Kino & Stream

Ein Interview mit Til Schweiger

Ein Gespräch mit dem streitbaren Schauspieler-Regisseur über den Deutschen Filmpreis, den er nie bekommen wird, Thilo Sarrazin und Schlüsselerlebnisse in Hollywood.

tip Herr Schweiger, am 8. April wird wieder der Deutsche Filmpreis vergeben. Wer ist Ihr Favorit?
Til Schweiger?Gute Frage. „Pina“ wird beim Dokumentarfilm gewinnen, da muss man kein Prophet sein. Ich denke mal, „Drei“ wird bei den Spielfilmen den Hauptpreis gewinnen, „Vincent will Meer“ wird einen Preis kriegen, vielleicht für die Performance von Florian David Fitz. „Wer wenn nicht wir“ ist natürlich auch ein heißer Kandidat, aber den habe ich noch nicht gesehen.

tip Ist Ihr Verhältnis zur Akademie inzwischen entspannt? Sie waren ja kurzfristig im Streit über die Nichtnominierung von „Keinohrhasen“ und die Darstellung dieses Vorgangs durch die Akademie ausgetreten.
Til Schweiger Ja, aber ich hatte nie ein unentspanntes Verhältnis zur Akademie, dann hätte ich ja ein gespanntes Verhältnis zu tausend Mitgliedern. Über einige Leute habe ich mich damals sehr aufgeregt. Es gibt aber auch Mitglieder, mit denen ich befreundet bin, und andere, die ich beruflich sehr schätze. Und dann gibt’s eine große Masse von Leuten, die ich gar nicht kenne.

tip Wie lange waren Sie ausgetreten?
Til Schweiger Nicht lange. Im Zuge der Berlinale gab es eine Vortragsreihe, wo es um die Frage ging, was müssten wir ändern, um den deutschen Film mehrheitsfähig zu machen? Ich hab eine lange Rede geschrieben, die auch sehr beklatscht worden ist, und gesagt: Wir müssen die Schubladen abschaffen: Arthouse und Mainstream. Wir müssen die Begriffe austauschen und sagen: Wir haben Mainhouse und Artstream, weil alle Filme eine Berechtigung haben und dieses Schubladendenken aufhören muss. Bernd Eichinger hat auch rumgepoltert und gesagt: „So geht das nicht, wir sägen uns den eigenen Ast ab, wenn wir immer nur Filme nominieren, die keiner kennt!“ Und dann hat er an mich appelliert: „Man kann nur Sachen von innen heraus verändern, und jetzt tritt wieder ein.“ Und das habe ich dann gemacht, ganz spontan, unter großem Applaus. Die Essenz im Feuilleton war dann nur: Til Schweiger hat einen dicken Hals gehabt, und jetzt zieht er den Schwanz ein.

tip Wir stehen der Filmakademie in Bezug auf den Filmpreis sehr skeptisch gegenüber. Deswegen fanden wir interessant, dass Sie sie von ganz anderer Seite kritisieren. Unser Argument gründet darauf, dass die Akademie öffentliche Gelder vergibt, gemeinsam mit der Nominierung und den Preisen. Allein die Nominierung bringt 250?000 Euro. Diese Verknüpfung finden wir unstatthaft, weil hier eine Interessenvereinigung unter sich Geld verteilt, das für die staatliche Kulturförderung bestimmt ist.
Til Schweiger Da würde ich nicht vehement widersprechen, es ist sicher das Hauptproblem, unter dem diese Akademie leidet. Es geht um sehr viel Geld. Und das zweite große Problem der Akademie ist, dass wir eine Vorauswahl-Jury haben, und zwar nur, weil es ums Geld geht. Das BKM (in Gestalt des Kulturstaatsministers Bernd Neumann, Anm. d. Red.), das das Geld verteilt, besteht auf dieser Jury. Aber auch wenn das nicht an Geld geknüpft wäre, würde der populäre Film trotzdem nicht besser dastehen. Es ist eher die Frage: Wer sitzt mehrheitlich in der Akademie? Darunter sind ganz wenige, die gezielt populäres Kino machen. Warum sollten die das jetzt goutieren?

tip Uns fehlen eher die kleinen Filme in den Hauptkategorien – „Im Schatten“ von Thomas Arslan mit Miљel Maticevic zum Beispiel, der es bei einem anderen Auswahlverfahren wohl geschafft hätte, unter die letzten Nominierten zu kommen.
Til Schweiger Miљel ist ein hinreißender Schauspieler, der auch bei „Kokowääh“ mitgespielt hat. „Im Schatten“ war ein Film, der hat mich erst mal interessiert, als ich in die DVD-Kiste der Akademie reingeguckt hab. Dann hab ich mir den Trailer angeguckt und mir gedacht: Wenn ich da schon einschlafe…  So einen Trailer hab ich noch nie gesehen. Da hatte ich erst mal keine Lust mehr, den Film zu gucken. Das heißt jetzt aber nicht, dass er mir nicht doch gefallen könnte.

tip Gehen Sie zur Preisverleihung im Friedrichstadtpalast?
Til Schweiger Nein. Was soll ich denn da?

