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Ein Interview mit Marina Abramovic

Marina Abramovic

tip Frau Abramovic, woher nehmen Sie die Energie, Ihre extrem kraftraubenden, bisweilen sogar lebensgefährlichen Performances durchzustehen?
Marina Abramovic Ich habe eine Theorie, die ich Körperdrama nenne. Leute wie Michael Jackson konnten mit ihrer bloßen Präsenz Elektrizität herstellen. Ich bin nicht Michael Jackson. Aber ich kenne diese Energie, die im Publikum entstehen kann, wenn man in einer Performance alles gibt. Es ist schwer, sich vorzustellen, was in einem Künstler vorgeht, wenn er vor 100.000 Menschen auftritt und die dabei entstehende Energie nach Ende des Konzerts in seinem Körper bleibt. Das ist eben das Körper­drama – wenn man diese Energie nicht allein verarbeiten kann. Deshalb greifen Menschen zu Drogen, überdosieren ihre Hilfsmittel. Nur um runterzukommen. In östlichen Kulturen weiß man genau, wie man mit diesen Energien umzugehen hat, wie man sie positiv benutzen kann. In der westlichen Gesellschaft aber bringt einen diese Art der Energie um. Junge Künstler, die der Öffentlichkeit übermäßig ausgesetzt sind, wissen nicht, was sie mit diesem Druck tun sollen.

tip Aber ist es nicht so, dass auch Sie die Energie Ihres Publikums dringend brauchen?
Marina Abramovic Schon, aber zugleich muss ich einen Weg finden, damit umzugehen, dass die Zuschauer am Ende wieder gehen. Das ist ein unglaublich wichtiger Augenblick jeder Performance.

tip „Marina Abramovic – The Artist is Present“ kreist um Ihre Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art im Frühling 2010. Was spielte sich ab, als Sie im MoMA für elf Wochen täglich siebeneinhalb Stunden lang schweigend Ihr Publikum fixierten?
Marina Abramovic Dabei habe ich gelernt, wie man es schafft, damit umzugehen, dass jede einzelne Person, die mir gegenübersitzt, die Energie, die sie spendet, beim Gehen wieder mitnimmt. Ich empfange und gebe weiter. So setzt sich die Energie in mir nicht fest. Trotzdem ist man natürlich unglaublich verletzbar. Man sitzt da wie mit einer offenen Wunde.

Marina Abramovictip Sie haben den Regisseur Robert Wilson kontaktiert, um sich von ihm Ihr Begräbnis inszenieren zu lassen. Warum denken Sie so intensiv über Ihren Tod nach?
Marina Abramovic Das ist doch wichtig. Vielleicht hat das mit der Kultur zu tun, in der ich aufgewachsen bin, aber ich denke, man kann das Leben nur genießen, wenn man auch zu sterben bereit ist. Man muss begreifen, dass man jeden Augenblick tot umfallen kann. Ich werde im November 66. Das ist ein bedenkliches Alter. Ich befinde mich jedenfalls in der letzten Phase meines Lebens. Natürlich habe ich keine Ahnung, wann ich wirklich sterben werde; das kann in fünf Jahren sein oder auch erst in 20. Aber das Ende ist nah – und damit muss man sich auseinandersetzen. Ich finde, dass der eigene Tod die letzte Aktion sein müsste, die man als Künstler setzt. Also werde ich in Belgrad, Amsterdam und New York, jenen Städten, in denen ich am längsten gelebt habe, zeitgleich begraben werden – und die Welt im Ungewissen lassen, in welchem der drei Särge mein Körper liegen wird. Und danach will ich ein Fest. Die Sufis sagen, das Leben sei ein Traum, und erst mit dem Tod wache man auf. Deshalb will ich, wenn ich begraben werde, am Friedhof knallige Farben haben, Gesang und dreckige Witze. Ich hatte ein gutes Leben, und wir müssen ohnehin alle sterben, warum also trauern?

tip Sie behaupten, man könne von Misserfolgen viel mehr lernen als von Triumphen. Woran sind Sie denn gescheitert?
Marina Abramovic Mein größter Misserfolg war das Scheitern meiner Beziehung zu Ulay. Für mich war das auf Lebenszeit geplant. Ich fand, wir waren auf etwas so viel Höheres aus; wir wollten aus zwei kreativen Egos eine Kunst erschaffen, die keinen Egoismus mehr brauchte. Als wir uns 1988 trennten, konnte ich nicht mehr arbeiten; drei Jahre lang war ich nicht imstande, mich einem Publikum auszusetzen. Ich tat so, als sei alles gut, konnte über unser Fiasko aber nicht reden. Unseren Abschied voneinander inszenierten Ulay und ich bekanntlich auf der chinesischen Mauer; wir gingen aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander zu, jeder 2.500 Kilometer, nur um uns am Ende zu trennen. Für mich war die Aktion ein eklatanter Misserfolg. Denn Ulay und ich waren nicht in der Lage, einige der dümmsten Dinge des Lebens zu überwinden, etwa Eifersucht oder Konkurrenzdruck auszuschalten. Ich musste also zu meiner eigenen Arbeit zurückkehren. Das war ein bedeutender Moment in meinem Leben: Ich war 41 und hatte nichts mehr.

Marina Abramovictip Ihre Arbeit gilt als radikalfeministische Kunst, aber Sie sind bei solchen Begriffen selbst misstrauisch.
Marina Abramovic Zunächst glaube ich nicht an die Gender-Theorie. Kunst hat kein Geschlecht. Und dann hasse ich diese Prozentrechnerei, die besonders in Amerika gepflegt wird: Wie viele Frauen arbeiten in der Kunst? Wie viele Lesben schaffen es? Wie viele Afro­amerikaner machen Karriere? Wie viele Puerto Ricaner? Wen interessiert das? Kunst ist nicht demokratisch. Es gibt gute und schlechte Kunst. Die Frage, wer sie macht, ist unwichtig. Wer feministisch denkt, sitzt schon im Ghetto fest. Ich kämpfe seit Jahrzehnten dagegen an, als Frauenkünstlerin gesehen zu werden. Denn ich habe mich als Frau nie schwach gefühlt, sogar meist sehr überlegen, um ehrlich zu sein. Feminismus in der Kunst ist ein Stigma. Und ich habe nie in meinem Leben eine gute feministische Ausstellung gesehen.

tip Aber es ist doch eine Tatsache, dass immer noch so viel mehr Männer in der Kunst reüssieren. Das liegt ja wohl nicht daran, dass sie grundsätzlich besser wären.
Marina Abramovic Das hat einen ganz simplen Grund: Frauen sind in der Regel nicht dazu bereit, so viel für die Kunst zu opfern wie Männer. Viele gute Künstlerinnen wollen eben auch eine Familie und Kinder – und Erfolg auf dem Kunstmarkt. Sobald man Kinder hat, geht das Gros der Energie aber eben an diese. Die schlechte Nachricht ist: Man hat nur eine Energiequelle.

tip Die Benachteiligung von Frauen in einer  patriarchalen Gesellschaft ist kein Thema?
Ich weiß nicht. Ich habe sehr bewusst auf Kinder verzichtet, meine Ehe hat auch nicht funktioniert. Mein Leben ist verrückt. Ich lebe nach Plan, hetze Terminen hinterher, arbeite wie wild. Und ich liebe das, ich würde es nie ändern wollen.

Interview: Stefan Grissemann

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Marina Abramovic – The Artist is Present“ im Kino in Berlin

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