Kino & Stream

Ein Interview mit Pablo Larraнn

Pablo Larraнn

tip Herr Larraнn, Ihr neuer Film dreht sich um Häuser der katholischen Kirche in Chile, in denen schuldig gewordene Priester unterkommen und der Justiz entgehen. Wie waren die Reaktionen auf den Film in Chile?
Pablo Larraнn?Ich bin sehr zufrieden. Wir dachten zunächst, dass in katholischen Kreisen kein Interesse an dem Film herrschen würde. Aber das stimmte nicht, das Interesse war groß, und es kamen auch Priester ins Kino. Im gleichen Zeitraum startete zudem ein anderer Film zu einem ähnlichen Thema. Dabei ging es aber um einen wahren Fall, bei dem ein prominenter Priester jahrelang Schutzbefohlene sexuell missbraucht hatte und durch rechte Kreise gedeckt worden war. Beide Filme lösten eine lebhafte Debatte aus. Chile ist heute offen für solche Kontroversen.

tip Gab es eine konkrete Rückmeldung aus der Kirche?
Pablo Larraнn Nun, die Kirche spricht nicht mit einer Stimme. Davon auszugehen, dass man mit einem solchen Film auf ein geschlossenes Meinungsbild trifft, würde nicht der Realität entsprechen. Davon zeigt der Film auch etwas, nämlich die Auseinandersetzung zwischen Vertretern einer neuen Kirche und denen, die die alte Kirche beschützen. Es gab auch Kirchenleute, die den Film gesehen haben und sagten, dass wir einen wahrhaften Blick auf Teile der Kirche werfen. Ich denke, dass es wichtig ist, mit welchen Intentionen man einen solchen Film macht.

tip Und welche Intentionen verfolgen Sie?
Pablo Larraнn Wir urteilen mit dem Film nicht, wir sagen nicht, was die Leute denken sollen. Wir sind keine Journalisten. Wenn man mit einer fiktionalen Erzählung behaupten wollte, dass die Wirklichkeit genau so ist, sollte man keinen Film machen, sondern eine TV-Reportage.

Pablo Larraнntip Die „neue“ Kirche, für die im Film Marcelo Alonso als ermittelnder Jesuitenpater steht, nimmt darin eine ambivalente Rolle ein. Erst erscheint er als Hoffnungsfigur, später sorgt er dafür, dass Verbrechen nicht an die Öffentlichkeit kommen. Was ist von der neuen Kirche zu halten?
Pablo Larraнn Die neue Kirche ist das, wofür Papst Franziskus steht. Er fordert eine bescheidenere, offenere Kirche und mehr Nähe zur Lebensrealität der Menschen. Er steht für eine Kirche, die sich weniger zu politischen Themen äußert, dafür stärker für Soziales einsetzt. Er will eine Kirche, die auch um Vergebung bitten kann und weniger selbstsüchtig agiert als bisher. Allein, dass er vor kurzem sagte, dass Priester im kommenden Jahr Abtreibungen vergeben sollen – so etwas hätte man sich bis dahin nie vorstellen können.

tip Sie waren als Kind selbst in einer katholischen Schule.
Pablo Larraнn Stimmt. Als ich zur Schule ging, wäre eine vergebende Haltung zu dem Thema undenkbar gewesen, Abtreibung wurde mit Mord gleichgesetzt. Es hat eine Öffnung stattgefunden. Gleichzeitig führt die Sehnsucht nach einer offenen Kirche zu einem inneren Kampf mit der „alten Kirche“.

tip Dafür stehen die alten Priester in Ihrem Film, die die Schuld von sich weisen oder ganz verdrängen.
Pablo Larraнn Es gibt eine Szene, in der einer der alten Priester sagt: ‚Die Kirche ist seit 2000 Jahren so und ich will, dass sie so bleibt wie sie ist.‘ Dem gegenüber steht der Jesuitenpater, der sagt: ‚Es wird Veränderungen geben, vielleicht wird dieses Haus geschlossen und ihr kommt ins Gefängnis.‘ Aber daraufhin drohen sie ihm, die Sache an die Presse zu bringen. Und das ist das Problem der neuen Kirche: ihre Angst vor den Medien, vor öffentlichen Skandalen, vor dem Imageschaden. Die Kirche ist heute wie eine Marke, die ihr Image pflegt. Die PR-Abteilung der Kirche ist heute fast wichtiger als der Papst.

tip Sie haben im Vorfeld des Films mit Priestern gesprochen, aber auch mit Missbrauchsopfern von Priestern. Wie haben Sie diese Gespräche erlebt?
Pablo Larraнn Meine Erfahrung, mit Opfern zu sprechen, die über lange Zeit missbraucht wurden, war sehr eindringlich. Sie hatten kein Problem damit, offen mit uns auch über entsetzliche Taten zu sprechen, und sie schilderten diese sehr plastisch. Es liegt daran, dass sie so oft missbraucht oder vergewaltigt wurden. Irgendwann geht man davon aus, dass es normal ist, was einem geschieht. Sie urteilten auch nicht. Teils sprachen sie über schockierende Dinge so ruhig als würden sie beschreiben wie man ein Sandwich macht.

Interview: Ulrike Rechel

Foto oben: Piffl Medien

Foto unten: Alexander Janetzko

Zur Person: Pablo Larraнn
Den 1976 geborenen chilenischen Regisseur kennt man in Deutschland vor allem durch seinen Film „No!“ (2012), in dem er von einer cleveren Werbekampagne erzählt, die 1988 ein Referendum zur Amtsbestätigung des chilenischen Diktators Augusto Pinochet scheitern ließ.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „El Club“ im Kino in Berlin

Mehr über Cookies erfahren