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Ein Interview mit Steve McQueen

Steve McQueen bei der Arbeit

tip Als Künstler stellen sich Ihnen ähnliche Fragen wie Ihrer Hauptfigur, die in einem Universum extremer Freiheit existiert. Wie definieren Sie für sich die Grenzen, in denen Sie arbeiten wollen?
Steve McQueen Gar nicht. Als Künstler geht man bis an die äußerste Grenze und dann macht man noch einen Satz nach vorne – oder tritt einen Schritt zurück. Aber wenn es nicht produktiv ist, ist das auch nicht für jemanden anderen interessant.

tip Wie haben Sie in „Shame“ denn die Grenze gezogen, was Sie zeigen wollen und was nicht? Sie hätten ja auch wirklich pornografisches Material drehen können und sich vom Arthouse-Markt abwenden.
Steve McQueen In den Szenen, in denen Sex eine Rolle spielt, ist der Film schon ziemlich explizit. Ich wollte keine Pornografie, keinen echten Sex vor der Kamera. Ich finde da echtes Schauspiel viel interessanter, als echten Sex zu drehen. Vielleicht mögen Sie das, aber für mich funktioniert das im Kino nicht. Ein Gemälde einer Schale mit Früchten kann viel deliziöser oder interessanter sein als eine echte Frucht. Ich finde unsere Bilder viel gefährlicher als jede echte Penetration.

Shametip Also alles gestellt.
Steve McQueen Natürlich. Was glauben Sie? Es ist ein Film! Ich interessiere mich nicht dafür, Pornografie zu machen. Vielleicht wollen Sie Pornografie.

tip Es gibt künstlerische Annäherungen an solche Themen, die sehr wohl Pornografisches einschließen.
Steve McQueen Ja, aber die sind überflüssig. Ich habe noch nie ein Beispiel gesehen, das erfolgreich war. Und ich habe viel gesehen. Lars von Triers Filme, das ist alles schrecklich. Wohin packen Sie die Kamera? Dorthin, wo der Schwanz ist? Ich habe viel Pornografie für die Recherche gesehen, aber nichts, was gut war. Spielen! Experimentieren. Das ist viel interessanter. Michael Fassbender ist ein Schauspieler von höchstem Rang.

tip Unterscheiden sich Ihre Strategien je nachdem, ob Sie als Filmemacher oder in Ihren anderen künstlerischen Feldern arbeiten?
Steve McQueen Es ist immer Geschichtenerzählen. Storytelling. Das unterscheidet sich nicht. Jeder kennt und erkennt Geschichten. Und damit ist der Zugang eröffnet. Ich will die Leute mitnehmen. „Hunger“ war auf seine Weise sehr experimentell, „Shame“ vielleicht weniger, weil ich eine Geschichte darin erzählen wollte, aber alles hat seinen Platz. Ich denke, Billy Wilder ist ein großartiger Filmemacher und ebenso der Experimentalfilmer Stan Brakhage.

Interview: Robert Weixlbaumer

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Lesen Sie hier die Filmkritik: „Shame“ im Kino in Berlin

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