Kino & Stream

Ein Interview mit Stellan Skarsgеrd

Stellan Skarsgеrd

tip Wenn man sich an Ihre herzlich sarkastische Laudatio für Mads Mikkelsen beim Europäischen Filmpreis 2011 erinnert, scheint von Triers Humor Ihrem durchaus ähnlich, oder?
Stellan Skarsgеrd Ja, wir haben viel Spaß und sagen die ganze Zeit Dinge, die man eigentlich nicht sagen sollte. Das ist sehr befreiend. Ich finde es auch albern, wenn er für seine Witze angeprangert wird. Jeder weiß, dass er mit allem, was er tut, nicht weiter von einem Nazi entfernt sein könnte. Wenn er dann auch noch falsch zitiert oder ganz wörtlich genommen wird, entwickelt sich so etwas wie eine Inquisition. Ich denke mir dann: Fuck off, Leute, werdet erwachsen.

tip Sie werden demnächst auch wieder mit von Trier zusammenarbeiten, in „Nymphomaniac“…
Stellan Skarsgеrd Ja, ja, dem Pornofilm. (lacht) Lars hat mich vergangenen Sommer angerufen und er sagte: (macht von Triers Stimme nach) „Stellan, mein nächster Film wird ein Porno und ich will, dass du die Hauptrolle spielst.“ Darauf habe ich ihm geantwortet: „Ja, Lars, das werde ich machen.“ „Aber du wirst darin nicht ficken.“ „Das ist in Ordnung, Lars, ich werde trotzdem dabei sein.“ „Aber du wirst am Ende deinen Schwanz zeigen und der wird sehr schlaff sein.“ „Alles klar, Lars, ich werde da sein.“ Darauf freue ich mich schon sehr.

tip Sie haben ja schon Anfang der 70er Erfahrungen mit einem Nymphomaninnenfilm gemacht…
Stellan Skarsgеrd Oh, ja, „Das Schwedenmädchen Anita“… Das ist aber eine ganz andere Sache. Den würde ich nicht als Pornofilm bezeichnen, denn was Pornografie anbelangt, hat Hollywood diesen Film danach bereits mehrfach überholt. Ich würde ihn als Sexploitationfilm bezeichnen. Eines der Verkaufsargumente dafür war, dass genügend Titten und Ärsche zu sehen sind.

King Of Devil's Islandtip Ihren Penis mussten Sie damals nicht zeigen?
Stellan Skarsgеrd Oh, doch. Ich habe meinen Penis im Laufe meiner Karriere so oft wie möglich gezeigt. Der ist schon viel rumgekommen.

tip Wollten Sie eigentlich immer nach Hollywood?
Stellan Skarsgеrd Das hat sich per Zufall so ergeben. Ich hatte niemals irgendwelche Pläne für mein Leben. Die Dinge sind einfach passiert. Ich habe immer das getan, was mich interessiert und mir auf die eine oder andere Weise Vergnügen bereitet hat. Ich plane auch nie weit in die Zukunft.

tip Was sind die Vor- und Nachteile der beiden Welten, zwischen denen Sie sich bewegen?
Stellan Skarsgеrd Das Beste der Independent-Welt ist, dass der Regisseur Freiheit hat und der Film hoffentlich ein Ausdruck des Regisseurs, seiner Gedanken, seiner Weltsicht ist. Je persönlicher, umso besser. Der Nachteil dieser Welt ist allerdings, dass die Filme oft nur sehr schwer einen Vertrieb finden. Die amerikanischen Filme hingegen haben den Vorteil, dass man gut bezahlt wird, auf jeder Ebene mit extrem gut ausgebildeten Handwerkern arbeitet und es nichts gibt, was sie nicht tun können. Dafür sind dort die Freiheiten des Regisseurs oft begrenzt – wegen der Banker. Die Studio-Executives haben immer Angst, ihren Job zu verlieren und minimieren alles, was einen Film persönlich machen könnte. Es sei denn, man arbeitet mit so einem einzigartigen Mann wie Fincher zusammen, der seine Karriere hindurch immer um seine Unabhängigkeit gekämpft hat. Der darf Filme für hundert Millionen Dollar drehen und hat immer noch die Kontrolle.

tip Spiegelt Ihre Filmografie Ihren eigenen Filmgeschmack wider?
Stellan Skarsgеrd Wahrscheinlich, wenn auch mehr die Independent-Filme. Aber ich mag auch die großen Hollywoodfilme und ihren Glanz.

tip Wie suchen Sie sich Ihre Rollen aus?
Stellan Skarsgеrd Ich achte vor allem darauf, dass die Rollen sehr unterschiedlich sind. Ich habe um die 90 Filme gedreht und wenn ich jedes Mal denselben Charakter hätte spielen müssen, wäre ich inzwischen sehr gelangweilt. Es gab einmal eine Kritik zu „Ein Mann von Welt“. Es war eine sehr positive Kritik, die allerdings mit folgendem Satz begann: „Stellan Skarsgеrd hat ein Gesicht, das man beinahe sofort wieder vergisst.“ (lacht laut) Das war sehr lustig, und es steckt was Gutes darin: Sie wissen nicht, wer ich bin, und das ist großartig.

Interview: Sascha Rettig

Foto oben: Harry Schnitger/tip

Foto unten: Alamode Film

zurück | 1 | 2

Lesen Sie hier die Filmkritik: „King of Devil’s Island“ im Kino in Berlin

Mehr über Cookies erfahren