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Ein Interview mit Tom Tykwer

Tom Tykwertip Etwa so wie Woody Allen sein New York zeigt?
Tom Tykwer Ja. Also außer in „Manhattan“, wo der Film natürlich die Stadt spektakulär in Szene setzt. Aber genau: wie im „Stadtneurotiker“ und all diesen Filmen, in denen die Leute einfach rauf- und runterlaufen in den Straßen von New York, und man weiß, der Film kennt sich dort aus, und die Leute, also die Schauspieler, die wohnen vielleicht sogar wirklich da; auf jeden Fall der Regisseur.

tip Im Film ergibt sich eine Landkarte mit Köpenick, Prenzlauer Berg, Mitte, Kreuzberg. Fast jeder Bezirk kommt mal vor und wird irgendwie verknüpft.
Tom Tykwer Was natürlich damit zu tun hat, dass sich ja da auch zwei unterschiedliche Welten begegnen, das ehemalige Ost- und das ehemalige West-Berlin in Person. Das ist für mich immer noch ein großes, wenn auch leise präsentes Thema in dieser Stadt. Etwas, das bei Weitem nicht als abgeschlossen gelten kann, zumindest in der Altersgruppe, von der der Film handelt. „Drei“ ist ja nun erst mal ein Film über Erwachsene. Und das Erwachsensein fängt irgendwann Ende 20 an, wenn man uns plötzlich festzulegen beginnt auf die Parameter, die eine respektable Existenz so mitzubringen hat. Und es endet sehr viel später als mit 70 – eben dann, wenn man anfängt, uns aufs Abstellgleis zu schieben.

tip Was zeichnet einen Erwachsenen in diesem Sinn aus?
Tom Tykwer Das ist ja eigentlich ein Film über Leute, die in regelmäßigen Abständen in Krisen gestürzt werden durch die Verkrustung ihres Alltags und durch die Routinen, in die sie hineinrutschen. Das ist unser Erwachsenen-Dilemma, der Druck zum Trott. Die Figuren, die sich in „Drei“ begegnen, teilen auf jeden Fall eine besondere Erfahrung. Adam hat die erste Hälfte seines Lebens in einem anderen Staat verbracht als Hanna oder Simon. Sie haben vielleicht in derselben Stadt gelebt, aber sie haben einen ganz anderen Sozialisations-Background.
Und diese kulturellen Bezugspunkte sind ja ein Riesenthema, wenn man sich kennenlernt. Dass man so nah beieinander groß geworden ist und ganz andere kulturelle und soziale Prägungen hat, das ist ja einerseits ein großes Geschenk, weil man so viele geheimnisvolle Aspekte am anderen bewundern und erforschen kann, obwohl er dennoch viel Vertrautes mitbringt. Aber es ist natürlich auch eine große Komplikation. Es ist beides.

tip Um das auf die Spitze zu treiben: „Drei“ ist also so etwas wie eine Paargeschichte zwischen Österreich und West-Berlin, die belebt wird, weil Ost-Berlin dazukommt – oder Ost-Berlin und West-Berlin sich langweilen und Österreich suchen …
Tom Tykwer (lacht) Na ja, auf jeden Fall war das natürlich schön, dass Sophie gebürtige Österreicherin ist und dadurch noch mal eine ganz andere Konnotation reinkommt. Die Offenheit zum Sarkasmus und die Freiheit der Ironie, die Sophie als Mensch prägen, aber natürlich auch ihre Figur ausmachen, wirken ja auf beide Männer sehr befreiend. Und sie geben ihr eine spezifische Attraktivität, denn beide Männer sind ja eher auf eine Weise etwas festgelegter in ihren bisherigen Lebenskonzepten.

Dreitip Wie würden Sie Adam charakterisieren?
Tom Tykwer Adam erscheint zunächst wie jemand, der sich einigermaßen überzeugend gelöst hat von allzu vielen gesellschaftlichen Verabredungen und Verpflichtungen, der aber darin auch wieder dogmatisch geworden ist. Und der erst mal wieder lernen muss, sich wirklich einzulassen und darunter dann auch sogar leidet, dass er emotional tatsächlich verstrickt ist. Es war für mich und den Szenenbildner Uli Hanisch sehr interessant, auf dieser Biografie basierend Adams Wohnung einzurichten. Wie jemand lebt, der aus einer relativ normalen bürgerlichen oder linksbürgerlichen Struktur geflohen ist.

