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Ein Interview mit Ridley Scott

Der Marsianer

tip Sir Ridley, Ihr Film ist die Verfilmung von Andy Weirs erfolgreichem Roman. Hat man Ihnen das Projekt angeboten oder war das ihre eigene Idee?
Ridley Scott Ich habe mit 20th Century-Fox einen „First Look Deal“: Jedes Projekt, dass ich entwickle, zeige ich dem Studio. Manchmal spielt man mir aber auch Projekte zu, wie in diesem Fall. Eigentlich war ich mitten in der Vorbereitung von „Prometheus 2“, der jetzt im kommenden Februar Drehstart hat. Aber mich hat die Geschichte einfach umgehauen.

tip Gab es da schon ein Drehbuch?
Ridley Scott Ja, das hatte Drew Goddard geschrieben. Drew ist ja auch Filmemacher, sein „Cabin in the Woods“ (2012) war wirklich gut. Ich habe ihn gefragt, ob es irgendeinen Haken gibt, aber er meinte, er wolle lieber ein anderes Projekt als Regisseur umsetzen; das hat er komischerweise immer noch nicht. Und dann ging es ganz schnell: Vor elf Monaten habe ich mich mit Matt Damon getroffen, dann war bald Drehbeginn, jetzt ist der Film fertig und im Kino.

tip Ein Glücksfall? Sie sehen einen Stoff und wollen den umsetzen und bekommen das flugs hin und müssen nicht…
Ridley Scott …Klinkenputzen. Manchmal dauert es wirklich ewig, ein Projekt finanziert zu kriegen.

Ridley Scotttip „Der Marsianer“ ist „harte Science-Fiction“, offenbar gibt es aktuell im Kino wieder Interesse an Raumfahrt. Glauben Sie, dass Ihr Film die Öffentlichkeit für eine reale Mars-Mission begeistern kann?
Ridley Scott Nein, das wohl eher nicht. Die NASA will und muss darauf hoffen, weil die ja dringend ihr Budget braucht – und es ja immer noch Leute gibt, die fragen, warum man soviel Geld für eine Reise zum Mars ausgeben soll, wenn es hier genug andere Probleme gibt. Ich sehe mich als Unterhalter und nicht als Dokumentarist. Mich interessieren Stoffe und Geschichten, die mich inspirieren – das Buch ist toll, das Skript auch, sowas ist mir wichtig. Wenn ich zu irgendetwas verpflichtet bin, dann höchstens dazu, möglichst viele Hintern in die Kinosessel zu bekommen (lacht).

tip In „Der Marsianer“ geht es weniger um ?Verzweiflung als um Professionalität und Entschlossenheit.
Ridley Scott Watney ist wie ein Testpilot. Es gibt diesen Film „Der Stoff, aus dem die Helden sind“ (1983) über Testpiloten und die ersten amerikanischen Astronauten, der das sehr gut ?illustriert: Wenn man seine Ängste hereinlässt, kann man nicht richtig funktionieren, dann bestimmt einen das Adrenalin, das ist nicht gut. Watney kontrolliert seine Angst, der emotionale Zusammenbruch kommt erst sehr spät. Der war dann auch echt.

tip Inwiefern echt?
Ridley Scott Matt war in der Kapsel festgeschnallt, ich habe ihm den Funkverkehr, die Stimmen von Jessica Chastain und Michael Pena eingespielt. Das war irgendwie zu viel für Matt, das hat ihn sehr aufgewühlt. Das war ein eigenartiger, sehr schöner Moment.

tip Früher wurden Sie von Schauspielern ?als eher schwierig beschrieben, das scheint sich in den letzten Jahren deutlich ?geändert zu haben. Sind Sie altersmilde geworden?
Ridley Scott Nein, eigentlich nicht. Ich war früher sicherlich anstrengend und fordernd, aber ich hatte ja keine Film- oder Theater-Schule besucht, sondern als Designer angefangen. Und meine ersten Regie-Arbeiten waren kleine Projekte für die BBC, dafür gab es kaum Budget oder Drehzeit. Die habe ich organisiert wie ein Produktionsdesigner, das hat auch funktioniert. Aber da war wie später auch bei meinen Werbe-Clips nie Zeit oder Gelegenheit für lange Diskussionen. Bis etwa zu „Blade Runner“ (1982) hat sich das nicht geändert. Für Rutger Hauer war das kein Problem. Für Harrison Ford schon, der war damals echt schlecht drauf. Heute verstehen wir uns aber.

tip Er ist ja auch bei der „Blade Runner“-Fortsetzung dabei. Warum führen Sie da nicht wieder Regie?
Ridley Scott Das soll mal ruhig Denis Villeneuve machen, den schätze ich als Regisseur auch sehr. Meinen Beitrag habe ich geleistet und zwei Jahre am Drehbuch gearbeitet. Ich hatte eine wirklich gute Idee dafür, aber als ich irgendwann nicht weitergekommen bin, habe ich Hampton Fancher (Ko-Drehbuchautor von „Blade Runner“, Anm.) angerufen. Der lebt jetzt in New York, hat sich aber kein Stück verändert. Wir haben uns zusammengesetzt, das war wie damals: Da hatten wir acht Monate am Skript gearbeitet, dieses Mal hatten wir nach zwei Wochen etwas. Harrison Ford hat gesagt, es sei das beste Drehbuch, das er je gelesen hätte. Und das will was heißen, Harry ist ein ziemlich strenger, wählerischer Typ.

Interview: Thomas Klein

Fotos: 2015 Twentieth Century Fox /  Getty Images

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