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Ein Interview mit Regisseurin Kelly Reichardt

Night Moves

tip Frau Reichardt, diente als Ausgangspunkt Ihres Films der Ökoterrorismus oder eher generell die Frage, wie junge Leute auf Veränderungen der Gesellschaft reagieren könnten?
Kelly Reichardt?Es war der Ort! Jon Raymond, mein Schreibpartner, lebt in Oregon und hat Freunde, die dort ökologisch landwirtschaften. Wir überlegten uns, was man daraus für eine Geschichte machen könnte. Am Anfang standen die fundamentalistischen Aktivisten, die entweder bei der Tea Party sein können oder aber auf einer Biofarm. Das Letztere erschien uns dann interessanter und vielschichtiger. Es stellte sich die Frage, was uns davon abhält, radikale Sachen zu tun. Ich las dann noch einmal Dostojewskis „Schuld und Sühne“: Ist es in Ordnung, wenn einige wenige Menschen um höherer Ziele willen getötet werden? Wer will das auf sich nehmen? Die meisten von uns wohl nicht. So entwarfen wir die Figur des Josh als jemanden, der seine Ideologie nie hinterfragt.

tip Haben Sie mit Menschen gesprochen, die dieser Art von politischer Aktivität nachgegangen sind?
Kelly Reichardt Mit Leuten, die Menschen nahestanden. Jon war schon nah dran an solchen Menschen. Aber normalerweise versuchen die, ihre Geschichte zu schützen und sind nicht sonderlich offen. Jeder ist misstrauisch gegenüber Filmleuten, es brauchte also eine lange Zeit, ihnen näherzukommen. Selbst die Farmer, die ich als Freunde bezeichnen würde, schotteten sich ab und bekamen Kritik von ihrer Community, dass sie uns hereingelassen haben.

Night Movestip Im letzten Jahr kamen auch Filme wie Zal Batmanglijs „The East“ und Robert Redfords „The Company You Keep“ in die Kinos. Spiegelt das eine gesellschaftliche Tendenz wider, sich mit der Tradition des amerikanischen Radikalismus auseinanderzusetzen?
Kelly Reichardt Ich habe diese Filme noch nicht gesehen – wenn man selber einen Film macht, kommt man nicht dazu. Solche Geschichten zu erzählen ist nicht einfach, denn das Kinopublikum möchte meist Gut und Böse klar voneinander getrennt haben. Ich habe mich an älteren Filmen orientiert, an Rainer Werner Fassbinder, auch Bressons „Der Teufel möglicherweise“, Clouzots „Lohn der Angst“, Pontecorvos „Die Schlacht um Algier“, Godards „La Chinoise“.
Meine Referenzen waren auch die Nachrichten über Patty Hearst, als ich klein war, der Prozess gegen Angela Davis, der Weather Underground und die radikalen Ökogruppen. Zudem kamen in den letzten Jahren viele Dokumente heraus, darunter eine Geschichte der Grünen Bewegung.

tip War es schwierig, die recht bekannten Schauspieler zu gewinnen, die ja alle auch schon in groß budgetierten Hollywoodfilmen gespielt haben? Oft hört man ja, dass ihre Agenten so etwas abzuwimmeln versuchen …
Kelly Reichardt Über die Agenten darf man nicht gehen! Man muss Wege finden, sie anders anzusprechen. Der Regisseur Todd Haynes war dabei eine große Hilfe. Bei Dakota Fanning war es anders, sie wollte die Rolle. Ich mochte sie sehr gerne in „The Runaways“, hatte aber Zweifel, ob sie nicht zu jung war, um Dena zu spielen. Aber die verflogen bei einem Telefongespräch. Peter Sarsgaard kam relativ früh an Bord, er hatte sich schon in den 1970er-Jahren mit dem Klimawandel beschäftigt. Jesse Eisenberg ließen wir das Drehbuch zukommen und es gefiel ihm, er lebte dann eine Zeit lang auf einer Ökofarm. Sie alle wissen, dass so ein Dreh harte Arbeit bedeutet, aber – wie Peter sagte – hier geht es wirklich um die Schauspieler. Man sitzt zwischendurch nicht in seinem Wohnwagen in dem Bewusstsein, dass es anderes gibt, was den Film trägt, etwa die Spezialeffekte. Das spricht viele Schauspieler an.

Night Movestip Wenn Sie gerade keinen Film drehen, leben Sie in der Großstadt New York. Wie nähern Sie sich den ländlichen Gebieten an, in denen all Ihre bisherigen Filme spielten?
Kelly Reichardt Wenn man aus New York kommt, kann man fremde Landschaften besser wahrnehmen. Ich mache diese Reise New York?–?Oregon mehrmals im Jahr, eigentlich schon seit meiner Kindheit. Dadurch bekommt man ein gutes Gespür für die amerikanische Landschaft und ihre Veränderungen. Als wir die Farm gefunden hatten, erkundete ich die umgebende Landschaft, ein ganzes Jahr lang, mit drei verschiedenen Scouts. Der eine hielt nur Ausschau nach Staudämmen, in Oregon sahen wir uns 25 davon an. So viele Orte anzusehen, selbst wenn man sie dann später nicht alle im Film hat, ist wichtig: Was kann man ihnen abgewinnen? Man trifft dabei andere Menschen, man macht sich Gedanken zur Geschichte oder auch zu einzelnen Einstellungen.

tip Dies war der erste Film, den Sie digital gedreht haben …
Kelly Reichardt Es war die einzige Möglichkeit, mit der ganzen Dunkelheit klarzukommen. 35-mm-Film hätte ich mir nicht leisten können und auch nicht, die ganzen Außendrehorte auszuleuchten. Mit meinem Budget war digital das einzig Mögliche. Gut ist, dass das, was man am Monitor sieht, ziemlich genau dem späteren Filmbild entspricht, was bei Film nicht der Fall ist. Ich liebe aber das Filmmaterial und hoffe, ich kann noch einmal darauf drehen, auch wenn es von Mal zu Mal schwerer wird. Alle sagen, digital ist so viel schneller, aber das finde ich nicht, Du brauchst einen speziellen Techniker und hast eine ganze Batterie von Monitoren.

tip Seit Ihrem zweiten Film „Old Joy“ arbeiten Sie mit Jon Raymond als Drehbuchautor. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Kelly Reichardt Das variiert von Film zu Film. Als wir „Old Joy“ machten, kannten wir uns kaum. Ich hatte seinen Roman gelesen und ihm daraufhin einen Brief geschrieben, ob er irgendwelche Drehbücher hätte, die ganz im Freien spielen würden und nur eine begrenzte Anzahl von Protagonisten hätten – und in die ich einen Hund hineinschreiben könnte. Er schickte mir dann die Story „Old Joy“ und ließ mir freie Hand. Er ist derjenige, der die Stimmen findet, wenn er vor einem leeren Blatt sitzt. Ich füge etwas hinzu oder verändere die Reihenfolge der Geschehnisse. Bei „Night Moves“ hatte er eine Kurzgeschichte geschrieben, eine Liebesgeschichte, die auf der Farm spielt. Mir gefiel die Geschichte, aber es war nicht einfach für mich, daraus ein Drehbuch zu machen. So war es das erste Mal, dass wir das Drehbuch hin- und herwandern ließen zwischen uns. Bei seinen Texten weiß ich nie, worauf sie genau hinauslaufen, sie haben so viele verschiedene Schichten. Er ist gut darin, Ambiguitäten darzustellen.

Interview: Frank Arnold

Fotos: MFA+ FilmDistribution e.K.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Night Moves“ im Kino in Berlin

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