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Ein Interview mit Salman Rushdie

Salman Rushdie

tip Mr. Rushdie, wie reagierten Sie, als Sie von dem Plan hörten, „Mitternachtskinder“ zu verfilmen?
Salman Rushdie Es gab nie einen Plan. Ich hatte genauso wenig an eine Adaption gedacht wie Regisseurin Deepa Mehta. Ich kannte sie privat, und wir trafen uns in Toronto 2008 zu einem gemütlichen Abendessen, weil wir beide gerade in der Stadt waren. Während des Dinners kam die Rede auf die Verfilmung meiner Bücher, wobei es zuerst um „Shalimar der Narr“ ging, an dem sie interessiert war. Dann fragte sie mich, wer die Rechte zu „Mitternachtskinder“ hätte. Die lagen bei mir. Und sie sagte: „Daraus kann ich auch einen Film machen.“

tip Und Sie hatten nichts dagegen?
Salman Rushdie In keinster Weise. Nach dem Essen unterzeichneten wir einen Vertrag für eine Zwei-Jahres-Option für einen Dollar. Mit der Möglichkeit, sie für einen weiteren Dollar um noch ein Jahr zu verlängern. Und Deepa meinte: „Wenn du das Drehbuch schreibst, zahle ich dir noch einen Dollar.“

tip Das ist ein Scherz?
Salman Rushdie Absolut nicht. Ich reagiere sehr stark, wenn jemand eine Leidenschaft für etwas hat. Und als ich sie von dem Roman sprechen hörte, war mir klar, dass er sie tief bewegt und sie viel darüber nachgedacht hatte. Ich dachte mir: Wenn sie ein so enges Verhältnis zu dem Buch hat, dann ist das Projekt etwas Persönliches. Das war nicht einfach ein Job für sie.

tip Aber Sie wussten, dass die Verfilmungen großer Romane auch im Desaster enden können.
Salman Rushdie Natürlich, ich bin schließlich selbst ein Filmfanatiker, aber die Leute denken immer nur an die negativen Szenarien. In einem Seminar an einer amerikanischen Universität zeigte ich vor ein paar Jahren mal das Bestfallszenario für eine Adaption auf. Und da gibt es eben Filme, die mindestens genauso gut, wenn nicht besser als ihre Vorlage sind. Ich denke da an Viscontis „Der Leopard“, Scorseses „Zeit der Unschuld“, Hustons „Die Toten“ oder Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“. Die Liste solcher Beispiele ist ziemlich lang.

Mitternachtskindertip War es für Ihre Zufriedenheit mit dem Projekt erforderlich, dass Sie auch das Drehbuch schrieben?
Salman Rushdie Offen gestanden lehnte ich erst ab, schließlich hatte ich die Geschichte schon erzählt. Aber dann gab es zwei Gegenargumente – ein kreatives und ein praktisches. Das erste Problem war: Der Roman ist so bekannt, dass Autoren automatisch Angst vor einer Adaption haben. Sie wollen keine großen Änderungen wagen. Aber genau die sind für ein Drehbuch notwendig, es geht nicht anders. Und Deepa meinte: „Du bist die einzige Person, die sich davor nicht fürchten würde.“ Was sehr überzeugend war. Und auf den praktischen Grund wies mich Produzent David Hamilton hin: „Es wird schwer, das Geld für diesen Film aufzubringen. Und es wird noch schwieriger, wenn du dich nicht daran beteiligst.“

tip Aber ist es nicht schwer, die Distanz zu einem eigenen Werk zu finden?
Salman Rushdie Normalerweise ja, aber ich hatte das Buch geschrieben, als ich 28 war, das ist ein halbes Leben her, jetzt bin ich 65. Das war wie der Roman eines jüngeren Egos. Er ist ich und er ist es auch nicht. Deshalb hatte ich die nötige Objektivität. Wenn ich ihn dagegen erst vor Kurzem verfasst hätte, wäre ich der falsche Kandidat gewesen.

tip War Ihnen Ihr Roman denn nicht mehr vertraut?
Salman Rushdie Ich sitze nicht herum und denke mir: „Lass mich ‚Mitternachtskinder‘ wieder einmal lesen.“ Es war also ziemlich lange her, dass ich das Buch das letzte Mal aufgeschlagen hatte. Und als ich mich für das Drehbuch wieder hineinvertiefte, war meine Reaktion unterschiedlich. Es gab Momente, in denen ich dachte: „Wow, das war gut! Wer hat das geschrieben?“ Und aber genauso hatte ich andere Phasen: „Aber nun wirklich! Das hätte ich nicht gemacht, wenn ich ein wenig klüger gewesen wäre.“ Das gilt für jedes Buch, wenn du nach einiger Zeit einen Blick hineinwirfst.

tip War der Prozess der Adaption dann schwierig?
Salman Rushdie Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder hineingefunden hatte. Denn zunächst ist das ein Roman über die Kindheit, und als ich ihn mit 28 schrieb, fiel es mir noch viel leichter, mich lebhaft an mein 10-, 12-, 15-jähriges Selbst zu erinnern als jetzt. Ich ließ mich aber von Deepas Leidenschaft anstecken, und so lernte ich meine Charaktere wieder kennen. Am Schluss machte es mir wirklich Spaß.

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Foto oben: David Shankbone / Wikimedia Commons

Foto unten: 2013 Concorde Filmverleih GmbH

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