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Ein Interview mit Richard Linklater und Ellar Coltrane

Boyhood

tip Es berührt! Auch wenn Sie viele der üblichen Momente, die in Filmen über das Erwachsenwerden zum Standard gehören, weggelassen haben. „Boyhood“ ist sehr verhalten erzählt, was mir gut gefallen hat. Deswegen fielen die Szenen mit dem ersten Stiefvater, der ein Alkoholproblem hat und sich gegenüber den Kindern (auch seinen eigenen) mehrfach sehr diktatorisch und angsteinflößend verhält, aus dem Rahmen. Erschienen diese Szenen Ihnen notwendig, um seinen Charakter auf den Punkt zu bringen?
Richard Linklater Ich denke, so spielt das Leben. Es läuft glatt und gleichmäßig, aber dann kommt plötzlich ein Wendepunkt. Gerade weil solche Momente vom Normalen abweichen, erinnert man sie später umso stärker. Ich habe diese Momente mit eingebaut, um die Zerbrechlichkeit von Familien und Beziehungen deutlich zu machen.

tip Haben Sie sehr viel mehr gedreht, als man im fertigen Film sieht?
Richard Linklater Nein, es war alles sehr genau im Voraus geplant. Wir hatten nicht so viel Zeit, denn dies war eine Low-Budget-Independent Produktion – die aber zugleich epische Ausmaße hatte, was ja ein interessanter Widerspruch ist. Vom zweiten Jahr an wusste ich, wie das Ende von „Boyhood“ aussehen würde: dass Ellar aufs College kommt. Der Film war sehr genau geplant, andererseits trafen wir uns mit den Schauspielern und gingen am Abend vor dem Dreh die Dialoge durch. Die letzten fünf Jahre war Ellar viel stärker involviert, ich sagte zu ihm: Wenn du in diesem Jahr mit einem Mädchen Kontakt hast, mach dir Notizen, worüber Ihr sprecht, das können wir dann beim nächsten Dreh einbauen. So wurde es ziemlich persönlich.

tip Wie war das Verhältnis von Dreh und Schnitt? Haben Sie jeden Teil im Anschluss an den Dreh geschnitten und ganz am ?Ende – nachdem Sie alles zusammengefügt ?hatten – noch einmal leicht oder stark ?verändert?
Richard Linklater Das Verfahren blieb die ganze Zeit über gleich: Nach jedem Dreh schnitt ich einige Wochen lang. Das habe ich mir ein Jahr später, vor dem nächsten Dreh, noch einmal angeschaut und es mit den früheren Teilen zusammengefügt. Bis ganz zum Ende habe ich auch noch einmal Änderungen in den ganz frühen Teilen vorgenommen. Das ist unglaublich, so viel Zeit zu haben, um sich mit dem Material auseinanderzusetzen.

tip Wie hat die Veränderung der Aufnahmetechnologie die Arbeit beeinflusst? Haben Sie mit 35-mm-Film begonnen und ?sind dann irgendwann zum Digitalen übergegangen?
Richard Linklater Nein, wir haben bis zum Ende auf 35 mm gedreht. Ich wusste, dass sich die digitalen Standards sehr schnell ändern würden – alle zwei Jahre ein neuer Look. Deshalb blieb ich bei 35 mm, damit das eine Einheit gäbe – und hoffte, dass diese Möglichkeit noch existierte, wenn ich den Film fertigstellen würde.

Interview: Frank Arnold

Fotos: Universal Pictures

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Boyhood“ im Kino in Berlin

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