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Ein Interview mit Semih Kaplanoglu

Semih Kaplanoglutip Ich kann mir vorstellen, dass der Inszenierungsstil nicht ganz mit dem ruhigen Atmen der Bilder Ihrer Trilogie vergleich­bar ist.
Kaplanoglu Klar, ich habe im Zuge dieser Serie vor allem gelernt, was ich nicht machen will. Das war eine wichtige Erfahrung.

tip In den Filmen spielen non-professionelle Akteure eine große Rolle. Der Junge in „Bal“ natürlich, aber auch andere Akteure, wie Ihr Haupttdarsteller in „Süt“. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Kaplanoglu Ich glaube, dass echte Menschen über­zeugender sind. Das wichtige an Laiendarstellern ist, dass sie keine Schemata haben, dass sie nicht in eine Form hineingezwängt worden sind. Es gelingt mir so öfter, die eigenen Lebenserfahrungen dieser Darsteller zu aktivieren und für den Film nutzbar zu machen. Und ich lade auch immer die ­Menschen aus den Gegenden, in denen wir drehen, ein, an den Drehort zu kommen – und wenn sie möchten, können sie auch mitspielen.

tip Würden Sie Ihren Stil selber als „realistisch“ definieren?
Kaplanoglu Ja, könnte ich machen.

tip Zugleich gibt es jede Menge absurde ­Momente. Der Cliffhanger etwa, der Ihren Film „Bal“ einklammert, aber auch die Tier-Erzählungen in „Süt“, die aus jedem realistischen Erzählmodus ausscheren.
Kaplanoglu Sie können es gerne so sehen, aber für mich sind das keine Elemente, die für mich ­unre­alistisch oder absurd wären. Dass der Mann am Baum hängt, ist eine realistische Situation und gleichzeitig merkt man im Lauf des Filmes, dass es sich um einen Traum des Jungen handelt, der hinterher eintritt. Und die Tiere: das sind Geschichten aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Natürlich ist alles, was man im Film darstellt, immer der Verweis auf etwas anderes. Ein Wasserglas ist halt immer auch etwas anderes als ein Wasserglas. Mir geht es um spirituellen Realismus. Darum, eine realistische Ebene und eine spirituelle Ebene zusammen zu bringen. Wenn man sich nur auf das Geistige, Spirituelle einschießt, dann gleitet man schnell in so eine seltsame Phantasiewelt. Aber andererseits ist der Mensch kein eindimensionales Wesen.

Semih Kaplanoglutip Gibt es einen Dialog zwischen den türkischen Filmemachern Ihrer Generation, die in den letzten Jahren auch auf den internationalen Festivals großen Erfolgt hatten – Nuri Bilge Ceylan übrigens ja auch mit einer sehr komplex ineinander verwobenen Trilogie.
Kaplanoglu Ja, auf jeden Fall. Der Unterschied zwischen den beiden Trilogien ist, dass ich alle drei Drehbücher schon fertig hatte, bevor ich angefangen habe zu drehen. Bei Ceylan war das ganz anders. Aber wir sind befreundet. Es gibt auch andere: Yesim Ustaoglu, Reha Erdem, Zeki Demirkubuz, Dervis Saim, insgesamt acht bis zehn Filmemacher, die aus einer Generation kommen, die man oft als „Neues türkisches Kino“ bezeichnet. Wir haben jetzt kein Manifest – aber zumindest haben wir eine sehr ähnlich Art Filme zu machen, und eine ähnliche Produktionsweise. Wir machen eben wirklich Autorenkino, indem wir selbst schreiben, selbst Regie führen und viele andere Dinge selbst machen. Mittlerweile  suchen sich die anderen auch Produzenten, während ich meine Filme immer noch selbst produziere. Aber auf jeden Fall ist da diese Verwandtschaft.

tip Sie sind in Izmir geboren, der Schauplatz von „Bal – Honig“ liegt davon denkbar weit entfernt. Was verbinden Sie mit diesen
Wäldern in der türkischen Schwarzmeer­region?
Kaplanoglu Ich habe einfach einen Wald gesucht, in dem Imkerei betrieben wird, im traditionellen Sinn. Ich habe einen Urwald gesucht, in dem Menschen leben, die aber wenig Spuren hinterlassen haben.

tip Wird es einen vierten Teil geben, wenn Sie das richtige Alter erreicht haben?
Kaplanoglu Nein, damit ist Schluss.

Interview: Robert Weixlbaumer

Fotos: David von Becker

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Bal – Honig“ im Kino

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