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Ein Interview mit Michel Gondry

Michel Gondry

tip Monsieur Gondry, ich würde mich gerne mit Ihnen über Widersprüche unterhalten. Sie sind bekannt für sehr persönliche Filme, mit handgemachten Effekten, aber mit „The Green Hornet“ sind Sie nun in die Welt des Big-Budget-Filmemachens eingetreten.
Michel Gondry Ich denke alle große Kunst besteht daraus, eine Menge Geld auszugeben und etwas herzustellen, in dem das Handgemachte nicht ganz verschwindet. Ich glaube, dass computergenerierte Bilder zu oft eingesetzt werden, um nicht innovativ zu sein, sondern konservativ. Man hält sich alle Optionen offen, die Akteure müssen nicht mehr on Location gehen, man macht es sich leichter. Und man kreiert diesen Look, der zuerst sehr modern erscheint, aber schnell veraltet. Bei Synthesizern wie dem Fairlight, der Ende der 80er der erste war, mit dem man Hochqualitäts-Samplings machen konnte, und der benutzt wurde, um Orchesterstimmen zu liefern, Dam Dam Dam, konnte man das schon sehen. Als der he­rauskam, war man total überwältigt, aber heute gibt es nichts, was veralteter klingen würde.

tip Meine Frage war noch grundsätzlicher gemeint. Das System, in das Sie eingetreten sind, hat nichts mit Ihren früheren Filmen zu tun.
Michel Gondry Aber schon in „Be Kind Rewind“ habe ich über populäre Filme gesprochen, über die Popkultur, habe ich von Leuten erzählt, die nicht intellektuell sind – wozu ich mich selbst zähle. Ich bin kein Intellektueller, ich habe nie richtig studiert. Ich mochte Leute nicht, die ihre Intellektualität prätentiös ausstellen – ich mag Leute lieber, die im richtigen Leben stehen. Der Widerspruch wäre also da, wenn ich immer nur Filme machen wollte, die Intellektuellen gefallen würden. Ich finde das total passend, diese Art von Film zu inszenieren. Entscheidend ist der Spirit der Figuren und des Films überhaupt, dass es nicht das bekommt, was ich hasse: eine coole, glatte Attitüde, diesen Look. Bei vielen Superheldenfilmen bekomme ich echte Gänsehaut – vor Grauen. Seth Rogen hat diese Coolness aber nicht, die man von einem Superheldenfilm erwartet. Ich fand es also akzeptabel, das zu inszenieren.

Michel Gondrytip O.K., dann ein weiterer Widerspruch: Ihr eigenes Drehbuch für „The Green Hornet“ wurde vom Studio verworfen.
Michel Gondry Das war vor 13 Jahren und ich habe es nicht alleine geschrieben. Edward Neumeier, der Autor von „Robocop“ und „Starship Troopers“ war das und ich habe ihn mit Ideen gefüttert. Es war wirklich interessant und tatsächlich dem Projekt von Stephen Chow, der Kato zuerst spielen sollte, viel näher als der Welt, die Seth Rogen und Evan Goldberg in ihrem jetzt finalen Drehbuch geschaffen haben. Ich mag diese Version auch sehr. Meine Variante war nicht mehr realisierbar in diesem Rahmen.

tip Hätten Sie die Nebenfigur Kato in den Mittelpunkt gestellt?
Michel Gondry Darum ging es gar nicht so sehr. Das Herzstück des Films ist ja die Beziehung zwischen den beiden, die Umkehr der Beziehung von Sidekick und Held, die Verwandlung ihrer Beziehung in Freundschaft.

tip Das nimmt etwas aus der Originalserie auf, nämlich, dass Bruce Lee, der Kato spielte, darin die interessanteste Figur war.
Michel Gondry Er blieb aber immer der Diener. Die Zeit war einfach viel rassistischer und das reflektierte die Serie damals. Das mussten wir ändern, das wäre heute nicht mehr akzeptabel.

tip Ein Widerspruch im Film, den ich gerne mochte, steckt im Aufeinanderprallen sehr verschiedener Schauspielkonzepte. Sie haben den improvisationslustigen Seth Rogen in der Titelrolle. Und auf der anderen Seite Akteure wie Edward James Olmos oder Christoph Waltz, die jeden Aspekt ihrer Arbeit wie besessen kontrollieren.  
Michel Gondry Die Erfahrung habe ich auch ein wenig gemacht. Aber jeder ist anders und der Job des Regisseurs ist es, in der ersten Drehwoche zu lernen, mit den Leuten umzugehen. Edward James Olmos wollte ein Fenster in seiner Bürowand haben, damit man ihn in jeder Redaktionsszene im Hintergrund sehen kann. Ich hab das gemacht, weil ich das lustig fand – und man sich aussuchen muss, worum man sich streitet. Christoph sind auch viele Dinge wichtig, aber mit mehr Ironie. Er kommt mehr vom Theater, er glaubt wirklich daran, dass Schauspieler eine Handwerkskunst brauchen – womit ich nicht wirklich übereinstimme. Ich versuche, die Leute dieses Handwerk vergessen zu lassen. Handwerk ist schon wichtig und es ist dankenswert, wenn sich einer den Text merkt, aber jenseits davon muss man flexibel sein. Ich bringe Konfusion und Chaos ein, um ein Leben in etwas zu bringen, das sonst so steif und leblos werden würde.

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