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Ein Interview mit Steve McQueen

Steve McQueen

Ein Gespräch über grenzenlose Freiheit, Flucht in die Sucht und Moralität im Kino.

tip Herr McQueen, mit Ihrem Debüt „Hunger“ sind Sie tief in die Welt von IRA-Häftlingen eingetaucht, jetzt folgt ein Film über einen extrem promiskuitiven Mann. Gibt es eine Verbindung zwischen „Hunger“ und „Shame“?
Steve McQueen „Hunger“ beginnt in Nordirland, in einem Gefängnis, während „Shame“ in New York spielt, in einer freien Metropole, in der einem alles jederzeit zur Verfügung steht. Mein Protagonist hat anders als Bobby Sands in „Hunger“ Zugang zu allem, was er will. Aber diese Freiheit, die er hat, wird für ihn auf merkwürdige Weise zu einem Gefängnis. Die sexuellen Eskapaden werden immer größer, größer, größer, aber sie sperren ihn zugleich ein. Er läuft vor etwas davon, und seine Rituale engen seinen Raum immer weiter ein.

tip Das ist ein skeptischer Blick auf die unbegrenzte Erfüllung von Begehren.
Steve McQueen Na, ich liebe New York und auch viele Dinge, die ich dort machen kann. Ich habe auch Zugang zu allem nur Denkbaren, aber es kommt darauf an, wie man das benutzt – oder missbraucht. Wie beim Alkohol kommt es auch hier auf das Maß und auf das Motiv an. Man lacht vielleicht leichter darüber, wenn es sich um Sex handelt, aber es kann auch ein Problem werden. Wir haben recherchiert und viel Unglück entdeckt, das im Kern immer daraus besteht, dass man vor etwas zwanghaft flieht. Das Mittel kann Spielsucht sein, Crystal Meth, Alkohol, Essen oder Sex.

Shametip Wie sah diese Recherche aus?
Steve McQueen Wir haben das in New York gemacht, weil dort am stärksten vorhanden ist, was uns interessierte: Allverfügbarkeit. In dieser Stadt müssen Leute mit Geld nichts mehr selbst machen, und man muss dabei nicht einmal Kontakt zu jemandem haben. Aber wenn Sie sich da eine Prostituierte bestellen, können sie sich alles aussuchen, bis hin zur exakten Körpergröße. Bei den Leuten, mit denen wir gesprochen haben, drehte sich alles in ihrem Leben nur noch um ihren Trieb.

tip Gab es keine amüsanten Aspekte darin?
Steve McQueen Doch, klar, unglaubliche Sachen, die ich Ihnen gar nicht erzählen kann, über Lebenslagen und Situationen, in denen sich die Leute wiederfinden. Ich hoffe, dass sich das auch im Film überträgt. Der ist ja nicht nur düster.

tip So wie „Shame“ davon erzählt, sieht es manchmal so aus, als würden Sie das für ein Signum der Moderne halten, für die neue Conditio humana.
Steve McQueen Nein, nein, das predige ich nicht. Das haben Sie falsch interpretiert. Der Film liefert eine Beobachtung. Was anders und neu ist, das ist die Beziehung, die wir heute zu Sex haben, oder wie Jugendliche daran herangeführt werden. Das unterscheidet sich sehr von der Zeit, in der ich groß geworden bin. Das ist das Problem. Ist es schlechter? Ich glaube ja. Ich bin kein Konservativer oder für Zensur, und ich will niemandem vorschreiben, was er nicht sehen soll. Aber ich frage mich schon, was es mit mir gemacht hätte, wenn ich mit sieben oder acht Jahren expliziter Pornografie ausgesetzt worden wäre. Ich wackle nicht mit dem Zeigefinger. Ich zeichne nur Porträts und welche Möglichkeiten es in bestimmten Situationen gibt. Ja, ich bin ein Moralist. Ich glaube an das Richtige und das Falsche. Wie die meisten, auch Kritiker – man braucht ja einen bestimmten Maßstab.

Shametip Sehen Sie denn im Falle dieser Figur ein moralisches Problem?
Steve McQueen Ja schon. Das Problem ist nicht, dass er Sex mit Leuten hat oder dafür bezahlt, das kann er gerne machen, ist mir doch egal. Das moralische Problem ist, dass er sich selbst zerstört. Das darf er auch machen. Aber da liegt jedenfalls das Drama. Es ist, als ob man einem Autounfall in Zeitlupe zusieht.

tip Sie bieten tatsächlich einigen voyeuristischen Nährstoff im Film.
Steve McQueen Das ist Kino. Warum sollte man sonst da hingehen? Tragödie, griechisch.

tip Erwarten Sie einen kathartischen Effekt?
Steve McQueen Nein, ich weiß nicht. Sie reden wie ein Katholik. Sind Sie katholisch?

tip Mit sechs Jahren vom Glauben abgefallen, kein Kirchenmitglied. Wie steht es mit Ihnen?
Steve McQueen Wenn ich von Moralität spreche, heißt das ja nicht gleich das. Es geht eher um ein Radar, um Urteile fällen zu können. Was ist Ihre Frage?

tip Wie sehr das mit Ihnen selbst zu tun hat.
Steve McQueen Mit mir?! Die Sexsucht?

tip Das Porträt männlichen Begehrens.
Steve McQueen Das Interessante an der Hauptfigur ist, dass jedermann etwas damit anfangen kann. Es hat mit uns allen zu tun. Es ist wie im Film „Freaks“ (1932): „One of us! One of us!“ Ich urteile nicht über die Hauptfigur, ich liebe sie, ich mag sie sehr. Die Fragen, die sich da stellen, haben keine einfachen Antworten. Wir leben die Antwort. Es zu visualisieren und die Leinwand zu einem Spiegel zu machen, den man dem Publikum entgegenhalten kann, hat viel Macht. Wie eine Hundepfeife, die nicht zu hören ist, aber trotzdem merkt man, dass da was ist. Keine Lösung, nur eine Beobachtung. Das mit der Moralität ist eine gute Frage. Es ist so cool, es nicht zu sein, so hip. Aber hier ist der Exzess die Betäubung eines Schmerzes, der in ihm ist: Sein Sex macht keine Lust mehr. Sexsucht hat mit Lust so wenig zu tun wie Alkoholismus mit Durst.

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