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Ein Interview mit Olivier Assayas

Olivier Assayas

tip Monsieur Assayas, welches Bild von Carlos hatten Sie, bevor Sie Ihr Filmprojekt begonnen haben?
Olivier Assayas Es war sehr schematisch. Ich erinnerte mich an ein paar seiner Aktionen, seine Verhaftung im Sudan. Ich hatte einen vagen Begriff, Bilder, die alle extrem unverbunden waren. Wie das alles Sinn machte, wusste ich nicht.

tip In den Medien konnte man in den Achtzigerjahren den Eindruck bekommen, es würde sich um einen Verrückten handeln. Habe Sie diesen Eindruck geteilt?
Olivier Assayas Nein, ich wusste, er war ein Militanter, involviert in die palästinensische Sache. Als ich mir den Forschungsstand ansah, war ich überrascht, dass es recht wenig gibt. Es gibt nur eine brauchbare Biografie, die auf Englisch erschienen ist: „Jackal: The Complete Story of the Legendary Terrorist, Carlos the Jackal“ von John Follain, aber auch die ist voller Fehler und Lücken.

tip Wie haben Sie den Punkt bestimmt, wo sie die Geschichte beginnen und wo enden lassen?
Olivier Assayas Es musste mit dem Tod von Mohammad Boudia (Anm.: Kopf des europäischen PFLP-Netzwerks, 1973 in Paris von einer israelischen Bombe getötet) beginnen, weil Carlos sein Netzwerk im Auftrag der PFLP übernahm. Es ist der Beginn von allem – und auch der Grund, warum er ein syrischer Agent wird. Die Syrer wollten nach Boudias Tod das Netzwerk übernehmen. Und dann wollte ich es mit der Verhaftung enden lassen. Ich wollte nicht noch in den Prozess hinein. Es war auf dem Flug nach Frankreich zu Ende.

tip In den Jahren, die dazwischen liegen, zeigen Sie sehr schön, wie aus Carlos’ Netzwerk eine Terror-Verkaufsorganisation wird, die ihre Dienste frei anbietet…
Olivier Assayas Also, so wie ich es sehe: Es gibt so etwas wie „Terrorismus“ nicht. Es geht immer um Staatsterrorismus. Eine terroristische Operation ist gewöhnlich immer die Botschaft eines Landes an ein anderes. Aber als Zeitungsleser versteht man nicht zwingend, wer die Botschaft sendet und auch nicht, für wen sie bestimmt ist. Und gewöhnlich sind weder der Sender noch
der Empfänger diejenigen, die man dafür hält. Es ist eine der komplexesten Ebenen der Geopolitik.

Olivier Assayastip Dieser Aspekt ist in Ihrem Film wirklich sehr gelungen. „Carlos“ zeichnet ein Bild eines internationalen Systems – und zugleich ist der Film ganz um die Hauptfigur zentriert.
Olivier Assayas Das ist vom Standpunkt des Kinos aus wunderbar. Es geht um moderne Politik, und zugleich hat man im Zentrum diese Kinofigur, ein Individuum. Wa­kamatsus „United Red Army“ oder der deutsche „Baader Meinhof Komplex“ sind schon vom Konzept her Filme über Gruppen, also zerstreut sich das. Carlos verkörpert verschiedene Ebenen dieser Geschichte – vor allem aber das wichtigste: das transnationale Element, das den Terrorismus der 70er-Jahre im Kern ausmachte. Er ist aus Venezuela, involviert in palästinensische Politik, aktiv in Europa. Noch mal: Filme über Terrorismus sehen immer ein lokales Phänomen, aber es ist viel mehr als das – ein Teil des Kalten Krieges, also der Geopolitik dieser Zeit, definiert durch den Kontext des Nahen Ostens, also auch lokale Politik. Aber im Wesentlichen ist es die Politik der beiden Blöcke.

tip Entsprechend groß ist der Maßstab der Produktion. Drehorte vom Jemen bis zum Libanon, ein riesiges Ensemble.
Olivier Assayas Eigentlich war ich zuallererst überrascht, dass der Film überhaupt zustande kam. „Carlos“ ist außerhalb jeder Logik des Filmemachens angesiedelt. Ein Film mit internationaler Besetzung, in sieben, acht Sprachen gedreht, in Cinemascope, fünfeinhalb Stunden lang, über eine Hauptfigur, die im Wesentlichen ein Bad Guy ist. Unser Glück war, dass Canal+, das französische Pay TV, das Projekt von Anfang an mochte und vorbehaltlos unterstützte. Ich dachte immer, es müsste alles irgendwann aus­einanderfliegen.

tip Ganz ohne Friktion ging es ja doch nicht. Carlos selbst hat interveniert und vor Gericht gegen das Projekt geklagt.
Olivier Assayas Na ja, Carlos ist seit 15 Jahren im Gefängnis, plötzlich erfährt er, dass jemand einen Film über seine Geschichte macht. Das muss einen extrem durcheinanderbringen, wenn die eigene Lebensgeschichte fiktionalisiert wird in einem Film mit Schauspielern, während man selbst vollkommen machtlos in einer engen Gefängniszelle sitzt. Das muss der Wahnsinn sein. Er wollte Einsicht ins Drehbuch, Mitspracherecht, uns sagen, was richtig und was falsch war. Das konnten wir nicht akzeptieren.

tip Das wäre dann auch die „autorisierte Biografie“ von Carlos geworden.
Olivier Assayas Ja (lacht). Das macht keinen Sinn. Aber schon allein nicht, weil der Film von 120 Figuren erzählt. Dann hätten wir das Script jedem zeigen müssen.

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Fotos: Harry Schnitger/tip

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