tip Haben Sie Ihre Filme denn zuletzt überhaupt eingereicht?
Til Schweiger Nach „Keinohrhasen“ hab ich gesagt: So, jetzt hab ich keinen Bock mehr. Das galt für „1 1/2 Ritter“ und „Zweiohrküken“. „Kokowääh“ hab ich wieder eingereicht, und zwar hauptsächlich deswegen, weil mein Team gesagt hat: Til, wenn du nie einreichst, dann haben wir nie eine Chance, was zu gewinnen. Eingereicht. Keine einzige Vornominierung. Jetzt vergleiche mal die Kamera von „Kokowääh“ mit den Kameras, die vornominiert wurden. Die ist mindestens so gut. Samuel Finzis Performance in „Kokowääh“ ist absolute Spitzenklasse.

tip Sie wollten im Zuge des Streits mit der Akademie einen Publikumspreis ins Leben rufen. Es wirkte damals im zeitlichen Zusammenhang mit Ihrem Austritt, als ob Sie die Stimme des Volkes gegen die scheinbar elitäre Akademie stellen wollten.
Til Schweiger Das wirkte damals nur so, weil verschiedene Leute das so sehen wollten: Til Schweiger ist beleidigt. Til Schweiger ist eingeschnappt. Til Schweiger will sich jetzt selber einen Preis verschaffen. Ich hab mich geärgert, aber ich war nicht eingeschnappt. Ich ver­stehe das System. Ich werde niemals erwarten, dass ich irgendeinen Bundesfilmpreis mit einem Film gewinne, außer irgendwann mal einen Life Achievement Award. Irgendwann kriege ich so einen Verdienstpreis, so ähnlich wie der Bernd. Da muss ich aber noch – ich bin jetzt 47 – mindestens 13 Jahre warten, wahrscheinlich 20…

tip Reden wir ein wenig über „Kokowääh“. Der Plot des Films ist eigentlich ziemlich bitter. Ein achtjähriges Kind wird vor der Tür eines wildfremden Mannes abgesetzt, der angeblich sein biologischer Vater ist. Die Mutter steht im Ausland vor Gericht. Der bisherige Vater hat sich verabschiedet. Würden Sie das als Berliner Drama aus Neukölln erzählen, wäre das möglicherweise der Horror-Arthouse-Film, über den Sie manchmal Scherze treiben.
Til Schweiger Dann würde der Film schlecht ausgehen. Mich hat die Dreiecksgeschichte zwischen den zwei Vätern interessiert, zwischen dem Vater, der das Kind verstößt und es wiederentdeckt, und der andere, der es nicht haben will, der seine Liebe entdeckt und es dann wieder weggenommen bekommt. Dieses Thema fand ich sehr interessant. Ich glaube, eine Komödie funktioniert dann, wenn man die Figuren ernst nimmt und wenn man das auch ernst erzählt. „Keinohrhasen“ ist ja eigentlich auch ernst erzählt, auch wenn es mal ein Brett vorn Kopp gibt. Und „Zweiohrküken“ ist ja eigentlich auch ernst erzählt. Weil die Figuren ernst genommen werden.

tip Es gibt bestimmte Charakteristika, in denen sich Ihre Filme gleichen, etwa musikalisch unterlegte Montagesequenzen, in denen Dinge nur noch zeichenhaft aufgerufen werden, etwas was der Film ja insgesamt mit den Figuren macht: Sie sind ganz abgelöst von jedem realen Hintergrund, haben keine tief nach hinten reichende Geschichte und lassen sich dann mit Pointen oder Plot-Ideen hinbewegen, wohin auch immer Sie wollen. Das gelingt dann mehr oder weniger gut.
Til Schweiger Sie sagen, die Figuren haben keine Tiefe. Ich behaupte, die haben sehr wohl eine Tiefe, und zwar eine sehr große Tiefe. Das ist der Grund für den Erfolg des Filmes, weil die Leute sich mit den Figuren identifizieren können, weil sie so real sind. Weil sie nicht was vorspielen, sondern weil sie absolut authentisch wirken in der Art, wie sie spielen und wie sie agieren. Ich finde das meisterlich, was da zwischen den Figuren passiert, ganz tief, aber eben unterhaltsam. Und das ist, glaube ich, das, wo Ihr oder eure Kollegen sagen: Was unterhält, kann nicht gut sein, und: Ah, das ist aber nicht realistisch, weil es gut ausgeht.

tip Wir wollen gar nicht kritisieren, dass Sie sich herausnehmen, Dinge unrealistisch zu erzählen, sondern es erst einmal nur festhalten. Die Settings Ihrer Filme kommen uns nicht erst seit „Kokowääh“ unrealistisch vor, der Kindergarten von „Keinohrhasen“ ist ein gutes Beispiel dafür.
Til Schweiger Aber wissen Sie, wie viele E-Mails wir bekommen haben von Eltern, die gefragt haben, wo diese Kita ist, sie möchten ihr Kind da gerne hinbringen? Das ist eine Traum-Kita.

tip Was sagt Ihnen das über Ihr Publikum?
Til Schweiger Was das sagt über das Publikum?

tip Ist es möglicherweise bereit, das schneller zu verwechseln?
Til Schweiger Über 20 Millionen Leute, die den Film mittlerweile geguckt haben? Was das sagt? Dass die doof sind, oder was?

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 08/11 auf den Seiten 24-31.

Interview: Robert Weixlbaumer und Heiko Zwirner

Alle Fotos: Warner Bros.

Lesen Sie hier: Die Nominierungen für den Filmpreis 2011 stehen fest

Mehr über Cookies erfahren