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Ein Interview mit Noah Baumbach

Noah Baumbach

tip Mr. Baumbach, für mich war Ihr Film nur in zweiter Linie ein Film über zwei Paare, in erster Linie einer über die Figur, die Ben Stiller verkörpert. Wie sehr können Sie sich mit den Auffassungen seiner Figur Josh identifizieren, was Wahrheit und Aufrichtigkeit in seiner Arbeit angeht? Er macht Dokumentarfilme, Sie selbst haben bisher nur Spielfilme gedreht. Gelten solche Prinzipien dort auch?
Noah Baumbach?Wenn man Figuren schreibt, die in der Realität verwurzelt sind, dann gibt es eine psychologische Glaubwürdigkeit, die natürlich etwas anderes ist als dokumentarische Wahrheit, aber sie sollten auf wahrhaftige Weise agieren. Das gilt für meine Arbeit. Ich habe eine Beziehung zu vielem, was Bens Figur macht, andererseits hat sie auch gewisse Vorstellungen, die naiv sind. Das ist eine Blase, die im Verlauf der Geschichte platzt.

tip Die finale Konfrontation, als Ben Stiller den von Adam Driver verkörperten Jamie zur Rede stellt wegen der Unaufrichtigkeiten und Manipulationen, die seinen Film kennzeichnen, haben Sie mit der Musik und durch den Schnitt wie einen Thriller inszeniert – allerdings verläuft die Konfrontation am Ende eher im Sand.
Noah Baumbach Ja, da kommt das wirkliche Leben wieder in die Fiktion hinein. Josh hat Jamie zu einer Art Symbol gemacht, ihm eine Bedeutung verliehen, die diese Figur nicht hat. Kein menschliches Wesen kann so voller Bedeutung sein. Er ist nur soweit ein Schurke, wie Josh ihm erlaubt, einer zu sein. Der Stil des Films greift das insofern auf, als er in der Vorstellung von Josh tatsächlich ein Thriller ist, wie ein Film von Alan J. Pakula, in dem er dem Schurken die Maske vom Gesicht reißt. In Wirklichkeit haben wir es aber mit einem Betrug zu tun, der persönlicher Natur ist. An diesen Punkt bringt uns der Film am Ende zurück.

Gefühlt Mitte Zwanzigtip Drei Wochen nach Ihrem Film startet in deutschen Kinos Peter Bogdanovichs „Broadway Therapy“, den Sie mitproduziert haben. Bogdanovich hat in „Gefühlt Mitte Zwanzig“ einen kurzen Auftritt, der aber doch eine wichtige Funktion hat.
Noah Baumbach Peter ist seit vielen Jahren ein Freund, seit ich ihn Ende der 90er-Jahre für eine kleine Rolle in meinem zweiten Film „Mr. Jealousy“ besetzt habe. Ich schätze seine Filme sehr, ich schätze ihn auch als Person und wollte für die Rolle desjenigen, der in „Gefühlt Mitte Zwanzig“ den Preis an den Dokumentarfilmer vergibt, jemanden, der ein gewisses Gewicht und eine unmittelbare Bedeutung hat. Zum Glück war er vor Ort, warf sich in einen Smoking und hielt diese kurze Ansprache. Bei seinem eigenen Film haben Wes Anderson und ich ihn vor allem bei der Suche nach Geldgebern unterstützt.

tip Bogdanovich hat einen seiner schönsten Filme – „Sie haben alle gelacht“ – in New York gedreht und dabei, auch mit Hilfe des Kameramannes Robby Müller, ganz neue Seiten an der Stadt entdeckt. Wie war es für Sie, als Sie nach „Greenberg“, der in Los Angeles entstanden ist, nach New York zurückkehrten?
Noah Baumbach Nach New York zurückzukehren, hat mir gut getan. Ich habe früher alles hier gedreht, auch „Margot at the Wedding“, der auf dem Lande, aber in der Umgebung von New York spielte.

Gefühlt Mitte Zwanzigtip Dann könnten Sie Woody Allen, der seit Jahren in Europa dreht, als Aushängeschild des New Yorker Filmemachens ablösen.
Noah Baumbach Zumindest mein nächster Film „Mistress Amerika“ (deutscher Kinostart im Dezember; Anm. d. Red.) ist auch dort entstanden. Ich würde aber auch gerne einmal in Europa drehen. Woody Allen ist natürlich ein Vorbild für mich. Als ich seine Filme im Teenageralter entdeckte, hatte ich das Gefühl, das viele haben: Er mache Filme nur für mich. Ich fühlte mich ihnen sehr verbunden, zumal wir auch einige Parallelen in der Biografie haben: Wir wuchsen beide in Brooklyn auf, und ich besuchte dieselbe Highschool wie er. Seinen Filmen fühle ich mich immer noch verbunden. Er hat eine eindrucksvolle Karriere vorzuweisen und ist sich treu geblieben.

tip Hat die LP der Kinks „Lola versus Powerman“, die Ben Stiller in der Wohnung von Jamie und Darby aus dem Plattenregal zieht, eine besondere Bedeutung für Sie?
Noah Baumbach Ich liebe diese Platte! Ich habe das nicht ins Drehbuch geschrieben, aber sie war da. Es gibt auch einige andere Einstellungen, wo er andere Platten herauszieht.

tip Waren das alles Ihre eigenen Schallplatten?
Noah Baumbach Nein – obwohl ich eine ganze Menge besitze. Aber in New York findet man viele Plattensammler.

Interview: Frank Arnold

Fotos: Jon Pack / Square One / Universum

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Gefühlt Mitte Zwanzig“ im Kino in Berlin

Der Regisseur
Das Thema des Älterwerdens als fast unlösbare Entwicklungsaufgabe erkundet Noah Baumbach seit Langem, zuletzt mit glänzendem Erfolg in „Frances Ha“. Gemeinsam mit Greta Gerwig, Hauptdarstellerin dieses Films und zugleich Schreib- und Lebenspartnerin, führt der 45-jährige New Yorker eine Recherche fort, die er mit autobiographisch gefärbten Teenagergeschichten („Der Tintenfisch und der Wal“) begonnen und mit seinen melancholischen Erwachsenenporträts („Greenberg“) erweitert hat.
Robert Weixlbaumer

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