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Ein Interview mit Michael Caine

Michael Caine in

tip Mr. Caine, der Regisseur Paolo Sorrentino hat die Hauptrolle in „Ewige Jugend“ eigens für Sie geschrieben. Wussten Sie das im Vorfeld?
Michael Caine?Ja, er hat es mir erzählt. Und angeblich hat er irgendwo auch gesagt, er hätte den Film gar nicht gedreht, wenn ich ihm abgesagt hätte. Ich habe mich allerdings enorm darüber gewundert. Denn natürlich hatte ich seinen wunderbaren Film „La grande bellezza“ gesehen und als Mitglied der Oscar-Academy auch für ihn gestimmt. Aber als sein Drehbuch bei mir eintraf, konnte ich kaum glauben, dass er überhaupt weiß, wer ich bin. Und selbst wenn: warum sollte sich dieser Italiener für einen alten Engländer wie mich interessieren? Beschwert habe ich mich aber natürlich nicht, vor allem nicht, als ich das Skript dann las. Diese Rolle wollte ich unbedingt spielen, die Gage war mir vollkommen egal. Verraten Sie es Paolo nicht, aber eigentlich hätte ich den Film sogar ganz ohne Bezahlung gedreht.

tip Sie spielen einen berühmten Komponisten und Dirigenten, der sich auf das Altenteil zurückgezogen hat. Wäre das für Sie jemals vorstellbar?
Michael Caine Oh nein. Aber irgendwie läuft das in meinem Beruf auch anders. Ich habe immer schon gesagt: als Schauspieler geht man nicht in Rente, sondern man wird in die Rente geschickt. Man arbeitet solange, bis einen keiner mehr engagiert. Irgendwann kommt der Moment, in dem man kein Angebot mehr bekommt, für das man wirklich der Richtige ist, sondern nur noch verzweifelte Produzenten ihre Projekte anbieten, zu denen die Drehbücher unerträglich sind und es noch nicht einmal mehr anständiges Geld gibt. Da merkt man dann: okay, meine Zeit ist vorbei. Ich habe das selbst eigentlich schon einmal erlebt, um meinen ?60. Geburtstag herum.

Ewgie Jugendtip Was war damals los?
Michael Caine Das ist das Alter, in dem man vom Filmstar zum Charakterdarsteller wird. Ich weiß noch, dass mir damals ein Drehbuch geschickt wurde, in dem ich die Rolle zu klein fand. Als der Regisseur mir antwortete, das sei wohl ein Missverständnis, denn ich solle nicht den Liebhaber, sondern den Vater der Heldin spielen, wusste ich, dass meine Zeit gekommen war. Viel gearbeitet habe ich damals nicht mehr. Damals lebten wir in Miami, und mein bester Freund und Nachbar dort war Jack Nicholson. Als Bob Rafelson mit ihm den Film „Blood and Wine“ drehte, gab es darin auch eine Rolle für mich. Und plötzlich war ich wieder da. Dass es seither – von „Ewige Jugend“ nun einmal abgesehen – meistens um kleinere Rollen geht, passt mir ganz gut. Ich bin viel zu faul geworden und habe gar keine Lust mehr, wochenlang morgens um 6 Uhr aufzustehen und jeden Tag zehn neue Seiten Text zu lernen.

tip Für „Ewige Jugend“ haben Sie dann doch noch einmal jede Menge Text auf sich genommen. Was war es denn konkret, was Ihnen an der Rolle so gut gefiel?
Michael Caine Je älter ich werde, desto mehr suche ich nach Rollen, die mich immer weiter davon wegführen, wer ich selber bin. Je mehr ich mich verwandeln muss, desto interessierter bin ich. Einen distinguierten Komponisten zu spielen, war genau eine solche Aufgabe, denn ich komme ja aus der tiefsten Arbeiterklasse und habe einen sehr armen Familienhintergrund.

tip Leiden Sie unter dem Alter, so wie diese Figur es zu tun scheint?
Michael Caine Kein bisschen. Das letzte Mal, dass ich mich alt gefühlt habe, war, als ich 38 Jahre alt war. Damals habe ich meine wunderbare Frau geheiratet – und seither bin ich dauerhaft jung.

tip Hat die Begegnung mit Ihrer Frau Sie so sehr verändert?
Michael Caine Vor allem hat sie mich beruhigt. Ich war ein ungestümer, wilder Typ, immer auf Achse. Ich habe unglaublich viel geraucht und auch ganz ordentlich getrunken. Das spielte alles keine große Rolle mehr, als Shakira in mein Leben trat. Wobei ich mein Überleben vermutlich jemand anderem zu verdanken habe, nämlich meinem Kollegen Tony Curtis.

Ewige Jugendtip Tatsächlich?
Michael Caine Ja, und das obwohl wir uns eigentlich gar nicht persönlich kannten. Ich erinnere mich noch an einen ganz bestimmten Abend, es war Winter und ich war auf einer Party in London. Damals rauchte ich Kette, sicherlich 40 Stück am Tag, und immer wieder zündete ich mir mit der noch brennenden Zigarette schon die nächste an. Plötzlich merkte ich, wie von hinten jemand an mich herantrat, in meine Sakkotasche griff und meine Zigaretten ins Kaminfeuer warf. Das war Tony. „Wenn Du damit weitermachst, bringt dich das um“, sagte er. Und vermutlich hatte er Recht. Zumindest glaube ich nicht, dass ich ohne ihn heute noch hier wäre.

tip Ihre Figur in „Ewige Jugend“ leidet darunter, immer wieder auf ein Werk reduziert zu werden. Das Problem kennen Sie angesichts Ihrer vielen Filme vermutlich nicht?
Michael Caine Wenn überhaupt, dann gab es früher mal eine Zeit, als man mich immer wieder mit Alfie aus dem Film „Der Verführer läßt schön grüßen“ in Verbindung brachte. Damals war ich ein junger Mann, und wahrscheinlich gab es wirklich ein paar Übereinstimmungen, schließlich war ich – wie gesagt – viel in den Discos unterwegs. Aber heute bin ich seit 46 Jahren mit derselben Frau verheiratet, also kann davon keine Rede mehr sein. Das einzige, was auch heute immer und immer wieder thematisiert wird, sind meine Stimme und mein Dialekt. Man kann sogar Navigationssysteme für Autos mit meiner Stimme kaufen. Nur schade, dass der Kerl, der da spricht, ein Stimmenimitator ist und nicht ich selbst. Sonst wäre ich sicherlich Multimillionär!

Interview: Patrick Heidmann

Fotos: Gianni Fiorito / Wild Bunch Germany

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Ewige Jugend“ im Kino in Berlin

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