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Ein Interview mit Matteo Garrone

Matteo Garrone

tip Herr Garrone, wann sind Sie zum ersten Mal mit den Märchen von Giambattista Basile in Berührung gekommen? Wurden Sie Ihnen vorgelesen, als Sie ein Kind waren?
Matteo Garrone?Nein; erst vor vier oder fünf Jahren hat mir ein befreundeter Maler von Basile erzählt. Ich habe mich sofort in diese Erzählweise verliebt und beschlossen, mich in ein Genre zu stürzen, mit dem ich vorher noch nichts zu tun hatte, das der Märchen und Fantasy.

tip Werden diese Märchen überhaupt Kindern vorgelesen – oder werden sie dafür als zu grausam eingestuft?
Matteo Garrone Als diese Märchen Anfang des 17. Jahrhunderts aufgeschrieben wurden, richteten sie sich eher an ein erwachsenes Publikum. Zudem spiegeln sie aber auch die Grausamkeit der Zeit ?wieder – sie kommen aus dem Mittelalter. Spätere Märchensammler wie Hans Christian Andersen, die Gebrüder Grimm und Charles Perrault haben Motive davon wieder aufgegriffen, sie aber kindgerecht abgewandelt.

tip Waren es die Gewalttätigkeit und das Fantastische, die Sie fasziniert haben, oder auch andere Elemente?
Matteo Garrone Was mich besonders fasziniert hat, war die Originalität der Geschichten, ebenso sah ich die Möglichkeiten, die sich daraus für eine visuelle Umsetzung ergaben. Vergessen Sie nicht: ich habe an der Kunstakademie in Rom studiert und bevor ich anfing, Filme zu machen, einige Jahre lang als Maler gearbeitet. Zudem werden bei Basile Themen angesprochen, die auch heute noch eine große Aktualität besitzen. Es geht um Gefühle, die ins Extreme getrieben werden: Verlangen, Leidenschaft.

tip Wie schwierig war der Weg von den ?ursprünglichen Märchen zum Drehbuch?
Matteo Garrone Die Struktur der Geschichten von Basile bietet sich eigentlich an, um sie in ein Drehbuch zu übertragen, denn es gibt immer eine vorwärtstreibende Handlung in ihnen. Natürlich ist der Film eine andere Kunstform, deshalb mussten wir uns gewisse Freiheiten nehmen. Das größte Problem war vielmehr, aus den 50 Geschichten auszuwählen. Wir haben uns dann für drei Geschichten mit Frauen in verschiedenen Lebensaltern entschieden.

Matteo Garronetip Die Filme, die Sie vorher gedreht haben, besonders „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“, Ihr wohl bekanntester Film, bezogen ihre Stoffe aus der Wirklichkeit, die dann aber in den Filmen überhöht dargestellt wurde. Hier ist es in gewisser Weise umgekehrt: die Geschichten beinhalten viele fantastische Elemente, faszinieren aber auch durch ihre realistische Textur. Bedeutete das für Sie eine ganz andere Arbeitsweise?
Matteo Garrone Ja, wir haben den umgekehrten Weg beschritten: ausgehend von einem fantastischen Stoff haben wir versucht, diesen greifbarer, erlebbarer zu machen, damit er dadurch auch glaubhafter wird. Insofern haben wir die fantastischen Elemente der Vorlagen ein Stück weit zurückgenommen. Bei „Gomorrha“ war der Ausgangspunkt die ziemlich krude Realität im Süden Italiens, die wir märchenhaft überhöht haben. Unter dem Strich habe ich dann aber doch im Hinblick auf das, was die Filme über den Menschen aussagen, keinen so großen Unterschied festgestellt. In beiden Filmen geht es darum, dass Menschen um ihr Leben kämpfen und ihren Obsessionen nachgehen.

tip War die Modernität der Themen, die sich in Basiles Märchen entdecken lässt, etwa der weibliche Schönheitswahn, etwas, das schon den Ausschlag gab bei Ihrer Wahl dieses Stoffes – oder aber hat sich das erst in der Bearbeitung so klar herausgeschält?
Matteo Garrone Die Geschichte der beiden alten Frauen war ein entscheidender Anstoß für mich, den Film machen zu wollen, denn das ist eine der schönsten Geschichten, die ich je gelesen habe. Nicht nur die Figuren haben mich fasziniert, sondern auch die Ironie – eine Geschichte über Facelifting aus dem 17. Jahrhundert!

tip Ihre Kreaturen haben etwas Handgemachtes, keine Geschöpfe aus dem Computer, was heute ja der gängige Weg ist.
Matteo Garrone Dafür haben wir uns, in Zusammenarbeit mit unserem Ausstatter Dimitri Capuani, von Anfang an entschieden – dass sie etwas Greifbares haben sollten. Die Spezialeffekte sollten sich nie verselbständigen, digitale Nachbearbeitungen haben wir nur in sehr geringem Maße vorgenommen. Entscheidend war für uns doch das Taktile. Wir wollten einen handwerklichen Look haben, mit dem wir uns auf die Anfänge des Kinos beziehen.

tip Dies ist Ihr erster Film in englischer ?Sprache …
Matteo Garrone Ich bin der Auffassung, das Englisch hat den Geschichten von Basile keinen Abbruch ?getan. Im Original sind die Texte übrigens im neapolitanischen Dialekt gehalten, den? würde heute niemand verstehen. Dies ?sind – wie jemand einmal gesagt hat – die Geschichten eines deformierten Shakespeare aus Neapel. Dazu passt das Englisch doch! Zudem beschädigt es ja nicht die Kraft der Bilder.

Interview: Frank Arnold

Fotos: 2015 Concorde Filmverleih GmbH

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