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Ein Interview mit Lars von Trier

Lars von Trier

Er hat sich bei der Festivalleitung von Cannes entschuldigt, in Israel und bei den Deutschen. Er hat das Lob des iranischen Kulturministers abgewehrt und den Applaus von irren Rechten. Lars von Trier, aufgewachsen als Sohn eines im Zweiten Weltkrieg nach Schweden geflohenen jüdischen Vaters ist kein dänischer Nazi, nur ein notorischer Provokateur, der die Sprengkraft seiner Redebeiträge nicht für jeden Kontext richtig einschätzen kann. Die Nerven seiner Produzenten liegen nach dem Cannes-Skandal immer noch blank, aber von Trier ist längst wieder in seinem Element. Gut gelaunt sitzt er in seinem Arbeits-Bungalow auf dem Kopenhagener Zentropa-Gelände auf seiner Couch und blättert durch das Notizbuch von tip-Filmredakteur Robert Weixlbaumer, bis er bei einer Skizze landet, die das Schlussbild von „Melancholia“ zeigt. Der Redakteur deutet auf die Skizze und sagt …

tip … this is the end.
Lars von Trier (singt die Doors-Melodie) „This is the end.“ Erinnern Sie sich an den Text?

tip Es gibt immer etwas nach dem Ende.
Lars von Trier Ja, aber ich mach mir ein bisschen Sorgen, dass es da nichts gibt. Ich und meine Jungs, die jetzt 13 sind, wir lesen ein Buch, das heißt „A Short Story About Nearly Every­thing“, es handelt vom Urknall und solchen Sachen. Es gibt darin die Idee, dass das Universum sich ausdehnt und sich zusammenzieht, dass es Millionen von Universen gibt, aber dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass es jemals ein Universum wie unseres wieder geben wird. Und ich rede nicht vom Leben, sondern nur vom Universum.

tip Interessant. Ich mochte dagegen immer Nietzsches Idee von der ewigen Wiederkehr des Gleichen, die kosmisch gedeutet auch heißen könnte, dass sich in unendlicher Zeit jede denkbare Variation des Seins wiederholt – ich könnte Lars von Trier sein, in einer unendlichen Zukunft, und Sie könnten ich sein.
Lars von Trier Sie sind so was von herzlich eingeladen. Bitte. Bitte.

Lars von Triertip Ich würde mit Ihnen gerne über Zensur und Selbstzensur sprechen. Dafür gibt es viele Anlässe, einer ist die Tatsache, dass Sie neuerdings Ihre Interviews durch andere Personen autorisieren lassen. Beruhigt Sie das wirklich?
Lars von Trier Ich muss sagen, dass der ganze Vorfall in Cannes … Wenn man jünger ist, ist man stärker. Und ich war mein ganzes Leben lang eine Persona non grata, das ist das Wahrste, was man über mich sagen kann. Deshalb mochte ich den Titel eigentlich ziemlich gerne, als ich ihn in Cannes bekam. Aber es hat mir auch ein wenig Angst gemacht. Ich habe auch mit anderen Journalisten gesprochen, die meinten: „Was Sie in Cannes gesagt haben, das sagen Sie doch seit dreißig Jahren.“ Was zu einem gewissen Grad stimmt – aber das Problem beginnt, wenn man nicht weiß, was ich seit dreißig Jahren gesagt habe und die Details kennt. Wenn man dann nur hört: „I’m a Nazi“, dann reagiert man natürlich. Das war mehr oder weniger das, was passierte. Und ich habe … Angst bekommen. Vielleicht ist das das falsche Wort. Aber ich fühle mich wie ein Tier, wie ein Vogel, der sich daran gewöhnt hat, bei einem Picknick die Krümel aufzupicken. Und dann versucht einer der Picknickgäste, ihn umzubringen. Dann sitzt der Vogel verschreckt am Rande.
Das Problem kommt natürlich, wenn man mit der Presse spricht. Besonders ich, der kein Politiker ist. Ich würde es mit einem Erlebnis vergleichen, das ich hatte, als ich jung war. Ich bin nachts immer durchs Zentrum von Kopenhagen gegangen, meine ganze Jugend über, ohne jemals Angst zu haben. Und eines Nachts bin ich niedergeschlagen worden. Und ich habe es nie wieder getan. Auch wenn ich eine sehr intime Beziehung zu den nächtlichen Straßen von Kopenhagen hatte. Plötzlich war’s vorbei. Ich will mich nicht verteidigen. Aber es ist, als ob man erwachsen würde. Man treibt sich nicht mehr auf den Straßen rum, es ist auch vielleicht okay. Aber es ist auch ein wenig traurig.

