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Ein Interview mit Richard Linklater und Ellar Coltrane

Richard Linklater

tip Mr. Linklater, im vergangenen Jahr lief „Before Midnight“ in den Kinos, in dem Sie, nach „Before Sunrise“ und „Before Sunset“ zum dritten Mal, Nähe und Distanz zwischen einem von Ethan Hawke und Julie Delpy gespielten Paar erkundeten. In „Boyhood“ sehen Sie nun einem Jungen über einen Zeitraum von zwölf Jahren beim ?Erwachsenwerden zu. Inwiefern haben ?die Arbeiten an beiden Projekten sich beeinflusst?
Richard Linklater Das ist eine gute Frage, denn natürlich haben sie das. Mit „Boyhood“ habe ich vor „Before Sunset“, dem zweiten Film der Reihe, begonnen. Dass ich mich auf die zwölfjährige Reise mit „Boyhood“ eingelassen hatte, hat mich ermutigt, zu Jesse und Celine zurückzukehren, Wir drehten den ersten Teil von „Boyhood“ im Jahre 2002, und ein Jahr später waren wir in Paris und drehten „Before Sunset“. Beide Projekte stehen also in einer engen Verbindung, auch weil Ethan Hawke in beiden dabei war.

tip War Ihre Arbeit mit den Schauspielern in beiden Fällen sehr unterschiedlich?
Richard Linklater Nicht wirklich. Ellar Coltrane wurde während der Zeit mehr und mehr zu einem Mitarbeiter an der Geschichte, genauso wie Ethan und Patricia Arquette bei den Erwachsenen.

tip Ellar Coltrane war gerade einmal sechs Jahre alt, als Sie ihn besetzten. Wodurch haben Sie damals das Risiko abgemindert, dass Sie beide irgendwann einmal nicht mehr miteinander auskommen würden, dass er in der Pubertät vielleicht sagen könnte, darauf habe er keine Lust mehr?
Richard Linklater Dazu brauchte ich tatsächlich ein ziemliches Selbstvertrauen. Ellar war seinerzeit sechs Jahre alt, sieben, als wir das erste Mal drehten – ein Kind in dem Alter kann man kaum auf die Zukunft verpflichten. Aber seine Eltern sind beide Künstler, von daher hatte ich die Hoffnung, dass auch bei ihm eine künstlerische Ader durchschlagen würde und er die Einmaligkeit des Unternehmens zu würdigen wüsste.
Ellar Coltrane Was die Schauspielerei anbelangt, war ich (und bin es noch) eher zögerlich, da ich eher ein schüchterner Typ bin, insofern bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie mich ermutigten, es doch zu versuchen. Wie groß das Projekt war, habe ?ich eigentlich erst zur Halbzeit begriffen, als ich 13 war. Da gab es definitiv einen Punkt, an dem es mir dämmerte, was für ein wichtiger Teil meines Lebens dieser Film geworden war.
Richard Linklater Patricia Arquette, die Ellars Mutter spielt, meinte: „Was sind zwölf Jahre für einen Erwachsenen im Vergleich zu zwölf Jahren für einen Heranwachsenden?“ Die Unterstützung von Ellars Familie war essenziell, aber die Zusammenarbeit mit Ellar hat mir schon große Freude bereitet, bevor er aktiv mitgearbeitet hat. Wir trafen uns regelmäßig zum Mittagessen, und ich ließ mir erzählen, was sich so tat in seinem Leben. Ich hätte ihn nie gebeten, etwas vor der Kamera zu machen, was er noch nie gemacht hatte.

Boyhoodtip Haben sich Ellar oder Ihre Tochter Lorelei, die seine Schwester verkörpert, je darüber beklagt, dass eine Szene, die Sie für sie geschrieben hatten, zu nah an ihrer eigenen Erfahrung dran war?
Richard Linklater Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Wir hatten ja immer ein ganzes Jahr vor dem jeweiligen Dreh, wo wir darüber sprechen konnten, was im nächsten Segment passieren würde – das war wirklich eine fortlaufende Zusammenarbeit. So wusste ich etwa, dass Lorelei nicht bei der „Harry Potter“-Szene dabei sein wollte, weil sie es albern fand, sich zu verkleiden.

tip Ellar, wie war es, als Sie sich das erste Mal selber auf der Leinwand gesehen haben?
Ellar Coltrane  Ich erinnere mich, dass ich viel geweint habe. Aber über die Jahre konnte ich es immer besser akzeptieren, der Schock wurde jedes Mal geringer. Es ist einfach so viel von meinem Leben, was ich wiedererkenne, wenn ich den Film sehe.

tip Hatten Sie zwischendurch Zugriff auf das Material? Es muss doch merkwürdig gewesen sein, wenn Sie Ihren Freunden oder anderen erzählten, Sie würden in einem Film mitspielen, aber den würde man erst in zwölf Jahren sehen können.
Ellar Coltrane Das stimmt. Ich habe zwischendurch nichts gesehen, erst den fertigen Film. Das hat mich schon eine Zeit lang geärgert, dass meine Eltern schon mal die erste Hälfte des Films sehen durften, ich aber nicht. Aber letztlich bin ich doch dankbar, dass ich nichts sehen durfte, denn die Erfahrung war schon ziemlich intensiv.

tip Bei seinen Festivalpremieren auf dem Sundance Film Festival und der Berlinale hat Ihr Film bleibenden Eindruck hinterlassen …
Richard Linklater Wenn man so lange an etwas arbeitet, ist es schön, am Ende auf Menschen zu treffen, die einem ein Feedback geben – wir machen schließlich Filme, um zu kommunizieren. Mit „Boyhood“ wollte ich einen Spiegel des Lebens selber schaffen. Es hätte ja auch als Experiment enden können, was zwar interessant ist, aber den Zuschauer emotional nicht berührt.

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