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Ein Interview mit Roy Andersson

Roy Andersson

tip Herr Andersson, mit „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ schließen Sie eine Trilogie über das Menschsein ab. Vielen scheint nicht ganz klar zu sein, ob Sie die Menschen eigentlich mögen.
Roy Andersson?In „Das jüngste Gericht“, dem mittleren der drei Filme, zitiere ich ein isländisches Sprichwort: Der Mensch ist die Freude des Menschen.

tip Dann ist es also ein Missverständnis, wenn Sie immer wieder als Pessimist oder gar Misanthrop, also Menschenhasser, betrachtet werden?
Roy Andersson Ich interessiere mich sehr für den spanischen Maler Goya. Der ist sehr pessimistisch in vielen Bildern, denken wir an die Serie „Die Schrecken des Krieges“. Aber er zeigt die Welt nicht so, weil er denkt, dass sie so sein sollte. Die Bilder sind ein Protest. Eigentlich ist er Optimist, weil er möchte, dass sich etwas ändert. Er verteidigt etwas, und damit ist man ein Optimist. Ich liebe auch George Grosz und Otto Dix, die Menschen in Entstellungen zeigen.

tip Der Film besteht aus 39 Szenen, die von der Geschichte zweier Männer zusammengehalten werden: Jonathan und Sam, zwei Scherzartikelhändler, in deren Leben es wenig zu lachen gibt.
Roy Andersson Diese beiden Männer sind eigentlich noch nicht alt genug für die Pension. Aber in Schweden kann man eine sehr kleine Rente schon früher bekommen, wenn man Probleme hat, zum Beispiel krank oder alleinstehend oder arbeitslos ist. Sie leben in einer Institution, in einem Heim für alleinstehende Männer. Ich kenne mich da sehr gut aus, denn ich bin in einem Gebäude aufgewachsen, das solche Männer beherbergte. Ich hatte auch einen Bruder, der inzwischen tot ist und der große Probleme mit Alkohol hatte. Er starb in so einem Haus.

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nachtip Jonathan und Sam wollen ein bisschen was dazuverdienen. Deswegen verkaufen sie Lachsäcke.
Roy Andersson Wenn man sehr arm ist, dann muss man klein anfangen. Einen Lachsack kann sich schnell einmal jemand leisten.

tip Jonathan spielt in seinem Zimmer immer wieder ein Lied, das sehr bewegend ist.
Roy Andersson Dieses Lied ist Mitte des 19. Jahrhunderts, so um 1860 entstanden. Es wurde von einem Priester geschrieben, einem Mann von 30 oder 35 Jahren, er hatte Familie und verliebte sich in eine Cousine. Das Lied handelt von ihr. Als ich jung war, habe ich dieses Lied immer gehört. Man spürt die ungeheure Liebe. Er malt sich eine gemeinsame Zukunft aus: Heirat, Kinder, ein Haus – und dann gemeinsam in den Himmel, wo schon die Eltern warten. Das hat mich schockiert, ich fand diese Idee schrecklich, im Himmel wieder auf die Eltern zu treffen. Selbst wenn ich sie liebe. Im Himmel muss das nicht noch einmal sein. Es ist, als würde man sein Leben wiederholen. Da fröstelt mich.

tip Die Geschichte gewinnt in diesem dritten Film an Bedeutung. Es gibt markante Zeitsprünge, zum Beispiel in einer Szene in einem Gasthaus, als plötzlich eine Reiterarmee auftaucht.
Roy Andersson Angeführt wird diese Armee von einem König. Er herrschte, wie man das im 18. Jahrhundert glaubte, von Gottes Gnaden. Er musste niemand Rechenschaft ablegen außer Gott. Schweden war damals ein Imperium. Finnland, das Baltikum, einiges aus Norddeutschland gehörte dazu, es war eine große Ära. Dieser König verlor alles. Er gilt aber immer noch als großer Held, kaum jemand spricht von seinen Niederlagen, nur von seinen Siegen. Er gilt als Männlichkeitsidol, und die politische Rechte verehrt ihn sehr.

tip Sie nicht, offensichtlich.
Roy Andersson Ich sympathisiere nicht mit der Oberklasse oder einem Adel. Ich hasse Aristokratie.

tip Das ist interessant, denn Ihnen wird oft vorgeworfen, Sie ließen die Menschen lächerlich aussehen.
Roy Andersson Ich möchte das menschliche Wesen sehr nackt zeigen. Der König fragt nach einer Toilette. Er war auch homosexuell, aber das wird gern verschwiegen. Der König ist ein schwedisches Selbstbild, und dieses wird hier ironisch präsentiert. Manchmal ist es schwierig zu erklären, warum ich eine bestimmte Szene gemacht habe. Ich hatte das Gefühl, es ist an der Zeit, diesen König so zu zeigen, wie er schließlich war.

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nachtip Die extremste Szene des Films spielt auf Verbrechen der Kolonialzeit an. Was ist das für ein Ding, in dem Afrikaner über einem Feuer geröstet werden?
Roy Andersson In der Antike gab es einen Tyrannen in Sizilien, der einen „brazen bull“ konstruieren ließ, einen gegossenen Stier, der ein Menschenwesen aufnehmen konnte. Wenn man darunter Feuer machte und den Bullen drehte, dann schrie dieser Mensch im Inneren, außen kam dieses Schreien aber als Musik an. Das ist für mich ein Beispiel dafür, wie weit Menschen in ihrer Grausamkeit gehen können.

tip Zur ungeheuer bitteren Komik dieser Szene trägt auch bei, dass sie der Gedankenwelt von Jonathan entstammt. Wie kommt ein einfacher Mann wie er auf so eine irre Vorstellung?
Roy Andersson Vielleicht hat er etwas geträumt, vielleicht hat er etwas gelesen. Er macht sich Gedanken. Hier gibt es eine Beziehung zu meinen früheren Filmen. Ich spreche von kollektiver Schuld. Auch wenn er selber nicht da war, fühlt er sich schuldig. Das fühle ich auch, ich fühle mich schuldig.

tip 1975 haben Sie nach Ihrem zweiten Film „Giliap“ mit dem Kino aufgehört. Wie fanden Sie den Weg zurück?
Roy Andersson Mein erster Film „Eine schwedische Liebesgeschichte“ (1970) war ein riesiger Erfolg, der zweite war ein großer Flop. Kommerziell, aber auch bei den Kritikern. 75 Prozent ist gut, der Rest ist nicht gut, das bereitet mir bis heute Unbehagen. Danach war ich isoliert in der Filmbranche. Ich bekam keine Unterstützung mehr, und so begann ich Werbung zu machen, was mir irgendwann erlaubte, ?15 Minuten von „Songs from The Second Floor“ (2000) zu machen. Und dann bekam ich wieder Geld.

tip Wann war der schwierigste Punkt?
Roy Andersson Mitte der 80er-Jahre, 1985, um genau zu sein. Ich wollte aufhören und Autor werden. Plötzlich aber sah ich einen Weg, wie ich einen Schritt vorankommen konnte, und das war der Schritt in die Abstraktion. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich Anhänger meines Milieus, also dieser Sozialrealismus der Arbeiterklasse. Plötzlich ließ ich Träume zu und fand meine Freiheit.

Interview: Bert Rebhandl

Fotos: Neue Visionen Filmverleih

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ im Kino in Berlin

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