tip In metaphorischem Sinn sind gerade Ihre jüngsten Filme, aber das gilt auch schon seit „Europa“, mit Kräften des Unbewussten verbunden, die Sie loslassen und dann wieder einzufangen, zu zähmen versuchen, in einer sehr beherrschten Form. Aber zuallererst gibt es da eine Energie, die Sie frei laufen lassen. Wenn Sie nun Ihre Rede zu kontrollieren versuchen, dann …
Lars von Trier Genau, ich weiß genau, was Sie sagen wollen. Und ich habe das gleiche Gefühl. Man darf das nicht. Man muss, auch wenn man niedergeschlagen wurde, wieder auf die Straßen von Kopenhagen in der Nacht. Das ist die einzige Kur. Aber ich dachte mir nur: Fuck! Auch weil ich sah, dass diese Sache mich plötzlich hindern könnte, meinen nächsten Film zu machen. Was sehr unerfreulich wäre. Ich fühle mich wie ein Seiltänzer, der plötzlich Angst vorm Seiltanzen hat – was keine angenehme Situation ist.

Melancholiatip Etwas, was mich noch aus metaphorischen Aspekten und aus professionellen Gründen interessiert: Sind Sie derjenige, der die Interviews liest?
Lars von Trier Nein. Einmal, weil ich es hasse, mir selbst zuzuhören. Ein Journalist hat mich gezwungen, mir diese Pressekonferenz anzusehen. Ich hasse es, mich zu sehen, mir zuzuhören, und das, was ich sagte, war noch schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Wenn man etwas macht, dann hat man eine Tendenz, sich etwas vorzumachen: „Ah, das war nicht so schlimm.“ Und Kirsten Dunst zu sehen, wie sie sich windet …

tip Tatsächlich hat Kirsten Dunst in Cannes den Preis für die Beste Schauspielerin bekommen, weil sie mit todernstem Gesicht bei der Pressekonferenz neben Ihnen saß – dafür, dass sie nicht lachte.
Lars von Trier Aber das Problem ist, wenn man Regisseur ist, dann unterwerfen sich die Schauspieler, die man sehr liebt, wie in einer Familie, in der niemand – was ich hasse – zurückredet. Die hätten mich zehnmal während der Pressekonferenz retten können, wenn sie gesagt hätten. „Lars, you are not a nazi! Was zum Teufel redest du denn da!?“ Und ich hätte es erklären können, und auch den Quatsch über Juden oder worüber ich da noch alles geredet habe. Ich bin jemand, der gerne spielerisch provoziert, der Witze macht, aber im Scherz wird immer ein bestimmter Anteil von Wahrheit sein – oder ein Dilemma. Wenn Sie hier sitzen würden und nur ein Bein hätten, würde ich das als Allererstes ansprechen. Es wäre aus dem Weg geschafft, und ich wäre auch wirklich daran interessiert. Also ich glaube, Sie haben zwei Beine. Es gibt eine Faszination an Dingen, von denen man nicht fasziniert sein sollte, aber wir sind alle von Dingen fasziniert, über die wir nicht sprechen, und das irritiert mich.

tip Wenn es also eine andere Instanz gibt, die die Interviews autorisiert, verhält sich das wie das Über-Ich zum Ich.
Lars von Trier Ja, das kann man so sagen. Was ich aber jetzt, wo wir reden, realisiere, ist, dass mir nichts anderes überbleibt, als weiter nachts durch Kopenhagen zu marschieren. Das ist die einzige Lösung. Sonst ist man irgendwie tot.

Interview: Robert Weixlbaumer

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 21/11 auf den Seiten 30-37.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Melancholia“ im Kino in Berlin

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