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Ein Interview mit Stellan Skarsgеrd

Stellan Skarsgеrd

tip Herr Skarsgеrd, in Ihrem aktuellen Film „King of Devil’s Island“ sind Sie der Rektor der Erziehungsanstalt für straffällige Jugendliche, die es bis 1970 auf der norwegischen Insel Bastшy gab. Auch die Jungs, mit denen Sie darin vor der Kamera standen, haben teils einen sehr schwierigen persönlichen Hintergrund. Wie unterschied sich die Arbeit mit den Jugendlichen etwa von einem Dreh mit Meryl Streep in „Mamma Mia!“?
Da gibt es keinen großen Unterschied. Nur, dass Meryl Streep eine so gute Schauspielerin ist, dass sie alles spielen kann und dabei immer glaubwürdig und wahrhaftig ist. Diese Jungs hatten hingegen als Amateure keine andere Möglichkeit, als wahrhaftig zu sein. Ich glaube nicht, dass man einen wohlerzogenen 21-Jährigen mit einigen Jahren Schauspielschulerfahrung findet, der so spielen kann wie die Jungen im Film. Die Kamera sieht genau, was in einem vorgeht. Bei den Jugendlichen sieht man die harte Oberfläche, die sie sich zugelegt haben, um sich gegen die Welt zu verteidigen. Man sieht aber auch den Riss in ihren Augen und das verletzliche Kind dahinter. Um so etwas spielen zu können, muss man entweder Meryl Streep oder einer der Jungs sein.

tip War das für Sie in beiden Fällen einschüchternd?
Stellan Skarsgеrd Ja, aber ich finde es einschüchternder, mit den Jungs zu arbeiten als mit Meryl Streep. Was meine Schauspieltechnik anbelangt, bin ich sehr versiert, aber wenn man meine Werkzeuge erkennt, dann bin ich am Arsch. Wenn die Jungs wahrhaftig sind, muss ich es genauso sein.

tip Haben Sie zu Hause so von Ihrer Arbeit geschwärmt, dass vier Ihrer eigenen Jungs Schauspieler geworden sind?
Stellan Skarsgеrd Ich habe zwar über meine Arbeit zu Hause gesprochen, aber nur sehr gelegentlich und wenn, dann habe ich ihnen nie etwas beibringen wollen. Es waren ganz normale Gespräche. Ich wollte mich auch nie in ihre Leben einmischen. Ab 16 treffen sie ihre eigenen Entscheidungen. Also hält man sich am besten heraus. Sie sollen tun, was sie wollen. Ich habe sie auch nie ermutigt, Schauspieler zu werden. Sie haben aber wahrscheinlich bemerkt, dass ich den Beruf sehr gerne mache und dass es eine spaßige Möglichkeit ist, sein Geld zu verdienen. Trotzdem haben meine Kinder keine falschen oder glorifizierenden Vorstellungen davon. Sie wissen auch, dass die Schauspielerei harte, harte Arbeit ist und manchmal auch Verzweiflung mit sich bringt.

Stellan Skarsgеrdtip Ihr Sohn Alexander wurde bereits mehrfach zum „Sexiest man of Sweden“ gewählt, er spielt unter anderem in der erfolgreichen Vampir-Serie „True Blood“, und wenn man Skarsgеrd googelt, dann kommt er bei den Ergebnissen noch vor Ihnen. Sie haben vor einiger Zeit in einem Interview gesagt, dass Sie ihn stoppen müssten, wenn er populärer wird als Sie. Wäre es dann nicht langsam an der Zeit?
Stellan Skarsgеrd Ich hätte ihn vor langer Zeit aufhalten müssen. Jetzt ist es zu spät. Er ist größer, beliebter als ich.

tip Sind Sie ein Schauspieler, der viel Kontrolle behalten will oder dem Regisseur die Kontrolle überlässt?
Stellan Skarsgеrd Da ich mit den Schauspieltechniken sehr versiert bin, brauche ich genug Freiheit, um die Kontrolle zu verlieren. Als Filmschauspieler hat man sowieso keine Kontrolle über seine Rolle. Im Schneideraum kann der Regisseur schließlich alles damit machen. Ich will daher nur mit Regisseuren zusammenarbeiten, denen ich vertraue. Manche Schauspieler haben ein Problem, mit Lars von Trier zusammenzuarbeiten. Vor allem diejenigen, die ihre Rolle zu Hause vor dem Spiegel proben, ihre Dialogzeilen genau so abliefern und dann dafür Applaus wollen. Bei ihm kann man das allerdings nicht so machen, weil man nicht weiß, was die anderen Schauspieler machen werden. Außerdem sagt Lars oft: „Ja, das war gut, aber lass es uns noch einmal auf eine völlig andere Weise probieren.“ Das kann schnell verunsichern. Mir gibt es mehr Sicherheit und Freiheit, denn es ist nicht meine Schuld, wenn ich es vermassele.

tip Er will dann, dass es vermasselt wird?
Stellan Skarsgеrd Ja, er will, dass es daneben geht. Als wir „Breaking the Waves“ gedreht haben, hat Lars ein Schild anbringen lassen, auf dem stand: „Macht Fehler!“. Ich war nie glücklicher als in dem Moment, als ich das gesehen habe.

tip Von Trier sagt, er will nach dem Nazi-Statement-Eklat keine öffentlichen Statements mehr abgeben. Was glauben Sie, wie lange sein Schweigen hält?
Stellan Skarsgеrd Natürlich wird er wieder Dinge sagen. Was mich anbelangt, hat er mir noch nie etwas gesagt, was mich beleidigt hat, denn er ist wirklich ein guter Mensch. Er verwendet allerdings Wörter, die man eigentlich nicht sagen sollte und die nicht immer politisch korrekt sind.

Fotos: Harry Schnitger/tip

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