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Ein Interview mit Michael Fassbender

Michael Fassbender

tip Mr. Fassbender, Ihre Karrierekurve zeigt ganz schön steil nach oben. Nach David Cronenbergs „Eine dunkle Begierde“, in dem Sie C.?G. Jung spielen, startet jetzt die Klassiker-Adaption „Jane Eyre“ mit Ihnen in einer weiteren Hauptrolle. Und für 2012 haben Sie schon Filme von Steven Soderbergh, Steve McQueen und Ridley Scott abgedreht.
Michael Fassbender  Das ist mir selbst schon fast peinlich. Glauben Sie mir, dahinter stand kein grandioser Masterplan. Man kann sich nicht vornehmen, von Steven Soderbergh angerufen zu werden. Man kann nur heimlich träumen, dass er einen überhaupt kennt. Mein Durchbruch mit „Hunger“ von Steve McQueen hat alles verändert. Plötzlich klingelte das Telefon pausenlos. Ich habe 20 Monate ohne Freizeit gearbeitet. Keine Zeit für Reflexion.

tip Fühlt sich das nicht manchmal unwirklich an, wenn man mehr oder weniger aus dem Nichts kommt und plötzlich von Cronenberg oder von Tarantino – wie in „Inglourious Basterds“ – inszeniert wird?
Michael Fassbender Die Klasse dieser Leute besteht darin, dich ihre Größe nicht spüren zu lassen. Wenn du bei Ridley Scott am Set in Island zwischen unglaublich spektakulären Kulissen stehst, denkst du nur: „Please, let me not fuck this up!“ Natürlich bin ich ein Anfänger im Vergleich zu den meisten meiner Kollegen. Vor „Eine dunkle Begierde“ habe ich mich darauf eingestellt, demütiger Helfer Cronenbergs und Mortensens zu sein. Die beiden hatten zuvor schon zwei Filme  – „A History of Violence“ und „Eastern Promises“ – miteinander gedreht. Und was sollte ich ihnen nach zwei solchen Filmen schon erzählen? Aber sie haben mich vom ersten Tag an wie einen alten Freund behandelt. Tatsächlich haben sie sich im Erzählen schmutziger Witze gegenseitig übertrumpft.

Michael Fassbendertip Sie haben sich früh darauf festgelegt, Kinoschauspieler werden zu wollen.
Michael Fassbender Ich arbeite auch gern für Theater und Fernsehen, aber für mich ist keine Erzählform von der Kraft her mit dem Kino vergleichbar. Wenn es gut läuft, dann ist es ein High, das Sie bei keinem Dealer kaufen können.

tip Charlotte Brontës „Jane Eyre“ ist schon vielfach verfilmt worden, worin lag da die Herausforderung?
Michael Fassbender Das Prädikat Klassiker wird leichtfertig vergeben, aber hier trifft es ausnahmsweise zu: Wenige Stoffe erfreuen sich bis heute so ungebrochener Beliebtheit. Aber der Reiz liegt hier in der originären Interpretation. Mich hat die Perspektive von Regisseur Cary Fukunaga fasziniert: Der hat sich zuvor mit „Sin Nom­bre“ die Welt mexikanischer Gangs erschlossen, und jetzt hat er sich unbekümmert ins britische Kostümkino gewagt. Es ist auch eine  Verbeugung vor der Tradition und dem künstlerischen Kanon – aber ich hoffe dabei schon, mit meiner Darstellung des Rochester neue Seiten der Figur gefunden zu haben.

tip Er wirkt wie ein Vampir, so sehr ist er in seiner Depression versunken und dabei dennoch ein gefährlicher Verführer.
Michael Fassbender Mir gefiel die Idee, den Ton manchmal einen Tick ins Übernatürliche gleiten zu lassen, um den Geheimnissen Rochesters mehr Raum zu geben. Heute diagnostizierte man vermutlich eine bipolare Störung, so heftig schlagen seine Stimmungsschwankungen aus. Er ist ein Byron’scher Held, gebrochen unter Last der Vergangenheit und Opfer seiner Gefühlsstürme.

