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Ein Interview mit Michel Leclerc

Michel Leclerc

tip Herr Leclerc, Sie und Baya Kasmi, mit der Sie gemeinsam das Drehbuch geschrieben haben, sind privat ein Paar. Kann man davon ausgehen, dass auch persönliche Erfahrungen in „Der Name der Leute“ eingegangen sind?
Michel Leclerc Wir sind jetzt zehn Jahre zusammen, Baya und ich. Und es ist tatsächlich so, dass unser allererstes Gespräch, das wir hatten, ganz so im Film wieder auftaucht, wie wir es damals erlebt haben. Es war einer dieser typischen Dialoge, die man führt, wenn man jemand kennenlernt. Ich fragte sie nach ihrem Namen, sie antwortete: „Baya.“ Ich wollte kennerhaft wirken und sagte: „Ah, das ist brasilianisch.“ Darauf sie: „Nein, weniger sexy, das ist maghrebinisch.“ Und ich: „Ach so, du bist Algerierin.“ Wieder falsch, sie ist Französin, aber der Vater ist Algerier. Dagegen dachte sie bei meinem Namen Michel Leclerc: „Das ist wenigstens einfach, da weiß man, woher du kommst.“ Dachte sie, aber so einfach ist es auch bei mir nicht. Namen sind Identitäten, die aber erst entschlüsselt werden müssen. Baya muss das immer wieder erklären, woher sie kommt, sie ist daran gewöhnt, ihre Geschichte zu erzählen. Bei mir ist die Sache komplizierter. Ich bin befangener, ich habe über viele Jahre hinweg lieber nicht so viel von mir erzählt.

tip Auch im Film ist Artur Martin sehr verschwiegen. Er möchte keine Sache daraus machen, dass er Jude ist und seine Mutter nur knapp der Deportation entkam. Die extrovertierte Bahia dagegen steht für die postkoloniale Generation, die auch noch die Leiden ihrer Eltern verkörpert. Der Film bekommt durch dieses unwahrscheinliche Paar eine interessante Geometrie – beinahe das gesamte 20. Jahrhundert in Frankreich in einer Beziehung.
Michel Leclerc Baya und ich haben entdeckt, wie sehr sich in unser beider Geschichten die französischen Obsessionen widerspiegeln. Die Deportationen während der Nazizeit, der Krieg in Algerien, aber auch der Mai 1968 mit seinen umstürzlerischen Ideen. Wenn man es sich mit einer Identität zu leicht macht, wenn man das Komplizierte daran nicht anerkennen will, dann entstehen Vorurteile. Bei all diesen angeblichen Widersprüchen gibt es in unserem Film aber auch ganz wesentliche Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel ist es wichtig, dass die Mutter von Artur und der Vater von Bahia, die beide stark traumatisiert wurden, niemals einen Opferstatus für sich reklamieren, sondern in der Masse aufgehen wollen. Sie möchten nur nicht auffallen. Ein wenig anekdotischer ist die Sache, dass die beiden Väter gern Dinge reparieren und sich sofort über Bahias Küchengeräte hermachen, als etwas kaputtgeht. Auf diese Weise können zwei so unterschiedliche Männer zu Kumpels werden.

Der Name der Leutetip Ein plötzlich ungeahnt aktueller Aspekt betrifft die Kernkraft, auf die Arturs Vater ja große Dinge gibt.
Michel Leclerc Auch dafür gibt es biografische Gründe. Mein Vater hat sein ganzes Leben in einem AKW gearbeitet. Und die Mutter von Baya ist seit über 20 Jahren militant gegen Atomenergie. Sie gehört einer Organisation an, die nennt sich „Raus aus der Atomkraft“. Daraus entsteht Komik wie von selbst.

tip Sie spielen geschickt damit, dass sich auf das Leid der anderen häufig auch ein gewisses Begehren richtet, eine seltsam verdrehte Identifikation. Sie kommt sehr schön in einem Satz von Bahia zum Ausdruck, als Artur ihr vom Schicksal seiner jüdischen Familie erzählt. Sie sagt in jugendlichem Überschwang, bereit, sich in jedes Leid hineinzuversetzen: „Auschwitz? Das ist doch genial.“
Michel Leclerc Ihre Naivität ist wunderbar, aber ich hatte anfangs doch Bedenken, diesen Satz so in den Film aufzunehmen. Ich fand ihn sehr komisch, aber ich war mir nicht sicher, ob man ihn nicht anstößig finden würde. Es gab aber keine Kritik daran, niemand sagte: „So was darf man doch nicht sagen.“ Bahia ist Anfang der 80er Jahre geboren, Auschwitz ist für sie der Inbegriff eines Opfers, so hat sie das gelernt. Wenn sie also jemand trifft, dessen Mutter beinahe nach Auschwitz gekommen wäre, ist das für sie großartig und beinahe so etwas wie ein historisches Privileg, denn damit ist man auf der richtigen Seite und ganz sicher kein „Fascho“. Dabei ist Auschwitz für sie aber ein Begriff wie aus einem Märchen. Als sie dann die Mutter selber kennenlernt, zerbricht diese Illusion, und es wird für sie konkret und gleich ganz entsetzlich schwierig.

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