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Ein Interview mit Semih Kaplanoglu

Semih Kaplanoglutip Herr Kaplanoglu, „Bal – Honig“ ist der Abschluss einer Filmtrilogie. Was sollte ein Zuschauer wissen, der die ersten beiden Filme „Yumurta – Ei“ (2007) und „Süt – Milch“ (2008) nicht gesehen hat?
Semih Kaplanoglu Gar nichts. Die Filme sind jeweils eigenständig und in sich abgeschlossen. Es geht zwar um die gleiche Person, die gleiche Figur, aber zu verschiedenen Phasen ihres Lebens. Es gibt keinen Mangel, den man spüren würde, wenn man nur einen dieser Filme sieht.

tip Warum wird die Geschichte dieser Figur rückwärts erzählt? Ihr Protagonist wird von Film zu Film jünger, in „Bal“ ist er nun ein Kind.
Kaplanoglu Als ich angefangen habe, war ich selbst um die vierzig, also etwa so alt wie die Figur im erstgedrehten Teil  „Yumurta – Ei“. Ich hatte ähnliche Probleme wie diese Figur, bestimmte Dinge, die ich in meinem Leben nicht geschafft hatte. Das war ein Punkt, an dem ich am besten in die Figur einsteigen konnte. Der zweite Grund war, dass ich eine Art psychoanalytische Regression, eine Art Flashback machen wollte, wo man zu den Traumata zurückgeht, zu den unaufgearbeiteten Fragen. Aber ich wollte das nicht in Form einer historisierenden Darstellung machen, sondern eher in Form einer assoziativen Erinnerung. Eine Bewegung hin zum Wesen, zur Seele dieses Menschen.

tip Sie sprechen davon, dass Sie an einem ähnlichen Punkt waren wie Ihr Protago­nist. Wie autobiographisch ist denn die Trilogie?
Kaplanoglu Ich würde sagen: vielleicht zu vierzig Prozent. Es gibt sicher autobiographische Elemente, aber nicht in der Gesamtgeschichte, sondern das sind sehr konkrete, kleine Erlebnisse. Zum Beispiel die Leseschwäche, die dieser Junge in seiner Kindheit hat, und ein paar andere Ereignisse, die ihm einfach passieren. Das sind alles Geschichten, die ich erlebt habe.

Semih Kaplanoglutip Als Sie mit dem Projekt begannen, hatten Sie allerdings schon „Sehnaz Tango“ geschrieben und inszeniert, eine 52-teilige Sitcom fürs türkische Fernsehen. Sie hätten das auch als Erfolg sehen können.
Kaplanoglu Na ja, es geht dabei ja nicht um Erfolg. Auch der Yusuf in „Yumurta“ hat einen Lyrikband veröffentlich und dafür einen Preis bekommen. Es geht eigentlich eher um existentiellere Fragen der Identität oder der Lebensweise, nicht um das, was man erreicht. Und das waren auch die Fragen, die ich mir damals angefangen habe zu stellen: Warum bin ich überhaupt hier und was mache ich eigentlich? Das ist eine Sache, die sich einstellt, wenn man merkt, dass die Zukunft, die man hat, eigentlich immer mehr schwindet, immer weniger wird, und das, was in der Vergangenheit liegt, einen immer größeren Anteil ausmacht. Und man sich in diesen Fragen schon fast ertränken mag. Das hat nur noch wenig mit der Frage nach einem erfolg­reichen Lebensweg zu tun, sondern mit der Frage nach sich selbst.

tip Trotzdem interessiert mich: Worum ging es in „Sehnaz Tango“?
Kaplanoglu Es ging um ein Ehepaar in Trennung, mit zwei Töchtern. Der Mann ist ein sehr starker Individualist und auch nach der Trennung geht die Liebe zwischen diesen beiden weiter mit allen Auf und Abs. Es geht letztlich darum, dass die Frau aus einer traditionellen Frauenrolle kommt und versucht, diese Rolle zu brechen und ein freies, neues Leben anzufangen, während der Mann seine traditionelle Männerrolle eigentlich schon längst abgelegt hat, um sich auszuleben, aber jetzt versucht, wieder in diese alte Rolle hineinzuschlüpfen, um die Frau wieder zurückzugewinnen – und dabei nicht merkt, dass sie als Frau schon längst nicht mehr in dieser Rolle ist und er nicht zu ihr zurückkommt, sondern sie verpasst.

tip Klingt für eine Sitcom ziemlich komplex.
Kaplanoglu Aber es war sehr populär, das muss ich sagen.

Fotos: David von Becker

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