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Ein Interview mit Ron Howard zu „Rush“

Ron Howard

Die Formel 1 erreichte in der legendärenn Auseinandersetzung zwischen Niki Lauda und James Hunt einen Höhepunkt – im Kino wird das gefährliche Duell neu nachvollziehbar.

tip Mr. Howard, als wir Sie einen Tag beim Dreh von „Rush“ begleiteten, war auffällig, wie sehr Sie mitfiebern und jeden Take förmlich mitspielen in Ihrem Regiestuhl. Woher stammt nach 35 Jahren als Regisseur diese ungebrochene Motivation?
Ron Howard Ich kenne nichts anderes, da ich als Kinderschauspieler begonnen und mich an Sets immer zu Hause gefühlt habe. Offen gestanden bin ich sehr introvertiert und ein leicht unsozialer Freak. Gäbe es das Kino nicht, würde ich mein Sofa gar nicht verlassen. Ich käme nie auf die Idee, zum Grund des Ozeans zu tauchen wie James Cameron. Das Drehen von Filmen aber zwingt mich, die Komfortzone für unwägbare Abenteuer zu verlassen – inzwischen bin ich süchtig nach den Erfahrungen des Jobs.

tip „Rush“ sollte zuerst von Paul Greengrass gedreht werden, während Sie „Captain Phillips“ planten, einen Film über Piraten vor der Küste Somalias. Wie kam es zum Tausch der beiden Projekte?
Ron Howard ?Ich bin seit „Frost/Nixon“ mit Drehbuchautor Peter Morgan befreundet, der auch „Rush“ schrieb und als Produzent den Stoff kontrolliert. Ich wusste, dass der Film bei Paul in guten Händen wäre. Doch weil aus Gründen des Timings oder der Finanzen nie ein Projekt wirklich steht, solange nicht die Kamera rollt, meldete ich auch mein Interesse an, für den Fall der Fälle. Und als Paul tatsächlich abspringen musste, sah ich eine Chance, meinen persönlichen Seventies-Film zu drehen, der diese coole, sexy Ära des Rennsports mit moderner Technologie reproduziert.

Dreharbeiten tip Waren Sie mit der Rivalität von Niki Lauda und James Hunt vertraut, deren Geschichte „Rush“ erzählt?
Ron Howard Nein, ich wuchs mit Baseball und Basketball auf und hatte vorher nur von Lauda gehört, der kurz nach seinem Unfall wieder hinters Steuer stieg. Entscheidend ist hier aber auch nicht der Sport, sondern das Duell der Fahrer als Brennstoff für ihre Ambitionen. Ein klassischer Konflikt. Einerseits ein komplizierter Mann wie Lauda, der manisch auf Präzision und Professionalität setzt – herausgefordert vom Briten Hunt, der lebt wie ein Rock’n’Roll-Star und sich Todesgefahr fast sorglos aussetzt.

tip Wie balancieren Sie das Charakterdrama mit den Rennsequenzen – und schwingt die Sorge mit, dass ein Film im Sportmilieu nur Fans ansprechen könnte?
Ron Howard Wir haben uns für eine Independent-Finanzierung entschieden, um genau dieses Problem nicht zu haben. Ein Hollywood-Studio hätte „Rush“ nicht gedreht, das Geld kam aus Europa. Und sicher wird es das Marketing schwer haben, Frauen als Publikum anzusprechen, die größte Ressentiments gegenüber Filmen mit Sport haben. Doch es geht nicht um die Rennen, in denen wir die Gefahr und das Geschick spürbar machen wollen, wenn Fahrer in Sekundenbruchteilen entscheiden müssen. Wir setzen den Zuschauer in diese Maschinen und können im Kino Perspektiven wählen, die nicht mal im heutigen Formel-1-Geschäft möglich sind. Doch jeder Thrill steht in Peters Drehbuch im persönlichen Kontext. Die Intensität der Fahrstile und Manöver spiegelt die emotionalen und psychologischen Ebenen der Rivalen Lauda und Hunt.

Dreharbeiten tip Peter Morgan ist Oscar-Preisträger für „The Queen“ und bekam die Rechte an Laudas Geschichte, weil er seit Langem mit ihm befreundet ist. Wie stark ist sein Einfluss als Produzent?
Ron Howard Er ist wie Paddy Chayefsky, Autor von „Network“, der als einer von wenigen zum Produzenten wurde und eng mit Sydney Lumet arbeitete. Anders als viele Kollegen habe ich Autoren grundsätzlich gern am Set, da sie tiefer im Stoff stecken. „Rush“ ist sicher genauso Peters wie mein Film. Von ihm kam zum Beispiel der Vorschlag, Daniel Brühl zu besetzen. Ebenso Alexandra Maria Lara, mit der ich dann nur einmal skypen musste, um auch überzeugt zu sein. Peter versteht alle Aspekte des Filmgeschäfts und war schon bei „Frost/Nixon“ mehr Partner als Autor. Und er besitzt eine europäische Sensibilität, die uns letztlich auch zum Dreh nach England und Deutschland führte. Rennszenen kann Hollywood überall nachstellen, doch Peter und ich wollten nur einen authentischen Film.

tip Wie war der Dreh auf dem Nürburgring?
Ron Howard Wir hatten natürlich fantastische Stuntfahrer – doch ich hätte nie erwartet, dass sie so gut sind, um 95 Prozent der Sequenzen real mit der Kamera einzufangen. Für Crashs im Film nutzten wir Computer, doch ansonsten verschmelzen nahtlos Archivaufnahmen mit unseren Sequenzen. Der Film „Senna“ war ein großes visuelles Vorbild und ich studierte sogar Klassiker mit Autoverfolgungsjagden, um Klischees zu vermeiden.

tip Macht es in der Qualität der Crews eigentlich noch einen Unterschied heutzutage, ob man in Deutschland, Hollywood oder Australien dreht?
Ron Howard Ich denke, nein. Das Level der Kompetenz ist überall hoch, gerade Deutschland und England haben lang gewachsene Filmkulturen. Aber man sucht nach kleinen Unterschieden und versucht sie für die Produktion zu nutzen. Das begann ich schon bei den Dan- Brown-Filmen zu lernen, die mich seinerzeit zum ersten Mal nach Europa führten. Ob es lokale Schauspieler sind, mit denen ich sonst kaum die Chance zu arbeiten hätte. Oder die Raffinesse europäischer Crews, reale Schauplätze für eine Szene zu nutzen. In Hollywood gibt es eher die Tendenz, jeden Ort in eine natürliche Bühne zu verwandeln mit viel Aufwand und Geld. Europäer haben diese Mittel nicht immer und arbeiten mit anderen visuellen Instinkten. Ich ziehe als Hollywood-Mann keine Form vor – aber ich habe hier viel Inspiration gefunden, die meine US-Filme künftig deutlich beeinflussen wird.

Interview: Roland Huschke

Fotos: Jaap Buitendijk / Universal Pictures

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Rush“ im Kino in Berlin

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