Kino & Stream

Ein Interview mit Shirin Neshat

Sirin Neshat

tip Frau Neshat, Sie waren bis  vor Kurzem vor allem als Video- und Installationskünstlerin ­bekannt. Warum haben Sie sich bei „Women without Men“ für ­die Form eines Spielfilms ent­schieden?
Shirin Neshat Das hat eine lange Vorgeschichte. 2002 war ich an einem Punkt, an dem ich nicht länger von einer Biennale zur nächsten fahren wollte. In der Kunstwelt sind die Künstler selber so etwas wie die Ware, das hat mich zusehends erschöpft. Ich hasse auch Wiederholung, und in der Kunst geht es vielfach darum, Erfolgsrezepte zu wiederholen. Ich dachte mir damals also: ­Vielleicht könnte ich einen Film machen, wie, um einen Winterschlaf zu halten? Ich nahm das schwierigste Buch der Welt, „Women without Men“ von Shahrnush Parsipur, und ging damit in das Writer’s Lab in Sundance. Ich wollte mich damit herausfordern, und viele Menschen haben mich gewarnt: Tu das nicht! Aber mich konnte nichts von dieser Idee abbringen. Zwischendurch machten wir als eine Art Aufwärmübung ein Video über eine der Figuren in dem Buch, die ich für eine Installation verwendet habe. Damals war ich noch auf der Suche nach der filmischen Form für diese Geschichte. Denn Künstler arbeiten mit Konzepten, als Filmemacher aber brauchst du eine Erzählung. Das hat alles sehr lange gebraucht, bis ich herausgefunden habe, worauf es ankommt. Ich wurde wieder zu einer Studentin.

tip Worum geht es in dem Buch?
Neshat Es ist eine mystische Geschichte von Frauen. In allen ­Büchern von Shahrnush Parsipur geht es um Frauen und Geschichte und magischen Realismus. ­Iranische Menschen haben sich immer schon auf diese Weise ­ausgedrückt, vor allem auch unter den Bedingungen von Zensur. ­Ich liebe das Buch, und ich habe eine Menge Probleme damit. Die magischen Aspekte fand ich immer ein wenig schmalzig. Ich wollte also das Politische stärker herausarbeiten.

Sirin Neshattip Das Politische ergibt sich in diesem Fall aus der Zeit, in der die Geschichte spielt: 1953, als die Hoffnungen auf eine moderne iranische Demokratie einem Staatsstreich zum Opfer fielen.
Neshat Beim Lesen des Buches hat mich das fast noch mehr angesprochen als die starken Bilder: dieser Moment, in dem es eine kosmopolitische Idee gab, wie der Iran als freies Land zur internationalen Staatengemeinschaft gehören könnte. Das wurde 1953 brutal enttäuscht, spielt aber im iranischen Kino kaum eine Rolle. Seit der islamischen Revolution 1979 haben fast alle Filme, die ­aus dem Iran im Westen bekannt werden, diesen realistischen Stil, der Bilder zeigt von dem Leben in
einem Land, das in vielerlei Hinsicht rückständig ist. Es gibt kaum historische Filme, die zeigen, dass schon die Großeltern der heutigen Generation für die Freiheit gekämpft haben. Die Ironie dabei ist: Wir haben im Juni 2009 den Schnitt abgeschlossen, Premiere war im September 2009, nur wenige Wochen nachdem im Iran ­die Greuel begannen, mit denen ­Präsident Ahmadinedschad die ­demokratische Protestbewegung niederschlagen ließ.

tip Sie erschließen die politische Problematik über die Rolle der Frauen. Wie schwierig ist es dabei, sich von Klischees zu lösen?
Neshat Es ist sehr schwierig, die Klischees zu überwinden, die es von muslimischen Frauen gibt. Dabei ist das von Land zu Land ganz unterschiedlich, es gibt nicht einfach eine gesamtislamische Frauenunterdrückung. Ich wollte nicht auf ein großes feministisches Statement hinaus, sondern hier haben wir vier Frauen mit vier verschiedenen Krisen, und sie ­laufen weg aus der patriarchalischen Gesellschaft. Das ist der wesentliche Aspekt, Religion ­ist nur ein Teil davon. Wir haben vier Figuren, die auch unterschiedliche Typen der sozioökonomischen Wirklichkeit im Iran 1953 vertreten: Fakhri ist sehr reich und westlich, Faezeh gehört der Mittelklasse an und ist eher traditionell, Zarin ist eine Prostituierte. Dazu kommt Munis, die sich voll auf die Befreiungshoffnung einlässt.

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