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Ein Interview mit Meryl Streep

Meryl Streep

tip Frau Streep, man hört, Sie hätten die Rolle in „Im August in Osage County“ zunächst ein paar Mal abgesagt …?
Meryl Streep Stimmt, mir gefiel der Gedanke nicht, Zeit in der Haut dieser Frau verbringen zu müssen. Violets Seele erschien mir wie vergiftetes Terrain. Man sagt ja immer, dass solche emotionalen Abgründe für Schauspieler die spannendsten Herausforderungen sind. Aber ich wollte weder diese Krebserkrankungen und die Schmerzen spielen noch 40 Zigaretten am Tag rauchen müssen. Ich hatte einfach keine Lust darauf, mich mit den körperlichen und mentalen Qualen zu belasten, mit dem Hass, der von dieser Frau ausgeht und auch auf sie zurückfällt.

tip Nach über 40 Jahren vor der Kamera haben Sie immer noch Angst davor, dass Ihnen eine Figur zu nahe geht?
Meryl Streep Ich denke, davon kann man sich nie ganz frei machen. Und glauben Sie mir: Eine solche Figur, die derart alleine ist und der kein einziger Moment der Erlösung gegönnt wird, habe ich in meiner gesamten Karriere noch nicht gespielt. Sich da hineinzuversetzen, das kann durchaus toxisch sein. Ich hätte die Rolle nicht gespielt, wenn ich nicht das Gefühl gehabt hätte, einen Weg zu finden, wie ich abends wieder aus ihr herauskomme.

tip Bei den Golden Globes scherzten Tina Fey und Amy Poehler, dass Sie der lebende Beweis dafür seien, dass es in Hollywood durchaus Rollen für Meryl Streeps über 60 gäbe. Sind Sie tatsächlich nur die Ausnahme – oder bessert sich das Rollenangebot für ältere Schauspielerinnen mittlerweile?
Meryl Streep Ich würde mich selbst gerne als jemanden sehen, der zumindest einen Fuß in die Tür gekriegt hat. Und jetzt werden andere hoffentlich nach mir hindurchgehen. Ich habe diesbezüglich nie aufgegeben. Wobei ich selbst ja letztlich gar nicht viel leisten könnte, wenn es nicht immer mal wieder Menschen in Hollywood gäbe, die ihr Geld in Filme stecken, in denen ältere Frauen im Zentrum stehen.

tip Aber nach so vielen Kassenhits und inzwischen 18 Oscar-Nominierungen hat doch Ihre Stimme in der Branche ein gewisses Gewicht, oder etwa nicht?
Meryl Streep Gewicht hat in dieser Branche nur die Stimme des Einspielergebnisses. Der Erfolg von Filmen wie „Die Brücken am Fluss“, „Der Teufel trägt Prada“ oder „Mamma Mia!“ hat etwas bewirkt, weil er zeigte, dass sich entgegen jahrelanger Annahme mit solchen Filmen eben doch Geld verdienen lässt. Da hatte ich also Glück. Aber gleichzeitig muss ich Tina und Amy korrigieren, denn ich bin nicht die einzige. Helen Mirren oder Judi Dench haben trotz ihres Alters wunderbaren Erfolg, Maggie Smith ist gefragter denn je. Und nicht vergessen: Sandra Bullock wird dieses Jahr auch schon 50 und ist auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere. Sie ist das beste Beispiel dafür, dass sich etwas ändert. Kein Produzent wollte „Gravity“ mit einer Frau in der Hauptrolle finanzieren, doch der Regisseur Alfonso Cuarуn hat sich durchgesetzt – und es allen bewiesen. Glauben Sie mir: So etwas geht an der Branche nicht spurlos vorüber.

Interview: Patrick Heidmann

Foto: Claire Folger / 2013 The Weinstein Company / TOBIS Film

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Im August in Osage County“ im Kino in Berlin

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