Schauspieler zu finden, die mit mir überall hingehen würden. Es war emotional kein leichter Dreh, jede Szene hatte ihre eigene Intensität, und es brauchte von allen Beteiligten ein dauerndes, sehr hohes Konzentrationslevel. Ich hatte die Verantwortung, keine Klischeefiguren auf die Leinwand zu bringen, sondern ein möglichst realistisches Abbild des Apparates hinter der Hatz zu zeigen – und allen voran Jessica Chastain ist fantastisch darin, die menschlichen Momente in einer permanenten Hochdruckumgebung zu finden.

tip Ist „Zero Dark Thirty“ als Stoff über die Geheimdienste ein Komplementärfilm zu „The Hurt Locker“, der die Welt nach 9/11 aus militärischer Sicht zeigt?
Kathryn Bigelow Die beiden Filme sind fraglos miteinander verbunden, auch wenn sie völlig getrennt voneinander existieren und inhaltlich wenig teilen neben dem Zeitbezug. Aber ich habe damals beim Drehen vieles lernen und Quellen finden können, die mir jetzt bei „Zero Dark Thirty“ halfen. Von rein logistischen Lösungen beim Dreh in der Wüste Jordaniens bis zum Entwickeln einer ungewohnten erzählerischen Perspektive. Auch bei „The Hurt Locker“ war der Schlüssel zum Thema für mich die ungewöhnliche Hauptfigur, gespielt von Jeremy Renner.

tip Damals gewannen Sie als Außenseiter Oscars für Film und Regie – nun gelten Sie für die nächste Verleihung als Mitfavorit.
Kathryn Bigelow Ach, hören Sie bitte auf. Es freut mich, wenn der Film positive Resonanz bekommt und dadurch vielleicht ein Publikum findet. Aber ich selbst habe ja noch nicht mal ganz verdaut, für „The Hurt Locker“ gewonnen zu haben – da werde ich mich hüten, über irgendwelche Zukunftspreise zu spekulieren (lacht).

Interview: Roland Huschke

Foto oben: Ralph Alswang. www.ralphphoto.com

Foto mittig: 2012 Universal Pictures

Foto unten: Jonathan Olley / 2012 Columbia Pictures Industries

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Zero Dark Thirty“ im Kino in Berlin

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