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Ein Interview mit Timothy Grossman

Timothy Grossman

tip Herr Grossman, eine Retrospektive lässt sich auf verschiedene Arten durchführen – wovon haben Sie sich bei der Programmierung der Chaplin-Retro leiten lassen?
Timothy Grossman Das Babylon ist keine Kinemathek, sondern ein Veranstaltungsort mit 500 Plätzen. Insofern muss man Form und Inhalt in ein bestimmtes Verhältnis stellen: Das Babylon hat seine Architektur und seine Tradition, wir wollen anspruchsvolles Kino für viele Menschen machen. Eine Veranstaltung für lediglich eine Handvoll Filmliebhaber wäre tödlich bei so einem großen Saal, eine chronologische oder akademische Terminierung schließt sich damit eigentlich aus. Da wir bei unserem Programm nicht mit Verleihern und deren Marketing-Apparat arbeiten können, müssen wir das mitmachen. Ich muss mir wie ein Verleih überlegen, wie ich einen Film bestmöglich zu seinem potenziellen Publikum bringe. Sonst ist das kein Kino: Kino ist nicht ein Film auf der Leinwand, sondern viele Menschen vor dieser Leinwand.

tip Wie sah denn bei Chaplin die Materiallage aus? Woher stammen die Filmkopien, mit denen Sie arbeiten?
Timothy Grossman Die stammen aus unterschiedlichen Quellen, wir haben Kontakte zur Cineteca di Bologna, zur Pariser Chaplin Foundation und zum BFI in London, viel wurde digital restauriert. Unsere Aufgabe – und ich denke, der stellen wir uns – ist es, im Babylon die bestmögliche Projektion zu gewährleisten: Teilweise geht das mit 35mm-Kopien, teilweise mit digitalen Vorführungen. Man darf nicht vergessen, dass eine von digitaler Quelle gezogene Filmkopie eine Generation schlechter wäre. Dann lieber eine digitale Projektion.

tip Was für eine digitale Projektion ist das, 2K?
Timothy Grossman Das ist unterschiedlich. Wir werden in jedem Fall im Programm vermerken, welcher Film digital und welcher als 35mm-Kopie gezeigt wird. Es gibt in der letzten Zeit viele Diskussionen und diesen Irrglauben, dass Archiv-Filme auf 35mm vorliegen und projiziert werden müssten. Ich mache seit 1993 Kino und kann mich lebhaft daran erinnern, wie oft ich früher den Zuschauern erklären musste, dass man gleich die einzige verfügbare 35mm-Kopie zu sehen bekommt, die aber einen starken Rotstich hat, dass die Enden der Akte Laufstreifen haben und teilweise unvollständig sind. Meistens gab es dafür Applaus von den Zuschauern, die Leute fühlten sich wie Eingeweihte. Man darf das Material von früher nicht verklären – bei Vinyl denkt auch kaum jemand daran, wie oft es da Kratzer gab und man die Nadel per Hand drüberheben musste. Was das Kino betrifft: Wir können die Filme nicht selber restaurieren oder eigene Kopien ziehen, heute im 21. Jahrhundert sind wir trotzdem in der glücklichen Lage, Filme an einem Stück und ohne Störungen digital projizieren zu können. Ich sehe darin keinen Nachteil. Andere Leute schon, die wollen einen Film auf 35mm sehen oder gar nicht. Das ist nicht meine Kiste, für mich steht der emotionale Gehalt eines Filmes an erster Stelle, erst dann geht es um die Technik.

tip Bei der Hitchcock-Retro, die noch bis Mitte Juli läuft, stießen sich Zuschauer daran, dass fast alle Vorführungen von DVDs und Blu-rays projiziert werden – und daran, dass das vorher nicht kenntlich gemacht wurde. Auf der Babylon-Facebook-Seite gibt es dazu eine heftige Diskussion.
Timothy Grossman Damit setze ich mich auch auseinander, an der Kasse gibt es jetzt entsprechende Hinweise, vor jeder Vorstellung erkläre ich den Zuschauern die technischen Bedingungen und Begrenzungen. Ich räume ein, dass es ein Fehler war, nicht vorab auf die digitale Vorführung hingewiesen zu haben. Mit 35mm-Kopien hätte ich die Retro nicht machen können, es gibt kaum geeignete Kopien, schon gar nicht in Original-mit-Untertitel-Fassung. Egal ob ich eine DVD oder eine Filmkopie zeige, die Aufführung kostet mich gleich viel. Und das Kino-Erlebnis ist für mich in beiden Fällen dasselbe.

tip Einige Leute sind da anderer Meinung.
Timothy Grossman Es gibt Menschen, die sagen: Ich geh doch nicht in ein Museum und gucke mir da die Reproduktion eines Picassos an. Das ist der Hype in der Malerei, da ist das Original sehr wichtig. Ich finde es auch spannend, dass eine Picasso-Ausstellung mehr Aufmerksamkeit bekommt als eine Chaplin-Retrospektive, es geht lediglich um die Reproduzierbarkeit von Kunst. Aus meiner Sicht gibt es Leute, die ins Kino gehen, um die dritte 35mm-Kopie eines Films anzusehen oder die im Delphi oder International 70mm-Fassungen von Filmen anschauen, die sie schon dreimal oder zehnmal gesehen haben. Ich, als Babylon, kann das nicht leisten. Nicht nur, weil ich keine 70mm-Anlage habe, sondern weil das auch nicht meine Aufgabe ist – dafür gibt es das Arsenal. Das Babylon ist größer und hat 500 Plätze zu füllen. Wenn ich nur 35mm zeigen müsste, hätte die Hitchcock-Retro nicht stattfinden können. Ich könnte stattdessen natürlich etwas aus dem Bundesfilmarchiv zeigen. Aber dann wäre es sehr leer im Babylon.

Interview: Thomas Klein

Foto: David von Becker

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