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Ein Interview mit Peter Dörfler

Peter Dörflertip Bei seinen öffentlichen Auftritten gibt Rolf Eden oft eine eher fragwürdige Figur ab. Wie sind Sie darauf gekommen, einen Film über ihn zu machen?
Peter Dörfler?Bis zu seinem Gastspiel in meinem Film „Achterbahn“ (eine Dokumentation über das Scheitern des Spreepark-Betreibers Nobert Witte, Anm. d. Red.) war er für mich auch nur der Boulevard-Clown, den man halt so kennt. Dort hatte er so einen typischen Rolf-Eden-Auftritt am Rande eines Weltrekordversuchs im Dauerduschen und hat mit einem Partner den Song „Partygeil“ gesungen. Ich fand das sehr skurril und es passte auch zu der ganzen Atmosphäre, die der Park am Ende hatte. Bei dieser Gelegenheit hat er mir erzählt, dass er sieben Kinder mit sieben Frauen hat – das jüngste noch keine 14 und das älteste schon über 60. Das war das Erste, was ich richtig spannend an ihm fand.

tip Norbert Witte und Rolf Eden sind sich in gewisser Weise ähnlich, zwei renitente Macher-Typen, die auf den zweiten Blick interessanter sind als auf den ersten.
Peter Dörfler Es geht sogar noch weiter. Mein vorheriger Film „Panzerknacker“ dreht sich auch um eine egomanische Persönlichkeit, den Chef einer Bande, die Ende der 90er in Hessen Geldtransporte überfallen hat. Eigentlich ein recht charismatischer Typ, einerseits sehr selbstreflektiert, andererseits versteigt er sich ganz in seine eigene Philosophie. Ich will zwar kein Spezialist für schräge Typen werden, aber „The Big Eden“ ist für mich Teil einer Trilogie der egomanischen Männer. Diese drei Protagonisten haben eine Gemeinsamkeit: Sie wollen nicht zur Gesellschaft gehören, sondern sie verfolgen kompromisslos ihre eigenen Ideen. Das finde ich auch an Herrn Eden so bemerkenswert: Dass er sein Leben selbst gestaltet hat, ohne Kompromisse einzugehen. Er hat immer genauso gelebt, wie er es wollte. Ich kenne kaum Leute, die das so konsequent machen wie er. Und wenn man dann noch ein bisschen in die Tiefe geht, merkt man, dass es anders ist, als man es im ersten Moment vielleicht erwarten würde: Er hat keine Leichen im Keller, sondern es ist tatsächlich schwer, Leute zu finden, die sich negativ über ihn äußern.

tip An Ihrem Film überrascht in der Tat, dass es mit sieben Kinder und sieben Frauen nicht zu größeren Zerwürfnissen kommt. Alle scheinen sich blendend zu verstehen.
Peter Dörfler Bei Katja, der Mutter seines jüngsten Sohnes, merkt man schon, dass es ein bisschen funkt. Auch ihr Sohn Kai hat ein eher distanziertes Verhältnis zu ihm, weil er seiner Vaterrolle einfach nicht gerecht wird. Aber andererseits – welcher Vater wird das schon? Und man muss auch sagen, dass er sehr viele Dinge mit Geld regelt. In Verbindung mit seiner unglaublich positiven Art, die einfach auf sein Umfeld abfärbt, ist das schon sehr überzeugend. Zu Beginn der Dreharbeiten habe ich seine Nichte in Tel Aviv etwas provozierend gefragt, ob diese bedingungslose Art, die alles Negative ausklammert, denn echt sei. Und da meinte sie: Das spielt doch keine Rolle, ob das echt ist. Der kommt nach Tel Aviv und die Sonne geht auf.

The Bid Edentip Seine Eltern sind 1933 vor den Nazis nach Palästina geflohen, er selbst hat als junger Mann für die Gründung des Staates Isreal gekämpft. Glauben Sie, dass seine betont positive Lebenseinstellung eine Reaktion auf seine turbulente Jugend ist?
Peter Dörfler Da ist sicher was dran, er hat ja wirklich extreme Sachen erlebt. Die Eltern waren Berliner mit Leib und Seele, doch der Vater hat sehr früh erkannt, dass es hier in eine ganz schlechte Richtung für sie geht. Also hat er mit seiner Familie in Haifa ein neues Leben angefangen, was damals im Vergleich zu Berlin eine Wüste war. Ich glaube, das war für die Eltern schon sehr schwer. Sie haben dort nie so richtig Fuß gefasst, haben auch nie Hebräisch gelernt, obwohl sie es probiert haben. Herr Eden selbst hat dann in einer Eliteeinheit gekämpft. Von den 1?200 Soldaten dieser Einheit haben nur 400 überlebt. Das sind alles Dinge, die bestimmt dazu beigetragen haben, dass er irgendwann gesagt hat: Von jetzt an nur noch happy. Hinzu kommt, dass er von Natur aus ein sonniges Gemüt hat.

tip Ein Langweiler scheint er jedenfalls nicht zu sein. In einer Szene zeigt er seine Entertainer-Qualitäten am Klavier.
Peter Dörfler Er kann sich auch langweilen. Das ist sehr stimmungsabhängig bei ihm. Er gibt ja doch viele Interviews, aber wenn er keine Lust hat, dann macht er halt nicht mit. Ich glaube, wir haben sein Herz erobert, weil wir uns so gut mit seinen Frauen verstanden haben.

tip Ihr Film zeigt auch sehr deutlich, wie wichtig seine Verbindungen nach Israel für ihn sind. Das ist ein Teil seines Lebens, den er in der Öffentlichkeit bisher meist ausgeklammert oder als nebensächlich abgetan hat.
Peter Dörfler Das erste Programm auf seinem Fernseher ist ein israelischer Kanal. Ich finde, das sagt eine Menge über ihn aus. Er fühlt sich da sehr wohl und sehr heimisch. Und während er sich hier in Deutschland völlig aus der Politik raushält, vertritt er in Israel vehement seine Meinung. Das liegt daran, wie er sagt, dass es in Isreal wirklich um was geht, während die Politik bei uns belanglos ist, weil alle das Gleiche wollen. Was seine jüdische Herkunft und das Thema Israel betrifft, ist er irgendwann aufgetaut, als er gemerkt hat, dass ihn das noch interessanter macht und dass auch die Presse positiv reagiert. Bei ihm dreht sich am Ende ja alles um die Aufmerksamkeit, die man ihm entgegenbringt.

Interview: Heiko Zwirner

Foto unten: Szenenbild aus „The Big Eden“ (c) Rolf Eden

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 26/11 auf den Seiten 31-33.

Lesen Sie hier: Ein Besuch bei Rolf Eden

Lesen Sie hier die Filmkritik: „The Big Eden“ im Kino in Berlin

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