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Ein Interview mit Shirin Neshat

Sirin Neshattip Ein zentrales Motiv ist der ­Garten – ein Ort der Autonomie für die Frauen, aber auch ein Ort des Rückzugs aus der Gesellschaft.
Neshat Der Garten steht für die Idee einer Utopie, in der persischen Poesie und im Islam steht er auch für das Leben nach dem Tod. Dort gilt die Logik nicht mehr, die wir kennen. Man kann in seiner Imagination leben. Die Frauen suchen Zuflucht an diesem Ort, in diesem Garten Eden. Der Garten steht aber eben auch für das ganze Land: Zarin stirbt genau in dem Moment, in dem der Schah das Land betrügt. Der Garten wird auch in gewisser Weise vergewaltigt. Der 29. August 1953 ist das Datum dieser Vergewaltigung. Am Ende ist Munis die Einzige, die uns von all dem erzählen kann: vom Schicksal der Frauen und vom Schicksal des Landes. Diese Bilder sind für mich ganz selbstverständlich, da musste ich nicht viel nachdenken.

tip Sie haben den Iran nach der Revolution von 1979 verlassen und leben seit langer Zeit im Westen. Wie stark sind Sie von der iranischen Kultur geprägt worden?
Neshat Ich frage mich das auch, denn es gibt in meiner Familie keine künstlerischen Menschen. Poesie aber war immer schon da, die iranischen Menschen leben ­mit der Poesie, sie lesen Hafis, Rumi und die ganzen Klassiker. Wir ­haben auch Sadeq Hedayat ­gelesen, den man häufig als unseren Sartre bezeichnet. Schon früh ­haben wir sehr schwierige, auch mystische Texte gelesen. Und das erklärt wohl, warum ich von Beginn an literarische Texte in meiner Arbeit verwendet habe. Nicht das visuelle, sondern das poetische Vokabular unserer Kultur hat mich entscheidend be­einflusst. Vielen Kritikern im Westen ist das zu viel, sie sagen: Das ist zu allegorisch. Das ist zu prätentiös. Für uns ist das aber ein ganz normales Selbstverständnis. Im Westen hat mich dann am stärksten die Konzeptkunst fasziniert, ich sehe darin nämlich gerade viele Parallelen zur Poesie im Iran: Konzeptkunst ist subversiv, sie ruft eher Assoziationen hervor als Bedeutung, man muss selbst interpretieren und zwischen den Zeilen lesen.

Sirin Neshattip Das iranische Kino ist seit vielen Jahren auf Festivals stark vertreten, mit Regisseuren wie Abbas Kiarostami oder Jafar ­Panahi. Daneben gibt es aber noch eine andere Tradition, für die Bahram Beyzai steht, der nicht so bekannt ist, Ihnen aber näher sein dürfte.
Neshat Ganz richtig. Die Festivals und deren Publikum haben ein soziologisches Interesse stark in den Vordergrund gestellt. Man möchte immer möglichst un­geschminkt über die Wirklichkeit des Landes informiert werden. Poetischer oder magischer Realismus hingegen hat es schwer, dabei erfährt man auch auf diese Weise viel über das Land. Unter iranischen Intellektuellen gibt es eine große Diskussion über die internationalen Erfolge, denn die auf den Festival erfolgreichen ­Filme haben irgendwann begonnen, einander stark zu ähneln. Da ist ein Formalismus entstanden, der den Iran auf eine bestimmte Rolle festlegt, auf die einer unterentwickelten Nation, deren Schwierigkeiten die Filmemacher zeigen. Da sehe ich eine Form des Orientalismus am Werk, die den westlichen Blick stärkt.

tip Wie gehen Sie damit um, dass „Women without Men“ nun auch vor allem ein westliches Publikum haben wird, während Sie im Iran damit eine Untergrundkünstlerin bleiben müssen?
Neshat Ich konnte seit 1996 nicht in den Iran zurück, ich habe diese Frustrationen schon verinnerlicht und auch verarbeitet. Ich weiß aber, dass ich als iranische Künstlerin immer in der Verantwortung stehe, denn auch ich spreche für das Volk, egal, wo ich bin, und das Volk nimmt seine Künstler in die Verantwortung, wo auch immer sie sind.

Interview: Bert Rebhandl

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Women without Men“ im Kino in Berlin

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