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Ein Interview mit Regisseur Alejandro Jodorowsky

La Danza de la Realidad

Es gibt Filmbilder, die man nie vergisst: etwa die Eroberung Mexikos durch die Konquistadoren, nachgespielt von Kröten, die auf die von den Ureinwohnern errichteten Pyramiden klettern, bevor es dann zu einem blutrünstigen Massaker kommt. Ausgedacht hat sich das Alejandro Jodorowsky. „El Topo“ (1970) und „Montana Sacra“ (1974) gehörten zu jenen Filmen, die Mitte der 70er-Jahre als „Midnight Movies“ berühmt wurden und jenseits des Mainstreams ein treues Publikum fanden. Jodorowsky, der beide Filme nicht nur geschrieben und inszeniert hat, sondern auch die Hauptrolle verkörperte, schuf eine bizarre Mischung aus Italowestern, Surrealismus und Schamanentum – den besten Trip, den man ohne die Einnahme von Drogen erleben konnte.
Als er sich jedoch weigerte, für den Manager Alan Klein einen Film nach dessen Vorstellungen zu realisieren, sorgte der dafür, dass „El Topo“ und „Montana Sacra“ (den er mitfinanziert hatte) für lange Zeit nicht mehr zugänglich waren. Jodorowsky konnte danach nur noch in großen Abständen Filme realisieren, er veröffentlichte Bücher und schrieb die Comic-Serie „John Difool“, deren Zeichnungen zum Teil von Moebius stammen. 2013 markiert das Jahr der filmischen Wiederauferstehung von Jodorowsky. Beim Festival von Cannes hatte nicht nur „La Danza de la Realidad“ Premiere, sein erster Film seit 13 Jahren, sondern auch die Dokumentation „Jodorowsky’s Dune“. „Dune“ hat zu Jodorowskys Mythos ebenso beigetragen wie die lange Nichtverfügbarkeit seiner Filme. Frank Herberts kanonisches Science-Fiction-Epos wollte er nämlich bereits zehn Jahre vor David Lynch verfilmen – mit Orson Welles und Salvador Dalн als Darstellern und in einer vermutlichen Länge von 14 Stunden. Da das Drehbuch zwecks Finanzierung in zahlreichen Hollywood-Studios zirkulierte, ist es nicht verwunderlich, dass sich Elemente daraus später in Filmen wie „Star Wars“, „Blade Runner“ oder „Das fünfte Element“ wiederfanden.
Dem schönen Zusammenfallen beider Filmpremieren entspricht jetzt die Tatsache, dass die Berliner Premiere von „La Danza de la Realidad“ mit einer Jodorowsky-Werkschau im Kino in der Brotfabrik zusammenfällt. Sie findet in Zusammenarbeit mit dem rührigen DVD-Label „Bildstörung“ statt, das die Filme Anfang nächsten Jahres in einer mit umfangreichem Bonusmaterial ausgestatteten Edition herausbringen wird. Grund genug, dem 84-jährigen Filmemacher selbst das Wort zu erteilen. Beim Filmfest München, das ihm eine Retrospektive widmete, erwies er sich als begabter Erzähler.

La Danza de la Realidadtip ?Kann man sagen, dass Ihre spirituelle Lebensphilosophie es Ihnen erst ermöglicht hat, mit der „Dune“-Niederlage fertigzuwerden?
Alejandro Jodorowsky Ja. Wie ich in meinem Film „La Danza de la Realidad“ zeige, war mein Vater ein kommunistischer Stalinist, ein absoluter Atheist und stand zu mir in einer großen Konkurrenz. Er erdrückte mich, ich sollte nichts sein. Also musste ich mich gewissermaßen selber erschaffen. Ich habe gelesen, gelesen, gelesen – Religion, Philosophie, Psychologie. Fünf Jahre habe ich mit einem japanischen Meister geübt, Zen-Buddhismus, Zen-Meditation. So habe ich meinen Geist selbst geformt, wie ein Krieger, um zu überleben.

tip Wie verhält sich dieses spirituelle, aufbauende Element zum Surrealismus, der für Ihr Werk ja auch sehr wichtig ist und der doch eher eine anarchistische Komponente hat, bestrebt, die bürgerliche Ordnung zu attackieren?
Alejandro Jodorowsky Den Surrealismus habe ich mit 20 Jahren kennengelernt, ich habe ihn zutiefst gelebt, und er hat mich auch konditioniert, gestaltet, hauptsächlich in Hinsicht auf die Akzeptanz des Unbewussten: dass du dein Unbewusstes zu deinem Verbündeten machst, nicht zu deinem Feind. Dieses Akzeptieren des Unbewussten hat es mir erlaubt, in die Psychoanalyse einzutreten. Ich habe viel Zeit mit den Büchern von Freud und Jung verbracht und mich auf dem Gebiet der Psychoanalyse weitergebildet. Da war der Surrealismus recht brauchbar – und als er nicht mehr brauchbar war, habe ich ihn auch zurückgelassen. Ich bin weitergegangen mit der Bewegung „Panico“, die ich mit Fernando Arrabal und Roland Topor gegründet habe. Wir sind darüber hinausgegangen. Und als mir auch „Panico“ nicht mehr reichte, habe ich auch das zurückgelassen. Manche Dinge, auch wenn sie negativ sind, sind so etwas wie Stufen im Lauf der Suche.

tip Waren Ihre Filme selber spirituelle Reisen, bei denen Sie zu Beginn nicht wussten, wo sie enden werden?
Alejandro Jodorowsky „Fando & Lis“ (1967) war ein Theaterstück von Arrabal, das Drehbuch meines Films war eine einzige Seite mit den Figurenentwürfen. Den Film habe ich mir ausgedacht, während ich ihn machte. Bei „El Topo“ und „Montana Sacra“ hatte ich ein Drehbuch, um die Filme finanzieren zu können, und habe beim Drehen alles geändert. Man schreibt ein Drehbuch, um die Dreharbeiten zu organisieren: ob eine Szene drinnen oder draußen spielt, nachts oder tags. Aber innerhalb dieser Räume hast du Begegnungen, du kreierst etwas.

tip Wird „La Danza de la Realidad“ Ihre Rückkehr zum Filmemachen einleiten?
Alejandro Jodorowsky Wenn ich jetzt sterbe, dann ist es ein gutes Testament. Aber ich habe eigentlich keine Lust zu sterben – also ist es ein Comeback. Wenn ich kann, werde ich weitermachen. Ich plane, im Januar die Arbeiten zu einem weiteren Film mit denselben Produzenten zu beginnen. Schließlich hat „La Danza de la Realidad“ einen Widerhall gefunden, den wir alle nicht erwartet hatten.

Interview: Frank Arnold

Alejandro Jodorowsky in Berlin
„La Danza de la Realidad“ wird am Di, 3.12., um 19.30 Uhr im Rahmen von „Around the World in 14 Films“ im Babylon-Mitte gezeigt; der Regisseur wird anwesend sein.

Die Retrospektive „Alejandro Jodorowsky Relaunch“ im Kino in der Brotfabrik beginnt am Do 21.11.

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