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Ein Interview mit Nick Cave

Nick Cave in

tip Wie kamen Sie auf die Idee, ein Filmporträt über Ihre Person mit fiktiven Anteilen zu bereichern?
Nick Cave?Ich hatte mit Iain (Forsyth, Anm. d. Red.) und Jane (Pollard, Anm. d. Red.) schon vorher zusammengearbeitet. Sie hatten für die Plattenfirma Bandsessions für das Bad-Seeds-Album „Push The Sky Away“ gefilmt. Die Art, wie sie das machten, fand ich sehr interessant; das Material wurde großartig. Ich überlegte also, ob man daraus nicht etwas Größeres machen könnte als bloß ein Plattenfirmen-Presskit. Ich sprach sie also an, und sie schlugen mir eine Nick-Cave-Doku vor, aber das lehnte ich gleich ab. Sie kamen mit einem Storyboard wieder, und daran gefiel mir, dass sich der Film um weitere Themen dreht: um Inspiration, Songwriting, Performance.

tip Drei Künstler, mit denen Sie zusammengearbeitet haben, treten zudem auf: Kylie Minogue, Ray Winstone und Blixa Bargeld. Warum genau diese drei?
Nick Cave Für die Szenen, in denen ich mit ihnen im Auto durch Brighton fahre und wir miteinander reden, wollten wir eine magische Umgebung schaffen. Es ist ein Gedankenort gemeint, kein realer Ort. Und um dieses Gefühl zu kreieren, sollten Menschen im Auto sitzen, die gute Freunde von mir sind, die ich aber lange nicht gesehen hatte. Es ergab sich sofort eine besondere Atmosphäre, sogar Spannung, besonders in der Szene mit Blixa. Ihn hatte ich im Grunde nicht mehr gesehen oder gesprochen, seit er 2003 die Band verließ. Allein daher war es eine interessante Situation. Iain und Jane achteten vorher darauf, dass wir beide nur wenig Zeit auf dem Set hatten. Das Gespräch fand im Grunde erst statt, als wir ins Auto stiegen und die Kamera lief.

tip Sie haben vorher tatsächlich nie über die Gründe für seinen Ausstieg gesprochen?
Nick Cave Nein. Die Sache mit Blixa ist, dass er eine sehr wesentliche Figur in meinem Leben darstellt. Er war und ist noch immer ein guter Freund. Es gab in der Tat eine Menge Unausgesprochenes. Der Film bot somit ein besonderes Szenario, um diesen Dingen näherzukommen. Ich hatte ihn damals gefragt, ob er auf dem „Push The Sky Away“-Album mitmacht, und er hatte auch total Lust darauf. Aber dann kamen eigene Verpflichtungen dazwischen und es klappte nicht. Wie er selbst sagt in seiner Szene: Sein Ausstieg war nichts Persönliches, es war ihm nur unmöglich geworden, die Band beizubehalten. Ich wäre nicht überrascht, wenn er auf einem künftigen Album wieder dabei ist.

tip Fühlt es sich nicht sonderbar an, wenn bei persönlichen Gesprächen dieser Art eine Kamera anwesend ist?
Nick Cave Nun, alle Leute, die in diesen Szenen im Auto sitzen, haben weite Teile ihres Lebens in Begleitung von Kameras zugebracht. Kameras sind für uns nichts Sonderbares. Es ist sogar seltsamerweise so, dass ein paar von uns leichter über sich reden können, wenn eine Kamera läuft. Wer mich gut kennt, sagt vermutlich, dass ich viel mitteilsamer bin als normal, sobald eine Kamera in der Nähe ist. Ein Subtext des Films erzählt auch von der Beziehung zur Kamera, wenn sie dich viel in deinem Leben begleitet.

tip Eine Hauptrolle spielt zudem der Ort Brighton, wo Sie seit zehn Jahren leben. Was mögen Sie an der Stadt?
Nick Cave Brighton ist schon bezaubernd. Ich hab meine Geschichte mit der Stadt. Sie liegt nur eine Stunde von London entfernt, und in meiner Zeit in London bin ich oft rausgefahren, wenn die Dinge zu heftig wurden und aus dem Ruder liefen. Dann schloss ich mich in einem Hotelzimmer in Brighton ein, um meinen Kopf klar zu kriegen. Damals habe ich Brighton gehasst – der Ort hatte was Gnadenloses, mit diesem starken Wind, der dort immer bläst. Später bin ich meiner Frau dorthin gefolgt, und inzwischen habe ich meine Liebe zu der Stadt entdeckt.

Interview: Ulrike Rechel

Foto: Szenenbild aus „20.000 Days on Earth“ – Rapid Eye Movies HE GmbH 

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