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Ein Interview mit Michel Leclerc

Der Name der Leutetip Auch sexueller Missbrauch spielt in „Der Name der Leute“ eine Rolle. Ist das nicht ein bisschen viel an Themen?
Michel Leclerc Wir haben das Drehbuch nicht so geschrieben, dass wir uns eine Reihe von Themen überlegt haben, die wir abarbeiten wollten, sondern wir sind immer von den Figuren ausgegangen. Bei Bahia dachten wir, das würde zu ihr passen, weil sie ja ihren Körper so einsetzt, dass sie mit ihren politischen Gegnern schläft. Das macht sie zwar anscheinend ganz unbekümmert, aber es war wichtig, dass das durch eine bestimmte Motivation auf eine andere Ebene gehoben wird. Dass sie nicht prüde ist, ist gut; dass sie ihren Körper als Objekt einsetzt, das sollte aber auch etwas Zwiespältiges haben. Bahia wehrt sich auf diese Weise ja auch gegen Dinge, die sie ändern will. Der Psychiater Boris Cyrulnik hat geschrieben, dass man ein Trauma in Lebensbejahung umsetzen kann. Das genau ist es, was Bahia macht. Der Missbrauch nimmt also genau den Raum in ihrem Leben ein, den Bahia ihm gibt.

tip Sie zeigen in einer sehr komischen Szene, dass man im Fernsehen irgendwann nur noch von einer Opfergruppe zur nächsten zappen konnte.
Michel Leclerc Genau, es ist, als ob die Leute nach einem Trauma suchen würden, von dem sie selbst nicht betroffen sind, und so kann es kommen, dass die Familie von  Bahia von einem Kanal zum anderen schaltet, um nicht ständig Sendungen über sexuellen Missbrauch zu sehen, die eine Weile tatsächlich sehr häufig im Fernsehen liefen. Als sie schließlich bei einer Sendung über die Schoah landen, atmen sie richtig auf. Die Tabus der einen sind für andere eben bloß Tatsachen.

Michel Leclerctip Die Szene vor dem Fernseher hat, wie der ganze Film, auch wieder einen ernsthaften Kern, denn dahinter steckt ein Gedanke, der die Geschichtspolitik nachdrücklich beschäftigt: die Opferkonkurrenz zwischen gesellschaftlichen Gruppen, die um Anerkennung für ihre Leiden konkurrieren.
Michel Leclerc In Frankreich spricht man von einer „concurrence de memoire“, von einer „Erinnerungskonkurrenz“ – sie ist unerträglich, das will ich so ungeschützt sagen. Ich halte es für unzulässig, Vergleiche zu ziehen und zu behaupten: „Ich habe mehr gelitten als du, unser Schicksal ist furchtbarer als eures“ etc. Solche Behauptungen kommen zudem meistens nicht von den Betroffenen selbst, die ja sehr oft ums Leben gekommen sind, sondern von den Angehörigen, die Auschwitz oder Algerien oder Ruanda oder was auch immer gar nicht erlebt haben. Diese Vereinnahmung ist schlimm. Ich finde, Leid lässt sich generell nicht vergleichen und aufrechnen.

tip „Der Name der Leute“ erzählt von Integration in einem doppelten Sinn: Integration der familiären Wunden in das eigene Ich und Integration komplexer nationaler Zugehörigkeiten.
Michel Leclerc Der Film sollte optimistisch enden, aber nicht zu sehr. Die Figuren Artur und Bahia stehen am Ende eigentlich schon über der Integration. Ihnen ist gar nicht mehr wichtig, ob sie überhaupt Franzosen sind. Und Martin fragt sich: „Für wen wird unser Kind der Fremde, der Ausländer sein?“ Es liegt in unserer Natur, neue Ausgrenzungskriterien zu schaffen. Diese skeptische Note ist am Ende ebenso präsent.

tip Immerhin gibt es einen neuen französischen Erdenbürger namens Chang.
Michel Leclerc Daraufhin hat uns gleich ein asiatisches Paar angesprochen, das gesehen hat, dass Baya hochschwanger war, um uns zu diesem Namen zu gratulieren. Aber Chang ist das Baby im Film. Unseres wird anders heißen.

tip Nämlich?
Michel Leclerc Das behalten wir für uns.

Interview: Bert Rebhandl

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Der Name der Leute“ im Kino in Berlin

Szenenfotos aus „Das Leben der Leute“: Michael Crotto

Fotos Michel Leclerc: Daniel Pritzkuleit

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