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Ein Interview mit Martin Scorsese

Martin Scorsese

tip Mr. Scorsese, Sie haben mit „The Wolf of Wall Street“ einen Film über den Anlagebetrüger Jordan Belfort gemacht, der seine Raubzüge mit schrankenlosem Hedonismus feiert. Was interessierte Sie an diesem Mann?
Martin Scorsese  Nun, er ist ein Mensch. In seiner Welt wird ja die Frage moralischer Vorbehalte nicht einmal aufgeworfen – es gibt hier überhaupt keine moralische Landschaft. Man spricht von „confidence men“, und solche Männer haben mich immer schon interessiert: Abzocker. Man wird ja überall und immer abgezockt, in der Werbung, auf der Straße, dauernd. Es geht darum, jemanden zu übervorteilen, ohne jeden Gedanken an die Auswirkungen für die andere Person. Ich habe das schon oft in Geschäftsbesprechungen beobachtet: Alle sind sehr nett zueinander, man einigt sich, der Typ verlässt das Zimmer, und sein Gegenüber fängt an zu lachen: Der Idiot, er hätte noch 200?000 Dollar mehr rausschlagen können! Mann, haben wir den übers Ohr gehauen! Und es geht gar nicht um die 200?000, sondern um die Schadenfreue! Aber das ist Teil der menschlichen Konstitution. Wie Gore Vidal so schön sagte: „Es reicht nicht, Erfolg zu haben. Der andere muss scheitern.“ Es ist brutal. Aber wir alle haben es in uns. Und es muss nicht in einem Geschäft sein, es kann sich in der Familie ereignen, in einer Beziehung. Es ist schon beängstigend, wer wir tief im Innern manchmal sind.

tip Mythische Geschichten über die Hybris des Menschen sind meist als Tragödie angelegt – am Ende muss der Hedonist leiden. Aber Belfort scheint fast völlig ungeschoren davonzukommen …
Martin Scorsese Ich glaube schon, dass er gelitten hat. Aber was, wenn nicht? Was dann? Vielleicht hat er einfach bloß einen anderen Weg gewählt, einen Haken hierher oder dorthin geschlagen, wie ein Tier auf der Flucht.

The Wolf of Wolf Streettip Das Projekt lag 2007 schon einmal auf dem Tisch, fiel dann aber auseinander, obwohl Sie und DiCaprio bereits an Bord waren. Warum?
Martin Scorsese Ich hatte 2006 nach „The Departed“ eine gute Beziehung zu dem Studio, aber wie sich herausstellte, haben wir sehr unterschiedliche Geschmäcker. Sie waren bei „The Departed“ zum Beispiel besorgt, dass eine Frau mit zwei Männern gleichzeitig schlafen würde. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte! Das passiert nun mal! Sie wollten nicht, dass Leo in dem Film stirbt, weil sie an die Fortsetzung dachten. Ich sagte: Welche Fortsetzung? Am Ende haben wir uns geeinigt, aber es war sehr anstrengend. Ich fragte mich, ob es das wert ist, so weiterzuarbeiten. Ich sagte: Wenn ihr so in Zukunft Filme machen wollt, kann ich das nicht mehr machen. Denn ich würde sie ja bloß enttäuschen. Was hatte ich da verloren? Es ist ja schon schwierig genug, einen Film zu machen, wenn sich alle einigermaßen einig sind! Wir wollten zusammenarbeiten, aber wir konnten nicht. Also fiel das Ganze auseinander.

tip Leonardo DiCaprio stellte das Projekt wieder auf die Beine. 
Martin Scorsese Ja, er kam immer wieder zu mir, und ich sagte, lass mich damit in Ruhe, ich will nicht drüber reden. Denn schau mal: Es geht hier um jede Menge Drogen, um jede Menge Sex – ich muss das so machen können, wie ich es mir vorstelle, oder gar nicht. Am Anfang gab es in den Notizen vom Studio den Vorschlag, dass sich Belfort seiner Taten schämen sollte. Nein! Er hatte einen Riesenspaß dabei, die Welt abzuzocken und zu vergewaltigen! Glücklicherweise fand Leo unabhängige Finanziers.

The Wolf of Wolf Streettip Dies ist Ihre fünfte Zusammenarbeit mit DiCaprio. Warum schätzen Sie ihn so?
Martin Scorsese Es war dieser „Gilbert Grape“-Film. Ich dachte, wir gucken eine Doku, als ich ihn mit meiner Frau sah. Es brach mir das Herz, ein toller Film. Und dann hatte er gerade „This Boy’s Life“ mit DeNiro gemacht, und Bob rief mich an und sagte: Der Kleine hier ist richtig gut, mit dem solltest du mal arbeiten. Bob sagt so was nie – klar, er erzählt mal, wie nett Leute sind oder so. Aber dieser hier, sagte er, der ist was Besonderes. Dann hat Leo „Titanic“ gemacht, und dann stellte sich heraus, dass er meine Filme mochte. Und er brachte die Finanzierung von „Gangs of New York“ zustande. So begann das.

tip Er bringt auch manchmal Drehbücher mit?
Martin Scorsese Ja, ja. Nach „Gangs of New York“ dachte ich mir: So, und jetzt lass uns mal einen Film machen, ein großes Hollywood-Spektakel! (lacht laut los) Zur Abwechslung! Leo sagte, ich hab da was. Ich las das Drehbuch zu „The Aviator“ und dachte: So, so, Flugzeuge. Ich habe schreckliche Angst vorm Fliegen – gute Idee! (lacht) So, so, ein Filmemacher, die Zwanziger, die Dreißiger. Ein Mann, der ein verrückter Flugpioner ist – aber keinen Türknauf anfassen kann? Aha! (lacht laut los) Das hat die Sache verfestigt. Mir wurde klar, dass er zu allem bereit war. Es gibt diese ganz besondere Szene in „The Aviator“ für mich, sein Zusammenbruch im Vorführraum. Er, nackt in dem weißen Sessel – come in with the milk, come in with the milk! (lacht)

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