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Ein Interview mit Leonardo DiCaprio

Leonard DiCaprio in

Ein paar Stunden nur, mehr ist nicht drin an Auszeit für Leonardo DiCaprio, der an einem Spätsommertag in London eine Pause von den Dreh­ar­­bei­ten zu Christopher Nolans Sci­en­ce-Fiction-Thriller „Inception“ macht, um über seine Hauptrolle in Martin Scorseses „Shutter Island“ zu sprechen. Wie elektrisiert ist der Mime von der Aussicht, die von ihm als „absolut kompromisslos und mit einem Touch von ‚The Shining'“ beschriebene Adaption des Romans von Dennis Lehane bald im Kino zu sehen – nicht zuletzt, weil DiCaprios jungenhafte Züge über die Jahre souveräner Schneidigkeit gewichen sind, die ihn eher als organischen Teil von Scorseses virilem Mikrokosmos wirken lässt als noch zu Zeiten von „Gangs of New York“. Doch die Vorfreude währt bloß kurz. Als wir das Gespräch zwei Wochen später am Set von „Inception“ fortsetzen, ist „Shutter Island“ vom US-Studio Paramount zur Verblüffung der Branche aus dem Herbst-Programm genommen und um alle Oscar-Chancen gebracht worden. Hintergrund: Es fehlte der Firma 2009 in der Folge der Krise an Kapital, um den Krimi über eine rätselhafte Gefängnisinsel mit angemessenem Werbeaufwand auf den Markt zu bringen. Scorsese soll getobt haben, DiCaprio rollt inzwischen nur entnervt mit den Augen. Nutznießer des Manövers ist die Berlinale, die „Shutter Island“ nun im Wettbewerb (außer Konkurrenz) präsentieren kann.

tip Können wir davon ausgehen, dass sich „Shutter Island“ sehr eng am Plot des Buches orientiert, das beim Lesen ja förmlich nach einer Verfilmung schreit?
Leonardo DiCaprio Sie haben völlig recht, es ist tatsächlich ein sehr filmisches Buch, und wir haben auch alle Elemente genutzt, die nun die Werbekampagne für einen psychologischen Thriller rechtfertigen, bei dem sich Gen­re­fans gehörig erschrecken wollen. Zugleich genügt es Scorsese natürlich nicht, alle zehn Minuten einen Schockeffekt zu setzen. Doch wir haben uns bemüht, im Rahmen des Plots etwas Profundes und Vielschichtiges zu schaffen, das in der Analyse der Figuren vielleicht sogar noch tiefer geht als das Buch. Es ist schwer, da detailliert darüber zu sprechen, ohne lauter Überraschungen vorwegzunehmen. Kennen Sie die Vorlage?

tip Ja, und man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass Sie einen US-Marshal spielen, der in­nerlich gebrochen ist und jeden Tag ein weiteres Stück Selbstkontrolle verliert, ohne es selbst zu merken. Wie sind Sie den Prozess des schleichenden Zerfalls angegangen?
DiCaprio Sehr, sehr vorsichtig. Meine Figur leidet an schwerer Schizophrenie, und wir fragten uns vor jeder Szene, wie viel wir überhaupt zeigen können an persönlichen Projektionen oder äußeren Manipulationen. Klar ist nur, dass sich seine Realität schlei­chend verändert und man nie weiß, ob sein Nervenzusammenbruch bevorsteht oder er schon längst jenseits der Zurechnungsfähigkeit ist.

tip Wie würden Sie die Entwick­lung Ihres Verhältnisses zu Scorsese im Laufe der Jahre beschreiben?
DiCaprio Es kommt immer noch vor, dass ich mich kneifen muss und nicht recht glauben kann, dass ich mit dem besten Regisseur der Welt zusammenarbeite. Man kommt nicht umhin, sich in seiner Gegenwart zu fühlen, als gestalte man ein Stück Filmgeschichte mit. Seine Anwesenheit allein genügt, damit jeder in der Crew noch ein wenig zulegt an Konzentration und Kreativität. Respekt ist eine mächtige Motivation, und auch für mich überwiegt dieses Gefühl ihm ge­gen­über.

Leonardo DiCaprio und Martin Scorsesetip Was unterscheidet eine Regieanweisung Scorseses von der eines sterblichen Regisseurs?
DiCaprio (lacht) Es ist nicht so, als ob er mit Zaubermitteln zum Set käme. Seine Stärke besteht etwa darin, dass er Verantwortung dele­gieren kann und Schauspielern beispiellose Freiheit einräumt. Als wir das erste Mal miteinander drehten, musste ich ihm beweisen, dass meine Instinkte als Schauspieler mit seinen Vorstellungen als Regisseur harmonieren. Er muss dir glauben, dass du auch in der Lage bist, das abzuliefern, was du vorher ankündigst – und nach neun Monaten gemeinsamer Drehschlacht bei „Gangs of New York“ hatte er dieses Gefühl. Seither denke ich, dass wir eine Partnerschaft kultivieren, in­ der beide Stimmen Gewicht haben. „The Aviator“ zum Beispiel war ein Projekt, für das ich ihn begeistern konnte. Aber er hat auch andere Stoffe in Planung, in denen kein Part für mich zu finden ist. Wir gehen von Film zu Film – und dass es vier hintereinander waren, ist ein Luxus. Ich war mir immer darüber im Klaren, dass das auch jederzeit vorbei sein kann.

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