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Ein Interview mit Leonardo DiCaprio

tip Könnte es auch mal krachen, wenn Sie völlig anderer Meinung als Scorsese sind?
DiCaprio (schmunzelt) Für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass ich bei Dreharbeiten komplett anderer Auffassung bin als Mr. Scorsese, würde ich ihm höchstens in einem ruhigen Gespräch in der Ecke meine bescheidene Perspektive darlegen. Krachen könnte es niemals. Es heißt immer, er sei eine Vaterfigur, und hinsichtlich unserer italienischen Wurzeln verstehe ich das auch – aber am Set ist er vor allem mein Chef, und seine Meinung ist am Ende immer Trumpf.

tip Wie wichtig waren Ihre eige­nen Eltern während Ihrer Laufbahn?
DiCaprio Ohne sie säße ich nicht hier. Ich treffe bis heute keine wichtige Entscheidung, bevor ich nicht die Einschätzung meiner Eltern gehört habe. Es war meine Mutter, die einst auf die Wünsche eines Zwölfjährigen hörte, der Schauspieler werden wollte, und die mich jahrelang klaglos von einem Castingtermin zum nächs­ten gefahren hat. Und mein Vater hat mich immer auch in geschäftlichen Angelegenheiten beraten. Spielte es eine Rolle, dass sie voneinander geschieden wa­ren? Nein, das änderte überhaupt nichts an ihrer Liebe und Unterstützung.

tip Sie wussten tatsächlich schon als Kind, dass Sie Schauspieler werden wollten?
DiCaprio Nein, erst als Jugendlicher. Die Ironie meiner Herkunft ist ja, dass ich zwar im Bezirk Hollywood und damit im symbolischen Herzen der Filmindustrie aufgewachsen bin, aber mir das Schauspielervirus erst als Heranwachsender geholt habe, vorher hatte ich gar nichts mit der Branche zu tun. Ich kann mir heute schlichtweg nicht mehr vorstellen, den Hunger nach diesem Job zu verlieren. Spätestens, als ich die großartigen Filme der Siebziger sah – „Taxi Driver“, „Apocalypse Now“, all die Klassiker eben –, da hat mich dieses Fieber erfasst, und ich habe mir geschworen: Wenigs­tens einmal im Leben willst du auch an so etwas teilhaben und so eine Leistung bringen! Ob es mir gelungen ist? Das sollen andere beurteilen. Ich weiß nur, dass ich selbst dann nichts anderes machen werde, wenn mich kein Regisseur der Welt mehr anheuern will. Dann drehe ich halt mit meinen Freunden privat und ohne Budget Filme.

tip Machen Sie sich generell viel Gedanken über die Zukunft, und unterliegt Ihre Laufbahn einer gewissen Planung?
DiCaprio Ich würde es sogar als eine meiner eklatanten Schwächen bezeichnen, dass ich vor Rollenentscheidungen ewig lange Optionen hin und her wälze und wegen dieser Zögerlichkeit viel Zeit verschwende. Andererseits lief es bisher ganz ordentlich, und vielleicht brauche ich diesen Modus, um zu funktionieren (lacht). Aber jede Planung kann gar nicht weiter als bis zum nächs­ten, vielleicht übernächsten Film reichen, weil sich Geschäft und Geschmä­cker zu rasant verändern. Derzeit befürchte ich zum Beispiel, dass Produktionen mit mittelgroßen Etats wie „Zeiten des Aufruhrs“ wegen der Wirtschaftskrise und austrocknender Finanzierungen zu verschwinden drohen. Um Risiken zu minimieren, wird Hollywood nur noch in extrem teure, aufwendige und über ihren Event-Charakter quasi vorverkaufte Filme investieren. Oder in Independent-Stoffe, die so wenig kosten, dass man mit ihnen kaum Geld verlieren kann.

tip Haben Sie vor, dieser Entwicklung auch hinter den Kulissen mit Ihrer Produktionsfirma Appian Way gegenzusteuern?
DiCaprio Nach Möglichkeit. Sicher ist nur, dass ich den Trend nicht allein werde stoppen können und dass die Schauspielerei mein Hauptjob bleibt. Ich bin zum Produzieren oder gar zum Regieführen nicht wirklich geschaffen, weil ich Kontrolle über meine Arbeit brauche, und in anderen Feldern als der Schauspielerei müsste ich zu viel Verantwortung delegieren.

tip Woher stammt dieser Wunsch nach Kontrolle?
DiCaprio Keine Ahnung, ich versuche mich nicht auch noch endlos zu analysieren. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus persönlichem Ehrgeiz und grundsätzlicher Liebe zum Kino. Für mich sind Filme nämlich tatsächlich Kunst und kein purer Kommerz. Und auch wenn diese wundervolle Kunstform im Gegensatz zur Malerei oder Bildhauerei his­torisch noch in den Kinderschuhen steckt, so möchte ich doch daran mitwirken, etwas zu erschaffen, was man für zukünftige Generationen in eine Zeitkapsel stecken könnte.

Interview: Roland Huschke

Shutter Island (Wettbewerb)
13.2., 19.15, Berlinale-Palast
14.2., 15.00, Friedrichstadtpalast
14.2., 22.30, Urania
21.2., 12.45, Friedrichstadtpalast

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