tip Beim Filmfest Venedig wurden Sie für den Part eines Sexsüchtigen in Steve McQueens „Shame“ mit dem Preis für den besten Hauptdarsteller prämiert, der sich gegen seine eigenen Emotionen total abschottet.
Michael Fassbender Bei keinem Film bin ich so gespannt darauf, wie er aufgenommen werden wird, wie bei „Shame“. „Hunger“ hat Steve McQueen und mich zu weiterer Radikalität ermutigt. Ich denke, dass „Shame“ sehr zeitgemäß und schmerzhaft die Odyssee eines modernen Gewinners zeigt, der als Mensch jegliche Orientierung verloren hat.

Michael Fassbendertip Jetzt eilt dem Film schon der Ruf des Skandaldramas voraus.
Michael Fassbender Leider völlig irreführend. Den US-Zensoren wird zu viel nacktes Fleisch gezeigt, und sicher gibt es darin Dinge, die nicht immer leicht anzusehen sind. Aber ich kann mich nur wundern, was für ein Sensationalismus einem Film entgegenschlägt, der sich seriös mit der Sexualität von Erwachsenen beschäftigt. Vielleicht hätten wir ein paar Köpfe abhacken oder Maschinengewehre zeigen sollen – da regt sich wenigstens niemand auf (lacht).

tip Sie spielen meistens Figuren jenseits der Grenze zur Neurose. Lässt sich das am Feierabend alles leicht abschütteln?
Michael Fassbender Es ist schwer für mich, den Einfluss von Rollen auf das eigene Leben einzuschätzen. Man verbringt viel Zeit mit den Figuren, man untersucht Verhaltensmuster, und man will auch vermeintlich bizarres Verhalten verstehen. Dabei denkt man unweigerlich über das eigene Leben nach oder prüft den eigenen, moralischen Kompass. Aber zur Belastung werden Rollen nie, weil ich keine klaren Antworten auf Fragen finden muss, die in meinen Filmen gestellt werden. Ich könnte das auch gar nicht. Mein Job besteht darin, sorgfältig meine Hausaufgaben zu machen.

tip Hausaufgaben?
Michael Fassbender Ich studiere jedes Skript wie ein Besessener und suche nach Informationen für meine Figur. Charakteristika, die ich lernen muss oder sogar schon teile. Subtexte, die mehr über jemanden verraten als seine Worte – wie bei „Eine dunkle Begierde“, wo das Wichtigste fast immer zwischen den Zeilen gesagt wird. Dabei eine gewisse Neutralität zu bewahren ist das ganze Geheimnis. Beginnt man Figuren zu bewerten statt ihrer Geschichte treu zu bleiben, droht man das Ziel der Schauspielerei zu verlieren.

tip Sie haben „Eine dunkle Begierde“ in Köln und „Inglourious Basterds“ in Berlin gedreht. Wie nahe fühlen Sie sich dem Land als Ire deutscher Abstammung?
Michael Fassbender Mein Deutsch ist etwas rostig, aber ich verstehe sehr gut und verfolge nicht nur aus der Ferne die Kultur. Von London aus ist Berlin schnell besucht. Das Theater ist brillant. Ich würde gern mal in einem deutschen Stück auf der Bühne stehen.

tip Ist eigentlich etwas dran an den Gerüchten, dass Sie Daniel Craig als James Bond beerben sollen?
Michael Fassbender Daran stimmt nur, dass James Bond von Craig gespielt wird – und zwar ganz ausgezeichnet, wie ich finde. Ich will weitere große Projekte wie „X-Men: Erste Entscheidung“ natürlich nicht ausschließen, aber meine Interessen liegen schon woanders. Hollywood übt wenig Strahlkraft auf mich aus. Also nichts gegen Los Angeles, ich finde mich da gerne für Meetings ein. Aber gute Filme werden in der ganzen Welt gedreht, dafür müssen Sie nicht unter Palmen liegen und womöglich das wahre Leben versäumen.

Interview: Roland Huschke

Fotos: Laurie Sparham / TOBIS Film / 2011 Universal Studios

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Jane Eyre“ im Kino in Berlin

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