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Ein Interview mit Schauspieler Denis Lavant

Holy Motors

tip Monsieur Lavant, in „Holy Motors“ jonglieren Sie zwischen elf verschiedenen Rollen – vom Manager bis zur Bettlerin. Wie fanden Sie sich in Leos Carax’ labyrinthischer Traumwelt zurecht?
Denis Lavant Da mein Geist nicht besonders geradlinig ist, kann ich auf klassische Strukturen verzichten. Carax erzählt meist indirekt und assoziationsreich. Man muss mir keine Geschichte mit einer klaren Logik vorgaukeln. Ich glaube, dass unser menschlicher Geist eher von Empfindungen lebt. Wenn sie sich miteinander vernetzen, kann eine neue Sprache, ein Sinn entstehen. Daher berührt mich Carax‘ besondere Poesie so, die von den Bildern lebt.

tip Wie helfen Carax‘ Drehbücher Ihnen, die verschiedenen Visionen des Regisseurs zu verkörpern?
Denis Lavant Carax‘ Drehbücher finde ich schon seit unserem ersten gemeinsamen Film „Boys Meets Girl“ (1984) bemerkenswert, weil sie so einfach sind wie eine Musikpartitur und klar beschreiben, was er letztlich drehen wird. Ich versuche, sie zwischen den Zeilen zu lesen, denn bei Carax kann eine im Drehbuch nur kurz umrissene Handlung später ungeahnte Ausmaße annehmen! Im Drehbuch von „Die Liebenden von Pont-Neuf“ stand etwa „Alex spuckt Feuer in den Straßen von Paris“ und für diese „kleine“ Szene mussten wir drei Nächte lang drehen. Der gesamte Dreh dauerte dann drei Jahre …
Diesmal zeigte mir das Drehbuch von „Holy Motors“ schnell, wohin die Reise ging. Ich musste der Figur von Monsieur Oscar kein Vorleben und keinen Alltag andichten, weil eine Figur für mich nur innerhalb des Films, innerhalb von Carax‘ Traum existiert. Wenn ich dann jeden Tag stundenlang in der Maske saß, fand ich einen Weg, um eine Figur nach der anderen lebendig werden zu lassen.

tip Sie kamen über den Zirkus und das Straßentheater zum Kino? Haben Sie eine Vorliebe für körperlich anstrengende Rollen?
Denis Lavant Schon als Kind faszinierten mich die Clowns und die Zirkuswelt. Also habe ich mir dann selber beigebracht, zu jonglieren oder Einrad zu fahren. Da ich mich gut ohne Worte ausdrücken konnte, kam ich dann über die Pantomime zum Straßentheater. Dann aber wurde ich neugieriger darauf, wie man als Schauspieler den Text eines Theaterstücks oder eines Filmdialogs lebendig machen konnte. Beim Spielen konnte ich meine Begeisterung für die Bewegung und die Akrobatik ausleben, und mit dieser Energie will ich auch heute noch arbeiten.

Holy Motorstip Auf Ihrer körperlichen Verwandlungskunst beruht der gesamte Film, aber welche Szene war besonders kompliziert zu spielen?
Denis Lavant Jede Episode barg ihre eigenen Leiden und Freuden. Die Figur des Monsieur Merde hatte ich zwar schon in Carax‘ Kurzfilm „Tokyo!“ gespielt, aber es war trotzdem kein Kinderspiel, halbnackt und barfuß bei klirrender Kälte auf dem Pariser Friedhof Pиre Lachaise von einem Grab zum anderen zu springen und dabei Blumen zu essen! Der erotische Tanz mit der Verbiegungskünstlerin Zlata war dagegen eine unglaublich sinnliche Erfahrung. Als Schauspieler muss man zu jeder Verrücktheit bereit sein.

tip Auch wenn Carax Sie dazu treibt, Eva Mendes zu entführen?
Denis Lavant (lacht) Sie wollen doch nur wissen, ob die Erektion in dieser Szene „echt“ ist oder nicht. Der einzige Mensch, der Ihnen darauf ehrlich antworten kann, ist meine Frau! Carax‘ spielt in „Holy Motors“ stark mit der Künstlichkeit und will vieles der Phantasie des Zuschauers überlassen.

tip Schon in „Die Liebenden von Pont-Neuf“ laufen Sie mit einer erstaunlichen Erektion Juliette Binoche hinterher…
Denis Lavant Man müsste untersuchen, ob sie so groß ist wie in „Holy Motors“…

tip In jedem Fall ist sie „bigger than life“.
Denis Lavant Um so besser, wenn man so ein Gespür für die wahren Verhältnisse entwickeln kann! (lacht) Das ist doch eine Aufgabe des Kinos, oder?

tip Carax schreibt seit „Mauvais sang“ (1986) Rollen direkt für Sie. Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit im Lauf der Zeit, vor allem nach „Die Liebenden von Pont-Neuf“ verändert?
Denis Lavant Carax lässt sich von mir zu Figuren inspirieren, die ich dann spiele. Ich verkörpere die verschiedenen Facetten seines Alter Ego, aber unser Verhältnis hat sich ständig weiterentwickelt. Anfangs ging er noch ziemlich direkt und brutal mit seinen Schauspielern um. Er glaubte, sie müssten die Dinge am eigenen Körper erleben, um im Film „authentisch“ zu wirken. Für meine Rolle als Clochard Alex in „Die Liebenden von Pont-Neuf“ habe ich auf der Straße gelebt, viel getrunken. Meine körperliche und psychologische Verwahrlosung sollte einem „echten“ Spiel dienen, aber mit dieser Methode sind Juliette Binoche und ich an unsere Grenzen gestoßen und fast verrückt geworden. Ich brauchte danach Abstand von der Rolle, habe daher viel Theater gemacht und nur mit einigen besonderen Regisseuren wie Har­mony Korine und Claire Denis gedreht.

Interview: Marcus Rothe

Lesen Sie das vollständige Interview im aktuellen tip 19/12 auf den Seiten 38-40.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Holy Motors“ im Kino in Berlin

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