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Interview mit Sebastian Schipper, Laia Costa und Frederick Lau

Sebastian Schipper, Frederick Lau, Laia Costa

tip Herr Schipper, Sie haben „Victoria“ rund um die südliche Friedrichstraße gedreht. Eine unglamouröse Gegend, die im Film aber ein starkes Berlin-Gefühl vermittelt. Ging es darum? Oder waren eher logistische Gründe ausschlaggebend?
Sebastian Schipper?Es ging echt hauptsächlich um Logistik. Eigentlich ging es nur dadrum. Wir waren froh, dass es hier funktioniert hat. Wir waren nicht in einer Position, dass wir sagen hätten können: Das ist das Berlin, das wir zeigen wollen. Wir brauchten ein teures Hotel, das konnten wir nicht bauen. Den Club haben wir dagegen komplett gebaut. Dann gab es da hinten diese abgefahrene Tiefgarage, die wollte ich unbedingt haben, da war aber der Weg zur Bank ganz schön weit, auch wegen der Scheißampel vor dem Gropiusbau, die immer rot wird. Und dann noch der Innenhof, wo man eine Schießerei machen kann, das musste ja abgegrenzt sein. Das alles musste zusammenpassen – und hier fanden wir es.

tip Woher kam der Wunsch, einen langen Film in einer einzigen, ungeschnittenen Bewegung zu machen?
Sebastian Schipper Der Wunsch erwuchs daraus, dass ich ewig lang, also sicher fünf Jahre, gemeinsam mit Tom Tykwer an einem Paranoia-Thriller gearbeitet habe. Da hatte ich immer wieder diese Tagträume – einer war: Ich würde gern mal eine Bank überfallen. Ich dachte, so was wäre ein Ereignis, das einen total verbindet, das man nie vergisst. Diese Tagträume schützten sehr gut davor, an dem Drehbuch weiterzuarbeiten.

Laia Costatip Frau Costa, ist das ein Traum, dem Sie etwas abgewinnen können? Heutzutage eine Bank zu überfallen?
Laia Costa?Aber klar doch, wer hat diesen Traum nicht?! Alles auf eine Karte setzen.
Sebastian Schipper?Da steckt doch eine große Faszination dahinter, dass du zum Schalter gehst und sagst: Jetzt oder nie! Ich warte nicht länger. Das ist, wie wenn man zu einem Türsteher geht und sagt: Ich gehe da jetzt rein! Ich werde JETZT tanzen, und freie Drinks gibt es auch noch. Und vielleicht lieben wir Bankräuber genau für dieses JETZT. Wir warten ständig auf etwas, gerade beim Filmemachen, das Warten hört nie auf. Irgendwann muss etwas geschehen.

tip Der Bankräuber hat auch keinen zweiten Take, die Szene kann nicht noch einmal gedreht werden. Das war bei „Victoria“ zwar nicht ganz so, weil es ja mehrere Durchläufe gab, aber während des Durchlaufs kam es dann eben doch drauf an.
Sebastian Schipper?So fühlte es sich wirklich an. Tonight’s the night.

tip Wie kamen Sie auf die Idee, die weibliche Hauptfigur zu einer Spanierin zu machen. Kannten Sie Laia Costa da schon?
Sebastian Schipper?Hätte ich sie schon gekannt, wäre das jetzt meine Antwort. Aber nein, so war es nicht. Ich glaube, dass die untergründigen Energien in einem Film das wirklich Wichtige sind. Die tiefen Wasser, die Unterströmungen. Und bei „Victoria“ ist eine dieser Unterströmungen vielleicht, dass für junge Leute diese Welt ein harter Platz ist. Zum ersten Mal seit langer Zeit zeichnet sich für eine Generation ab, dass es für sie schwieriger werden wird als für die Eltern. Es gehört zu Berlin, dass junge Leute aus der ganzen Welt hierherkommen, weil Berlin zugänglich ist. Und sie haben den Traum, hier ihre Jugend in Würde zu leben.
Laia Costa?Ich kannte Berlin vor den Dreharbeiten persönlich nicht, aber ich habe viele Freunde, die hierherkommen. Viele junge Spanier gehen nach Berlin, London, Südamerika, Skandinavien. In Spanien ist die Situation schwierig. Viele Leute haben eine gute Ausbildung, aber keine Arbeit. Man bucht einen Flug und geht weg. Ein spanisches Mädchen, das in einem deutschen Film Englisch spricht, das ist sehr europäisch. Eine spanische Freundin von mir hat in Berlin einen Amerikaner geheiratet.

