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Ein Interview mit Ridley Scott über „Exodus“

Ridley Scott

tip „Exodus“ kostete angeblich rund 140 Millionen Dollar, ist aber kein Franchise mit Superhelden oder fantastischen Kreaturen. Wie ist es im Hollywood von heute möglich, solche Filme zu realisieren?
Ridley Scott Was sehr hilft, ist die Tatsache, dass der Film von mir gedreht wurde. Ich habe eben schon Produktionen dieser Größenordnung realisiert, die viel Geld eingespielt haben. Selbst „Königreich der Himmel“, der im Kino nicht ganz so erfolgreich war, erfreut sich inzwischen großer Beliebtheit. Und das ist der eigentliche Grund. Denn effektiv geht es nur um den Kommerz.

tip Ihr Moses-Epos ist nicht der einzige Film mit biblischer Thematik – in diesem Jahr startete „Noah“, ein Remake von „Ben Hur“ steht an. Woher kommt dieser Trend?
Ridley Scott Wollen Sie wissen, was ich ehrlich denke? Das liegt an einem Film namens „Gladiator“. Der hat die Standards für den Sandalenfilm komplett neu definiert. Denn deshalb sagt sich die Branche: Das kann wirklich Erfolg haben. Und warum hatte es Erfolg? Weil ich Dinge, über die man sich 30, 40 Jahre lustig machte, authentisch umgesetzt habe, sodass sie – um ein furchtbares Wort zu benutzen – cool wurden. Vorher war das alles so theatralisch, aber bei „Gladiator“ haben wir es hinbekommen.

tip Ist Ihnen das nach Ihrer Auffassung auch bei „Exodus“ geglückt?
Ridley Scott Ich habe jedenfalls Moses und Ramses sehr real zu gestalten versucht, zumal Letzterer auch wirklich existiert hat. In puncto Moses sind keine Belege erhalten, die einen Aufschluss über seine reale Person ermöglichen und ob er wirklich existierte. Aber urteilen Sie selbst, ob wir ihn real genug gemacht haben, damit ihn der Zuschauer akzeptiert. Völlig korrekt kann es nicht sein, denn dafür gibt es nicht genügend überliefertes Material.

Exodustip Sie nehmen sich allerdings nicht so viel Zeit wie der alte „Zehn Gebote“-Film mit Charlton Heston, der fast vier Stunden dauerte – Ihrer dagegen zweieinhalb.
Ridley Scott Es hätte auch genügend Material für zehn Stunden gegeben. Aber ein Film von zweieinhalb Stunden ist in der heutigen Kinolandschaft als Herausforderung schon groß genug. Die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer ist doch nicht länger als 45 Sekunden. Ich glaube jedenfalls, dass wir die richtige Länge haben, mit der wir auch einige Erkenntnisse und Informationen vermitteln können. Ich will nicht einfach bloß zeigen, wie jemand mit einem Breitschwert enthauptet wird.

tip Derzeit drehen Sie den Science-Fiction-Thriller „The Martian“, aber danach wollen Sie angeblich mit „King David“ schon wieder ein Bibelepos realisieren. Ist das richtig?
Ridley Scott Das ist noch nicht entschieden. Es kann gut sein, dass ich das zusammen mit „Exodus“-Produzent Peter Chernin entwickle, aber ob ich einen Film mache, hängt vom Drehbuch ab. Wobei diese Geschichte wieder unglaublich reich und außergewöhnlich ist. Mit der richtigen Sensibilität kannst du auch hier den nötigen Realismus erreichen.

tip Sie scheinen zunehmend eine Faszination für religiöse Stoffe zu entwickeln. Auch in „Prometheus“ klangen solche Themen an.
Ridley Scott Ich denke, alle Religionen haben eine Obsession für die Frage nach dem Leben nach dem Tod. Und wenn jemand sagt, er würde sich dafür nicht interessieren, dann lügt er nur, weil er Angst hat. Religion hilft dir, über dieses Thema nachzudenken und damit klarzukommen. Und wenn es ein Leben nach dem Tod geben sollte, dann kommen die nächsten Fragen: Wie würde das aussehen? Läuft hier ein evolutionärer Prozess ab? Wird derjenige, der sich schlecht benimmt, im nächsten Leben eine Kakerlake? Oder wird ein Hund zum Menschen – denn Hunde sind die einfühlsamsten Wesen auf Erden?

tip Aber sind Sie nun religiös?
Ridley Scott Ich habe immerhin noch eine Bibel, die ich mit 13 von meiner Tante Nora geschenkt bekam. Aber ich würde mich als Agnostiker bezeichnen. Religionen haben mehr Kriege ausgelöst als vermutlich jede andere Institution. Andererseits habe ich genügend Leute sterben gesehen, sodass ich mich mit diesen Fragen beschäftige: Geht es mit ihnen weiter? Gehen sie irgendwohin?

Exodustip Sie bereiten diese Themen immer im extrem großen Maßstab auf. Könnten Sie sich nicht auch weniger aufwendige Filme vorstellen?
Ridley Scott Die habe ich auch gedreht – nehmen Sie „Ein gutes Jahr“ oder „The Counselor“. Aber in der heutigen Welt, wo die Leute Filme daheim auf ihren Großbildschirmen sehen können, musst du ihnen einen Grund geben, ins Kino zu gehen. Und das gelingt dir nur mit dem entsprechenden Aufwand. Und ich genieße das auch. Für mich ist das eine Gelegenheit, auf Entdeckungsreise zu gehen. Es ist großartig, wenn du sagen kannst: „Wäre es nicht möglich, einen ägyptischen Tempel zu bauen? Ja – es ist möglich! Schau dir das an.“ So etwas ist ein Segen. Ich liebe es, Gebäude zu designen. Wenn ich nicht Regisseur wäre, dann wäre ich am liebsten Architekt. Und gleichzeitig erfülle ich damit erzieherische Zwecke, denn die Zuschauer erfahren auf diese Weise, wie das Leben damals aussah.

tip Wird Ihnen der Stress solcher Produktionen mit 77 nicht langsam zu viel?
Ridley Scott Ich empfinde das nicht als Stress. Wenn du Tausende von Leuten hast, die dich jeden Tag anstarren und auf deine Entscheidungen warten, dann musst du absolut konzentriert sein. Auf diese Weise habe ich meine eigene Zen-Haltung entwickelt. Ich bin nie so ruhig wie beim Arbeiten.

tip Was machen Sie, wenn Sie sich nicht mit 140-Millionen-Dollar-Budgets austoben können?
Ridley Scott Dann male ich. Ich war auf der Kunsthochschule, und vor fünf, sechs Jahren habe ich wieder damit angefangen – mit großen Leinwänden.

Interview: Rüdiger Sturm

Fotos: 2014 Twentieth Century Fox

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Exodus – Götter und Könige“ im Kino in Berlin

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