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Ein Interview mit Sebastian Schipper, Laia Costa und Frederick Lau

Sebastian Schipper, Laia Costa, Frederick Lau

tip In mancherlei Hinsicht, vor allem von der erzählerischen Dynamik her, erinnert „Victoria“ an „Lola rennt“ – auch so ein Film, von dem man sagt, er hätte einen bestimmten Moment in Berlin definiert.
Sebastian Schipper?Ich war damals ja nahe dran. Tom Tykwer war für mich immer wie ein großer Bruder. „Lola rennt“ wurde mit dem Mut der Verzweiflung gemacht. Die junge Firma X-Filme brauchte ein Projekt, um nicht in den Bankrott zu schlittern. „Lola rennt“ hatte diese wütende, lustvolle Energie. Her mit dem Kino! Und nachdem wir „Victoria“ abgedreht hatten, habe ich zu Tom gesagt: Ich glaube, ich habe mein „Lola rennt“ gemacht. Nicht, weil ich auf so einen Erfolg spekulierte. Aber weil ich sage: Das ist meins! Mein ganzer Wahnsinn. Filmemachen ist schwierig und vielschichtig, mystisch und verrückt. Wenn es klappt, dann triffst du genau die richtige Musik. So war das damals – und so ist es hoffentlich auch jetzt. Wir waren jedenfalls beide echt nervös und dann superglücklich, als sich zeigte, dass Tom auf „Victoria“ echt total abgefahren ist.

tip In beiden Filmen geht es auch sehr stark um Planbarkeit und Zufall, zwei essenziell urbane Erfahrungen.
Sebastian Schipper Das ist eine der großen Strömungen in diesem Film. Alles ist heutzutage optimiert, es gibt keinen Slack, keine Downtime. Wir sind alle unsere eigenen Bosse. Dagegen setzen wir auf das Phänomen des Schnappschusses. Das Lieblingsbild aus dem Urlaub ist oft eines, das irgendwie einen Fehler hat. Wir hatten diese Schnappschuss-Haltung, wir wollten keine schönen Bilder machen, sondern den Schnappschuss zulassen.

tip Es gilt das Prinzip Straßenecke, nicht Dating-App.
Sebastian Schipper Genau. Es ist alles sehr analog, sehr Vinyl.

Laia Costa, Sebastian Schipper, Frederick Lautip Was macht Berlin für Sie aus?
Sebastian Schipper?Ich sehe das eher pragmatisch. Ich will keine weitere Stimme in der großen Berlin-Diskussion sein. Irgendwo habe ich mal ein Zitat gelesen: Egoismus heißt nicht, dass man macht, was man selber gerne macht, sondern dass die anderen das machen, was man möchte. Ich finde Berlin Bombe, ich habe überhaupt eine ganz große Innigkeit zu Orten, denen ich traue, weil ich als Kind viel umgezogen bin. Berlin ist so ein Ort. Aber ob andere das so sehen, das ist mir ehrlich gesagt vollkommen egal.

tip Es gibt aber nun einmal diese Diskussion, ob Berlin allmählich gewöhnlich wird, die besondere Atmosphäre verliert, die die Stadt lange ausgezeichnet hat. „Victoria“ scheint diese Atmosphäre zu beschwören.
Frederick Lau?Mir ist diese ganze Diskussion auch ziemlich egal. Ich bin hier aufgewachsen, viele freuen sich, wenn sie mich treffen, einen echten Berliner kennenzulernen, weil es so wenig geben soll. Ich kenne fast nur solche. Für mich ist Berlin Freiheit. Das ist es wirklich. Die Leute können singen auf der Straße, niemand wird für seine Meinung verachtet, und bunt ist es auch.
Sebastian Schipper?Ich habe manchmal das Gefühl: Viele finden das Berlin am besten, das sie vorfanden, als sie selbst in die Stadt kamen.

tip Das wäre so eine Haltung: Ich war der Letzte-, der noch reindurfte. Danach kommen die Drängler.
Sebastian Schipper Dabei bist du denen schon auf den Keks gegangen, die damals schon da waren. Natürlich habe ich gentrifiziert, als ich in den 90er-Jahren nach Mitte gezogen bin. Aber wir dürfen nicht vergessen, woher die Stadt kommt: Die Inselsituation – das war eine ganz artifizielle Party. Die behalten zu wollen, ich weiß nicht …

tip Es scheint das Schicksal von Städten zu sein, wen man nach New York oder Paris blickt, dass sie irgendwann tendenziell vom Geld so ein bisschen stillgelegt werden. Hat „Victoria“ vielleicht doch etwas von einem Manifest für diese Freiheit in einem Moment, in dem viele das Gefühl haben, sie werden weniger?
Sebastian Schipper?Das Tolle an Victoria ist: Wir haben das jetzt miteinander gemacht. Für mich war es Zeit, etwas Neues zu machen, für alle anderen war es gleichermaßen ein Wagnis. Niemand hatte den anderen was voraus. Der Film bekommt dadurch so eine Autorität, eine Würde, die nicht auf das Publikum schielt. Wie die Schauspieler durch den Film durchgehen, da habe ich das Gefühl, die erzählen ihre Geschichte. Natürlich ist das ausgedacht. Aber das hat so eine lässige Autorität: Du kannst mitkommen.

Interview: Stefanie Dörre und Bert Rebhandl

Fotos: Harry Schnitger

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Victoria“ im Kino in Berlin

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Beachten Sie auch unserer Bilderstrecke vom Interview

Zur Person: Laia Costa
Spanische Fernsehserien hätte man schauen müssen, um Laia Costa zu entdecken. Eine spanische Casting-Agentin gab Sebastian Schipper schließlich den Hinweis auf die 1985 in Barcelona geborene Schauspielerin, die in „Victoria“ ihre erste große Filmrolle hat. Eine Entdeckung, die bestens in die Berliner Gegenwart passt.

Zur Person: Sebastian Schipper
Alle paar Jahre macht Sebastian Schipper einen Film als Regisseur. Als Schauspieler ist er dagegen häufiger zu sehen, seit er 1992 in „Kleine Haie“ von Sönke Wortmann debütierte. 2010 spielte er in Tom Tykwers „Drei“. Vor „Victoria“ war „Absolute Giganten“ sein bekanntester eigener Film.

Zur Person: Frederick Lau
„Die Welle“ von Dennis Gansel war 2008 der schauspielerische Durchbruch für den gebürtigen Steglitzer Frederick Lau. In diesem Jahr ist er gleich mehrfach zu sehen: neben „Victoria“ noch in „Tod den Hippies. Es lebe der Punk“ und in „Traumfrauen“.

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