Laia Costa, Frederick Lautip Und wie passt da ein junger Rebell aus Steglitz ins Bild?
Frederick Lau Für mich war es so, dass wir uns getroffen haben. Das Erste, was Sebastian über den Film gesagt hat, war: Wir wollen das alles in einem Take machen.
Sebastian Schipper?Das war einer dieser megaheißen Berliner Sommertage …
Frederick Lau?Genau, und ich hatte zuerst einmal Apfelschorle bestellt. Als ich das gehört habe, musste ein Bier her. Die Jungs sind ein bisschen verrückt, dachte ich, aber das gefiel mir: Sagste erst mal ja. Siehste mal, was die so vorhaben. Das Anstrengendste war dann, diese ganzen Abläufe in den Kopf zu bekommen, das war aber auch das Schönste. Wenn du erst einmal spielst, wenn du dann die Treppen hinuntersteigst in den Take, das ist wie ein Abstieg in die Hölle, aber wenn du einmal drinnen bist, dann hast du die wunderbarsten 140 Minuten, die du haben kannst als Schauspieler. Ich kann den Film jetzt nicht mehr so oft sehen, denn das ist so, wie wenn du ein Stück von deinem Leben da vor dir hast.
Sebastian Schipper
?(hat währenddessen einen mitgebrachten Teebeutel hervorgeholt und in eine Tasse heißes Wasser gehängt) Ich weiß, ich weiß, das kann man jetzt auf zwei Weisen sehen. Entweder: Dieser Typ hat echt Stil. Oder aber: Was für ein Idiot! Wahrscheinlich stimmt beides.

tip Wir speichern das mal unter Stil ab. Wie wurde konkret gearbeitet? Wie viel ist spontan entstanden?
Frederick Lau?Es ist alles improvisiert, aber wir sind davor die Sachen genau durchgegangen. Und die, die wir gut fanden, haben wir behalten.
Sebastian Schipper?Es ist wie eine musikalische Improvisation, da ist ja auch die Richtung klar. Und dann kommen die Freiräume. Wir haben „Victoria“ extrem genau erarbeitet, gestartet sind wir mit zwölf Seiten, dann haben wir daran gearbeitet. An den Figuren gab es bis zum Schluss große Veränderungen. Das war ein großartiger Prozess, aber anstrengend, denn wir hatten nicht viel Zeit. Mit Laia probierten wir eine Menge auf der Innenseite. Wie sieht sie die Welt? Manchmal kamen wir an einen Punkt, an dem sie sagte: Sebastian, wenn ich das so spiele, dann kannst du von dem bisherigen Material alles wegschmeißen.

tip Das ist eine der Schlüsselfragen des Films: Warum lässt „Victoria“ sich darauf ein? Auf eine kriminelle Handlung?
Laia Costa?Ich glaube, sie wartet auf eine Nacht wie diese. Sie ist für drei Monate hier, sie hat keine Freunde, sie trifft diese Typen ohne Regeln und mit dieser großen Freiheit auf ihrem Gesicht. Sie ist idealistisch, sie will ein anderes Leben. Sie kann nicht Nein sagen. Sie möchte mit ihrer Vergangenheit brechen. Sie weiß nicht bewusst, was sie tut, aber sie muss in diese Richtung.

tip Sie muss auch deswegen in diese Richtung, weil sie einen jungen Mann trifft, der ihr diese Freiheit vermittelt. Einen „richtigen Berliner“, „kein Zugezogener“, wie es im Film betont wird. Gibt es diese Typen denn überhaupt in der Wirklichkeit?
Frederick Lau Ich sehe dauernd Leute, die sind genauso wie die, die wir spielen. Ich sehe uns als Straßenköter an, als Hunde, die du streicheln kannst. Der ganze Film ist vielleicht ein bisschen eine Hommage an Berliner Jungs.
Sebastian Schipper?Mit dieser Tradition fühle ich mich gut. Im Berlin der 20er-Jahre hätte das auch spielen können. Es gibt ja diese Mythologie der Berliner Schnauze, dauernd einen Spruch reinhauen, verbal ein bisschen beweglicher sein. Dieser Wille, es zu zeigen, dass du ein bisschen schneller bist hier oben (tippt sich an den Kopf).

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