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Ein Interview mit Olivier Assayas

Olivier Assayastip Aber gab es nicht auch einen moralischen Aspekt, der das verhindert hätte?
Olivier Assayas Ja, sicher. Es war völlig unmöglich. Aber es würde auch noch ignorieren, dass Carlos noch nie die Wahrheit über seine Geschichte erzählt hat; er lügt oder liefert vollkommen absurde Versionen seiner Taten ab. Wir konnten uns also klarerweise nicht einigen. Aber so wie ich es verstand, war die Botschaft ohnehin, dass er Geld wollte. Ich denke, dass ihm die Produzenten das hätten geben sollen.

tip Schwierig, angesichts dessen, was Carlos getan hat. Ich höre heraus, dass Sie eine bestimmte Bewunderung für ihn haben.
Olivier Assayas Er ist eine historische Figur, er hat ein abenteuerliches Leben geführt, ich glaube, dass er eine dieser „Bigger Than Life“-Figuren ist. Und ich glaube, dass er in allem, was für den Linksradikalismus der Siebziger wichtig war, bis ins Extrem gegangen ist, weiter als jeder andere – in die Sackgasse dessen, worum es in dieser Politik ging. Er ist interessant, ein smarter Mann – aber ich teile selbstverständlich null und nichts von seiner politischen Überzeugung. Aber natürlich, nachdem ich seine Geschichte geschrieben und verfilmt habe,  bin ich am menschlichen Aspekt interessiert. Wer er ist und wie er sich in seiner Falle gefangen hat. Der Nebeneffekt von Carlos’ juristischen Anstrengungen war, dass die Produzenten kalte Füße bekamen.

tip Was meinen Sie damit?
Olivier Assayas Ich musste ein paar Szenen abschwächen. Jedes Mal, wenn etwas wirklich Negatives über Carlos kam, das nicht wirklich hundertprozentig abgesichtert war, machten sie mir die Hölle heiß, weil sie überzeugt waren, dass Carlos klagen würde. Was er am Ende ja überhaupt nicht getan hat. Es wäre ja auch zu kompliziert geworden. In den meisten Fällen gibt es keine Urteile, alles was er sagt, könnte gegen ihn verwendet werden. Aber die Produzenten, die Anwälte wurden irgendwann richtig obsessiv. Alles, was ihn schlecht aussehen ließ, wurde proble­matisch.

Olivier Assayastip Wie soll das gehen, wenn man von einem vielfachen Mörder und Attentäter erzählt?
Olivier Assayas Ich habe irgendwann gesagt: „Seid Ihr unsere Anwälte oder die von Carlos? Ihr versucht, ihn reinzuwaschen und einen Heiligen aus ihm zu machen. Ich glaube nicht, dass das der richtige Zugang ist.“ Am Ende musste ich richtig streiten.

tip Können Sie ein Beispiel nennen für Szenen, die Sie herausnehmen mussten?
Olivier Assayas Ja, eine Szene, in der er eine Stasi-Prostituierte zusammenschlägt. Ich habe da einen richtig schlechten Schnitt gemacht, damit jeder sieht, dass da etwas fehlt. Die Szene, die ihn als jemanden zeigt, der Gewalt gegen Frauen ausübt, war an der Stelle erfunden.

tip Trotzdem interessant, dass sich ein Anwalt ausgerechnet darüber Gedanken macht, dass Carlos als Frauenmisshandler gezeigt wird, während Sie an anderer Stelle suggerieren, dass er in einem Pariser Kaufhaus Handgranaten auf Frauen und Kinder geworfen hat.
Olivier Assayas Das war mein Argument. Das wäre doch lächerlich gewesen, uns an dieser Stelle zu ver­klagen.

tip Es gibt auf der anderen Seite in Ihrem Film durchaus eine gewisse Glamourisierung. Wie sind Sie mit diesem Aspekt umgegangen?
Olivier Assayas Sehr direkt. Es ist Teil der Geschichte. Für mich benutzt Carlos sein Popstar-Image für seine Zwecke. Es ist Teil von ihm, man kann ihn nicht verstehen, wenn man nicht dieses Element einbezieht. Aber Carlos ist eine sehr unterschiedliche Figur, je nach der Periode, um die es geht. Er hat seine Popstar-, seine Glamour-Phase, als er auf der Erfolgsspitze seines Spieles ist, als er (Anm.: nach dem Ende der OPEC-Entführung) vom Flughafen von Algier wegfährt und die Presse ihn erwartet. Er wird wie ein Popstar fotografiert, er lässt den Wagen anhalten, öffnet das Fenster, wirft seine Zigarre he­raus – das habe ich nicht erfunden. Oder wie er sich als Che Guevara kleidet, weil er diese Rolle spielt. Die Seite ist einfach Teil der Story.

tip Ein Problem, dass Sie sich damit einhandeln, ist, dass die Seite der Opfer damit leicht zu kurz kommt.
Olivier Assayas Ich glaube, was Carlos betrifft, zeigen ihn die anderen Kapitel ja als ganz andere Figur, auch als Wrack, wenn er in der Mitte von Nirgendwo im Sudan endet. Aber im Film habe ich allen Groß­aktionen von Carlos Dokumentarmaterial von Opfern entgegengestellt. Keine Nachrichtensprecher, sondern immer jemanden, der betroffenes, wütendes Opfer war. Das war mir wichtig, dass es diese Erinnerungen ans richtige Leben gab. Die Geschichte ist teils Fakt, teils Fiktion, und sie vergrößert natürlich Sachen, wie Kino das tut. Aber zugleich war es wichtig, daran zu erinnern, dass die Opfer echte Menschen sind.

Interview: Robert Weixlbaumer

Fotos: Harry Schnitger/tip

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