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Ein Interview mit Sebastian Schipper zum Tod von Frank Giering

Sebastian Schippertip Sebastian Schipper, wie kam es, dass Frank Giering in „Absolute Giganten“ mitgespielt hat?
Sebastian Schipper Ich hatte Frankie bei „Absolute Giganten“ ursprünglich für eine andere Rolle zum Casting eingeladen. Er hat dann aber ganz unerwartet gewirkt, und es war schnell klar, dass er für die Hauptfigur Floyd ganz großartig war.

tip Welche Eindrücke haben Sie damals von ihm gewonnen?
Schipper Wenn man Frankie begegnete, wusste man sofort, dass er jemand Besonderer ist. Er wirkte sehr verloren und hat sich den Leuten, denen er begegnete, oft extrem stark geöffnet. Seine Haltlosigkeit konnte aber auch eine Bedrohung sein. Es war vielleicht auch seine Art sich zu verbergen, dass er so vollkommen offen war, gegenüber Kollegen, aber auch in Interviews. Er war jemand, der gar keine Manager-Qualitäten gegenüber seinem eigenen Leben hatte – das, was heute so wichtig wird, dieses Arbeiten an sich selbst, bloß nicht als schwach, überfordert oder gestört aufzufallen, das hatte er gar nicht.

tip Bei vielen Schauspielern verändert sich das, wenn die Kamera läuft. War das bei ihm auch so?
Schipper Vor der Kamera ging es ihm gut. Das war eine Form, die ihm Schutz gab, und das wusste er auch. Ich hatte oft den Eindruck, dass die Zeiten dazwischen für ihn anstrengend waren, dass er die Nacht gefürchtet hat, das Alleinsein. Mir widerstrebt es, das irgendwie zu pathologisieren – auf einen Menschen zu zeigen und zu sagen, was er alles nicht konnte. Ich empfinde es eher als ein Wunder, wie viele von uns das alles schaffen. Und mit Frankie gab es eben einen ungeschätzten, unprofessionellen Menschen, der uns gerade deswegen berührte. Für den die harte Aufgabe nicht zu schaffen war, dieses Leben zu meistern mit seinen vielen Enttäuschungen, Rückschlägen und Verletzungen.

Absolute Gigantentip Was werden Sie von ihm am meisten in Erinnerung behalten?
Schipper Frankie hatte einen wahnsinnig guten Humor. Der kam wohl von seinem Blick auf die kleinen Leute. Er hat sich selber so wahrgenommen, vielleicht hat er deswegen so an Magdeburg gehangen. Er hat gern von da erzählt. Aber nie herablassend, sondern immer sehr zärtlich und genau. Als wir „Absolute Giganten“ drehten, haben wir manchmal gespielt: Wie kann man einen Witz so erzählen, wie man ihn erzählen würde, wenn man ihn selbst nicht verstanden hat? Um das zu machen, muss man den Dummen in einem selber verstehen, und Frankie konnte das. Als wir dann gemeinsam bei Romuald Karmakar spielten in „Die Nacht singt ihre Lieder“, da haben wir manchmal so getan, als wären wir zwei Hausmeister in Babelsberg, die einander in immer schwachsinnigerer Weise erklären, wofür die Filmleute alle diese seltsamen Geräte verwenden. Für mich ist Frankie in dieser spontanen Hausmeisterrolle – eigentlich ja nur eine Blödelei – , in der Erinnerung an diese Arbeit.

tip Wäre ihm zu helfen gewesen?
Schipper Frankie hatte einen sehr weichen Händedruck, so wie man ihn ja sowieso immer sehr genau gespürt hat, wenn er da war. Und wenn es ihm nicht gut ging, konnte das auch sehr belastend sein. Was hätte man tun sollen? Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Es gibt einen Punkt in mir, der auch denkt, dass er jetzt Ruhe hat vor all der Scham und dem Versagen. Und der sich vielleicht freut, dass wir an ihn denken, den tollen Blödmann.

Interview: Bert Rebhandl

Foto von Sebastian Schipper: Harry Schnitger/tip

Szenenfoto „Absolute Giganten“: Senator Film

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