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Ein Interview mit Regisseur Ari Folman

Ari Folman

tip Herr Folman, für einen Regisseur, der bislang überwiegend politische Dokumentationen gedreht hat, scheint eine Science-Fiction-Verfilmung auf den ersten Blick eine seltsame Wahl zu sein. Wie sind Sie auf Stanislaw Lems satirischen Roman „Der futurologische Kongress“ gestoßen?
Ari Folman Ich glaube nicht sonderlich an die Trennlinie zwischen Dokumentationen und Spielfilmen. Wo fängt das eine an und wo hört das andere auf? Mittlerweile finde ich in Spielfilmen oftmals mehr Wahrhaftigkeit als in Dokumentationen, die vorgeben, uns die ganze Wahrheit zu zeigen. Lems Roman habe ich mit etwa 16 Jahren zum ersten Mal gelesen. In diesem Alter fährt man vor allem auf die trippigen Aspekte des Werks ab, insbesondere, wenn man dazu noch ein wenig Dope raucht. Später, an der Filmschule, habe ich den Roman dann noch einmal gelesen. Er ist keine besonders schwere Lektüre, aber erst da habe ich seine Vielschichtigkeit erkannt und die vielen Themen, die darin stecken: Menschlichkeit, Wahlfreiheit, Identitätsfragen. Doch selbst als ich die Option auf die Verfilmungsrechte erwarb, wusste ich noch nicht, wie ich das angehen sollte. Allein die Idee, Live-Action und Animation miteinander zu verbinden, war schon da. Ich wollte, dass die realen Charaktere der ersten Hälfte im zweiten Teil des Films als Cartoonfiguren wiederkehren.

The Congresstip Wie stieß Robin Wright dann zu dem Projekt? Sie spielt in „The Congress“ ja nicht nur eine weniger erfolgreiche Version von sich selbst, sondern sie hat den Film auch koproduziert.
Ari Folman Robin habe ich zufällig bei einer Preisverleihung in Los Angeles getroffen. Ich arbeitete bereits am Script und hatte schon verschiedene Überlegungen angestellt, wer die Hauptfigur wohl spielen könnte. Als ich Robin traf, war das gewissermaßen Liebe auf den ersten Blick. Sie ist schön, verletzlich und wirkt irgendwie auch traurig. Und sie ist ja parallel zu ihrer Rolle selbst diese große Star-Hoffnung gewesen, als sie 20 war. Sie war die perfekte Besetzung. Übrigens glaubt Robin nicht, dass sie sich selbst spielt. Es ist ihr gelungen, da eine Linie zu ziehen: Sie spielt eine Figur namens Robin Wright, die zufällig die gleiche Filmografie hat wie sie selbst. So etwas können nur Schauspieler. Manchmal wünschte ich, wir Normalsterblichen könnten auch einfach sagen: „Das bin gar nicht ich, das ist mein anderes Ich.“

tip In Lems Roman ist es ein totalitäres Regime, das die Bevölkerung unter Drogen setzt, um eine düstere Realität zu verschleiern. In Ihrem Film haben Sie das totalitäre Regime durch ein Hollywood-Studio ersetzt. Glauben Sie, dass die digitale Unterhaltungsindustrie eine neue Form totalitärer Bedrohung darstellt?
Ari Folman Nein, ich würde niemals soweit gehen, eine Diktatur, die Menschen zum Tode verurteilt, mit der Unterhaltungsbranche zu vergleichen. Die Zuschauer haben ja schließlich die Wahl: Sie können sich im Fernsehen einen Film, eine Kunstdokumentation oder eine Sportsendung ansehen. Oder einfach den Aus-Knopf betätigen. Sie werden nicht gezwungen, das alles zu konsumieren. Natürlich versucht diese Industrie, Kinder bereits von klein auf zu beeinflussen, aber man muss das trotzdem in den richtigen Proportionen sehen. So ernst ist das alles nicht. Ich hätte den Film aber allein schon deshalb nicht in der kommunistischen Ära der späten 1960er-Jahre spielen lassen können, weil ich davon keine Ahnung habe. Ich war nicht dabei, das ist überhaupt nicht Teil meiner Matrix. Ich musste also etwas finden, womit ich mich auskenne. Man sollte den Film auch nicht allein auf diese ernsten Themen reduzieren. Das ist schon auch ein ziemlicher Trip.

tip Haben Sie denn mit den Schauspielern über ihre Ängste vor dem digitalen Scannen gesprochen? Befürchten die Schauspieler wirklich, durch diese Technik überflüssig gemacht zu werden?
Ari Folman Ich glaube schon, dass da bestimmte Befürchtungen bestehen, auch wenn sie das nicht zugeben würden. Ich erinnere mich, dass ich eines Tages nach einer Probe Robin, Harvey Keitel und Danny Huston die Scan-Technik „Light Stage 5“ auf Youtube gezeigt habe. Und ich konnte an ihren Gesichtern sehen, dass sie schockiert waren. Sie kannten das noch nicht. Ihre Reaktion war zwar nicht: „Oh mein Gott, in fünf Jahren werde ich keinen Job mehr haben.“ Das sind ja intelligente Leute. Aber geschockt waren sie trotzdem. Und selbst, wenn es nicht so kommt: Irgendwie ist das auch eine Beleidigung für den ganzen Berufsstand.

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