Kino & Stream

Ein Interview mit Martin Scorsese

The Wolf of Wolf Street

tip Haben Sie ihm das komödiantische Talent zugetraut, das er in „The Wolf of Wall Street“ zeigt?
Martin Scorsese Oh ja. Er ist ja außergewöhnlich ausdrucksstark. In der Postproduktion von „Gangs“ erzählte er mir diese Geschichte von Koko, dem Gorilla, den er im Rahmen einer Umweltschutzaktion kennenlernte. Er erzählte, wie der Gorilla ihn zum Sofa führte und ein Video anschaltete: „Gorillas im Nebel“! (lacht laut los). Hier ist ein Film, so was solltest du mal machen! (lacht) Er imitierte diesen Affen, es war eine große Szene! Und in diesem Film hier war ich ganz hingerissen von seiner körperlichen Comedy, seinem Slapstick.

tip Manche halten diese Szene, in der er high zu seinem Ferrari robbt, für oscarreif, andere meinen, dass sie ihn den Oscar kosten könnte …
Martin Scorsese Na ja, ich würde mal sagen, im Hinblick auf die Oscars haben wir schon von der ersten Einstellung an ein Problem … in der die Hauptfigur einer nackten Frau Koks in den Anus bläst. Ja, und dann kommt das Zwergenwerfen – ich weiß nicht, ob wir uns da noch über die Slapstick-Szene sorgen sollten. Aber wenn ich an Preisverleihungen denke, warum soll ich dann überhaupt noch einen Film machen?

tip Sie muten Ihren Zuschauern damit ganz schön viel Drastik zu. Hatten Sie, wenn schon nicht die Reaktion der Academy, zumindest die Reaktionen des Publikums im Blick, als Sie diese Geschichte inszenierten?
Martin Scorsese Nein. Wir reagieren ja auf den Stoff. Ich will nicht hochmütig rüberkommen, aber ich mache das seit 1973. Und ich kann das nicht anders. Klar muss man das Publikum zumindest für die Aktionen der Figuren interessieren, ansonsten bleibt keiner die ersten 20 Minuten im Kino.

tip Die Abzockereien der Wallstreet-Zampanos sind schmerzhaft aktuell – ist dieser Film auch ein Abgesang auf den amerikanischen Traum?
Martin Scorsese Ja, ich habe dieses Land sich verändern sehen seit den Fünfzigerjahren. 1952 war ich zehn, und uns war beigebracht worden, dass Amerika ein Land der Möglichkeiten und des Strebens nach Glück sei – aber vor allem ein Land der Chancen und der Freiheit. Und natürlich gibt es einen Konflikt zwischen individueller Freiheit und dem Allgemeinwohl. Aber ich nutzte die Gelegenheiten, die sich mir boten. Und ja, man konnte auch reich werden. Aber irgendwie hat sich das in eine Haltung gewandelt, wo der einzige Wert darin besteht, reich zu sein. Das ist alles. Heute liegt der ganze Wert in Oberflächlichkeiten. Und vielleicht kommt der Frust und die Wut darüber in diesem Film zum Ausdruck – solche Wut, dass ich das einfach auf die Leinwand schmeißen muss.

Interview: Nina Rehfeld

Fotos: Mary Cybulski / MMXIII TWOWS, LLC.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „The Wolf of Wall Street“ im Kino in Berlin

zurück | 1 | 2

 

Mehr über Cookies erfahren