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Ein Interview mit Regisseur Roberto Andт

Roberto Andт

tip Herr Andт, wie sehr haben Sie sich bei Ihrem Film von Ereignissen der jüngeren italienischen Politik inspirieren lassen?
Roberto Andт In gewisser Weise wurde der Film inspiriert durch den leeren Raum, der die italienische Opposition kennzeichnet. In den letzten zwanzig Jahren hat sich Italien immer mehr zu einer Farce entwickelt. Ich wollte rebellieren gegen die Idee eines Landes, das so indifferent geworden ist gegenüber der Kultur, in gewisser Weise sogar beleidigend. Außerdem gibt es eine Tradition der Verbindung zwischen der Linken, speziell der Kommunistischen Partei, und dem Kino – nicht nur Walter Veltroni, der ehemalige Bürgermeister von Rom, der über das Kino schreibt und mittlerweile auch einen Roman veröffentlicht hat, sondern auch Giorgio Napolitano, der Präsident der Republik, der in seiner Jugend Schauspieler war. Auch das hat mich inspiriert. Aus diesem Grund entschied ich mich dafür, dass mein Protagonist ein Regisseur sein will und sich absetzt zu seiner ehemaligen Geliebten, die als Scriptgirl für das Kino arbeitet.

tip Was hat Sie bewogen, den Stoff zuerst als Roman anzugehen?
Roberto Andт Mir war der innere Monolog wichtig und der ist im Kino sehr viel schwieriger zu bewerkstelligen. Als ich die erste Fassung fertig hatte und sie Freunden zu lesen gab, kam häufiger der Satz, das sei ein fantastischer Film. Mich faszinierte dann die Idee, dass ein Schauspieler beide Brüder verkörpert. Denn das Kino kann etwas zeigen, was dem Roman verborgen bleibt, etwa wenn die Kamera ein Gesicht erforscht. Ich schickte das Drehbuch an Toni Servillo, der sehr enthusiastisch darauf reagierte. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich den Film vielleicht gar nicht gemacht.

Viva la libertаtip Haben Sie Toni Servillo auch deshalb besetzt, weil er schon in Paolo Sorrentinos „Il Divo“ unter Beweis gestellt hat, wie nuanciert er einen hochrangigen Politiker verkörpern kann?
Roberto Andт Ich mag ihn einfach sehr, weil er in einer Tradition des italienischen Kinos steht, zu der etwa auch Gian Maria Volontй gehört – jemand, der eine neue Qualität ins Kino bringt. Er ist einerseits jemand, der aus einem kleinen Dorf im Süden kommt, andererseits kann man verstehen, was in seinem Kopf vorgeht. Das ist für diese Art von Geschichte sehr wichtig, der Film von Sorrentino geht in dieselbe Richtung. In gewisser Weise ist Servillo der geeignetste Darsteller für diese Haltung. Außerdem hat er eine große Theatererfahrung, er bringt etwas mit sich, dass weder realistisch noch naturalistisch ist. Das war auch für mich etwas Neues. Toni ist also einerseits der Politiker, der an einer Depression leidet, die er hinter einer Maske verbirgt, doch im Verlauf des Films wird hinter dieser Maske ein Gesicht erkennbar. Sein Bruder hingegen kommt aus Palermo, und in solchen Randplätzen findet man Leute, die alles gelesen haben, die einen besonderen Charme haben, die gerne im Verborgenen bleiben. Und wenn man dann einen Scheinwerfer auf sie richtet, dann passiert etwas. Ich modellierte die Figur nach Menschen, die ich getroffen hatte, Angehörige der sizilianischen Aristokratie, in gewisser Weise exzentrisch, aber darin zeigt sich auch eine Möglichkeit zu überleben und etwas zu verteidigen.

tip Könnten diese Leute die Regierung führen? Am Ende schlägt er das ja seinem Bruder vor: Der könne in Paris bleiben, er würde seine Rolle übernehmen.
Roberto Andт Mein Film ist eher ein Vorschlag, das Sichtbarmachen eines politischen Paradoxes, als ein politisches Statement. Ich glaube nicht, dass ein Philosoph eine Garantie dafür ist, dass er ein guter Regierender ist. Die Politik hat sich verändert, die Politiker begreifen, dass sich die Macht nicht in ihren Händen befindet. In der Vergangenheit wäre es nicht möglich gewesen, einen Film wie diesen zu machen, denn wir hätten nicht begreifen können, was in ihren Köpfen vorging. Das war vollkommen verborgen, nicht transparent. Heute dagegen können wir sehen, wie sie verlegen werden bei der Machtausübung.

Viva la libertаtip Haben sie mit Toni Servillo diskutiert, wie ähnlich sich die beiden Brüder sein sollten und wie unterschiedlich?
Roberto Andт Das war ein zentraler Punkt. Am Anfang hat man den Eindruck, dass der Unterschied in ihren unterschiedlichen Frisuren und der Haarfarbe besteht. Am Ende dagegen sind sie fast identisch, auf eine höchst merkwürdige Weise. Der Politiker ist ja keine reine Negativfigur. Wie balanciere ich diese Unterschiede aus? Während des Films versucht Toni diese Differenz zu minimieren. Er sagte zu mir, dass er sich manchmal in beiden Figuren verloren hat.

tip Sie haben eine große Erfahrung im Theaterbereich, auch mit der Inszenierung von Opern. Da hätte man sich vorstellen können, dass Sie wie einst Luchino Visconti eher an einen Opernstil anknüpfen.
Roberto Andт Der Erste, mit dem ich über den Roman gesprochen habe, war Umberto Eco. Er sah die Verbindung zu Philosophen, aber auch zu einer Figur wie Chance, dem Gärtner, jener Figur, die Peter Sellers in Hal Ashbys Film „Willkommen, Mr. Chance“ verkörpert. Schließlich tendiert mein Protagonist gelegentlich auch zum Nonsens, wenn er die Politiker der Partei konfrontiert. Ich wollte einen Stil finden, der außerhalb der italienischen Traditionen steht. Das entwickelte sich aus der Notwendigkeit, einerseits realistisch zu erzählen und andererseits mit der Methode des realistischen Erzählens zu brechen. Zwei Filme waren für mich wichtig, was die Darstellung von Politik anbelangt: „The Queen“ von Stephen Frears, wo man die Queen und Tony Blair hat, die eine Beziehung zueinander entwickeln müssen – und zum anderen den neuen Wind, der von Prinzessin Diana verkörpert wird. Und Robert Guйdiguians „Letzte Tage im Elysйe“, über die letzten Tage von Mitterand. Er macht uns deutlich, wie wichtig es Mitterand war, dass er kontrollierte, wie die Menschen sich an ihn erinnern würden. Es freut mich aber auch, dass mein Film offenbar Menschen anspricht, die mit den politischen Feinheiten nicht so vertraut sind, deren Interesse eher dem Leben selber gilt, der Frage eines neuen Anfangs.

Interview: Frank Arnold

Foto Roberto Andт: Lia Pasqaulino

Filmstills: Arsenal Filmverleih

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