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Ein Interview mit Noah Baumbach

Noah Baumbachtip Mr. Baumbach, in „Greenberg“ erzählen Sie von einem nicht mehr ganz jungen Mann, der gerade aus einer psychiatrischen Klinik entlassen wurde und nun in Los Angeles ein paar Wochen allein im Haus seines Bruders verbringen will. Die komische Spannung des Films beruht zu einem guten Teil darauf, dass man nicht so recht weiß, was eigentlich sein Problem ist. Ist Roger Greenberg bloß auf eine selbstverliebte Weise schwierig, oder ist er ein gestrandetes Kind unserer Popkultur?
Noah Baumbach Der Film ist ein Versuch, das herauszufinden. Ich habe einem befreundeten Filmemacher zwischendurch eine Schnittfassung gezeigt, und er hat von einem Suchscheinwerfer gesprochen, der helfen soll, eine Person zu finden. Traditionellerweise würde man eine Figur einführen, ihre Probleme klar machen, und dann führt der Weg durch alle möglichen Hindernisse hindurch zu einer Art Lösung. Hier geht es einfach darum, eine Figur zu entdecken. Bis zur letzten Szene erfährt man immer noch neue Sachen von ihm. So ist es ja auch im richtigen Leben – wenn man jemand kennenlernt, erfährt man nicht alles in den ersten zehn Minuten.

tip Die Idee zu „Greenberg“ stammt von Ihnen und Jennifer Jason Leigh, die auch eine Rolle im Film hat.
Baumbach Seit Jennifer und ich zusammen sind, arbeiten wir auch zusammen. Sie kann viel mit Szenen anfangen, sie kommt immer auf den Punkt, um den es darin gehen soll. Ich gehe da viel stärker gefühlsmäßig heran, sie aber ist sehr konkret: Was willst du sagen? Das musst du tun! Sie kann sich auch sehr gut auf Versionen einstellen: Wenn sie einen neuen Schnitt sieht, dann kann sie das so tun, als sähe sie den Film zum ersten Mal. Das braucht man wohl als Schauspielerin, wenn man ständig mehrfache Takes spielen soll.

tip Roger Greenberg war einmal in einer Band, irgendwie hat er den letzten Schritt zum Ruhm aber vermasselt. Steckt da auch eine Generationenerfahrung dahinter? Schließlich ist es schwie­riger geworden, etwas Neues zu schaffen.
Baumbach Ich weiß nicht, ob seine Geschichte spezifisch für eine heutige Generation ist. Aber ich habe immer wieder beobachtet, wie Menschen, Freunde, Bekannte eine künstlerische oder berufliche Karriere gestartet haben. Wenn man noch nicht 30 ist, kann einen das ganz schön aus der Bahn werfen. Man ist oft nicht darauf vorbereitet, was das mit Freundschaften anstellt, wenn man in die kommerzielle Welt eintritt. Das führt zu schrecklichen Streitereien, man überwirft sich, es gibt schlimme Verletzungen. Von außen erschei­nen die Fehler der jungen Jahre im Rückblick manchmal trivial, aber das stimmt nicht: Man trägt diese Verletzungen immer noch mit sich herum.

Ben Stiller als tip Im Kontext des amerikanischen Autorenkinos steht „Greenberg“ für eine Position jenseits der Ironie, für die zum Beispiel Quentin Tarantino die maßgebliche Figur ist. Bei ihnen geht es eher um eine Melancholie, die den Schmerz nicht verdrängt.
Baumbach Was sich durch meine Filme zieht (das hat jemand mal zu mir gesagt, und es schien mir überzeugend): Sie haben einen kumulativen Effekt, es hängt nie etwas an einer Szene allein, es gibt nicht die privilegierte, definitive Szene. Etwas lagert sich an, sammelt sich an. Greenberg möchte vor allem nichts tun, und doch ereignet sich da etwas, man muss es nur sehen. Ich nehme inzwischen jeden Film, als ob ich eine Komödie machen würde. Ich denke, dass das alles komisch ist, was sich in „Greenberg“ ereignet, aber ich versuche es so „realis­tisch“ wie möglich zu zeigen – ich weiß nicht einmal, ob das das richtige Wort ist. Zwischen diesen zwei Ansprüchen, zwischen Komik und Realismus, entsteht eine Spannung, die ich nicht erklären kann, die mich aber interessiert und auf die ich hinarbeite. Ich mag, dass die Filme eine sehr offene Stimmung haben, manche finden sie zum Schießen lustig, andere schmerzhaft.

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