tip Und Simon?
Tom Tykwer Simon ist jemand, der denkt, er ist ein echt angekommener Typ und dem dann trotzdem das ganze Leben um die Ohren fliegt.

tip Die Besetzung ist zentral, damit diese Dreieckskonstellation auch plausibel wird. Sebastian Schipper, den man vor allem als Regisseur kennt, taucht da als tragende Figur auf. Wie ist es denn dazu gekommen?
Tom Tykwer Es war tatsächlich so, dass ich beim Schreiben nur eine ganz eindeutige Besetzung vor Augen hatte, das war Sophie. Die Rolle ist wirklich konkret für sie geschrieben, und ich hätte den Film auch wirklich nicht gemacht, wenn sie nicht zugesagt hätte. Aber auch bei der Figur von Simon habe ich offensichtlich eine sehr strenge Vorstellung gehabt, was mir gar nicht so bewusst war. Ich habe zu Simone Bär, die das Casting gemacht hat, gesagt: Guck doch mal nach jemandem, der so ist wie der Sebastian: ein freundlicher, nachdenklicher, Anfang 40-Jähriger. Kunstinteressiert, intellektuell offen. Ein attraktiver, aber nicht superhübscher Mann. Und je länger die Kette meiner Beschreibungen wurde, desto schwieriger wurde das. Bis Simone gesagt hat: „Mensch, frag doch Sebastian.“ Und dann fiel mir natürlich wieder ein, dass Sebastian ja sogar als Schauspieler angefangen hat und er sogar in dreien meiner Filme mitspielt.

tip Das ist vielleicht nur wenigen gegenwärtig.
Tom Tykwer Ja, er spielt in „Winterschläfer“, in „Lola rennt“ sogar eine relativ signifikante Rolle, diesen Radfahrer, der später das Fahrrad an Joachim Krуl verkauft, wodurch der dann wiederum bei Moritz Bleibtreu vorbeifährt. Und in „Der Krieger und die Kaiserin“ spielt er den Security-Beamten in der Bank, der chloroformiert wird und dann trotzdem den Banküberfall platzen lässt, weil er zu früh wieder aufwacht.

Dreitip Schipper macht in „Drei“ genau diesen Sprung, den Sie am Anfang unseres Gesprächs beschrieben haben: vom Denken, von der Möglichkeit zum Tun. Was muss so eine Figur, die sich eigentlich als heterosexuell versteht, mitbringen, um sich auf so ein Abenteuer einzulassen?
Tom Tykwer Na ja, gut, der Film benutzt die Schicksalsschläge, die Simon als Figur widerfahren, sozusagen als Krisenmoment, das die festgesetzten Parameter, nach denen wir uns als Person glauben definiert zu haben, auseinanderfallen lässt. Das passiert uns allen immer wieder, in unregelmäßigen Abständen. Wir können es dann entweder verdrängen und müssen dann irgendwann mit psychischen Lädierungen rechnen. Oder wir lassen das halbwegs zu, öffnen uns diesen Problemen gegenüber und modifizieren dann bestimmte Festlegungen, in welche Richtung auch immer. Es gehört zu den Rhythmen des Erwachsenseins, dass uns das Regelwerk, das wir uns gebaut haben, auseinanderfällt oder uns nicht mehr erfüllt und wir darauf reagieren müssen.

tip Wir haben Sie vorhin nach dem persönlichen Bezug gefragt, da haben Sie doch sehr allgemein geantwortet …
Tom Tykwer Was meinen Sie mit „persönlich“ denn?

tip Wenn man bedenkt, dass die Hauptentwicklung des Films in die Zeit fällt, in der Sie ein Kind mit Ihrer Lebensgefährtin bekommen haben, stellt sich die Frage, warum Sie sich genau dann für ein solches Thema zu interessieren beginnen.
Tom Tykwer (Pause) Ich hab keine Ahnung. Also ehrlich nicht. Ich denke darüber nicht richtig nach. Ich glaube nicht, dass das einen starken Zusammenhang hat. Wenn wir als irgendwie kreative Wesen einigermaßen nah an unserem Output dran sind, dann ist es natürlich ein sehr trivialer Gemeinplatz zu sagen: Meine Biografie durchdringt meine Arbeit. Wie das aber ins Verhältnis zu setzen ist, ist mir selber nicht klar. Ich fühle mich tatsächlich zurzeit eher leicht, also ich klammere mich gerade nicht so sehr an ein bestimmtes Programm oder Konzept vom richtigen Leben, und ich fühle mich darin auch befreiter als früher. Und zugleich bin ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Frau zusammengezogen und habe eine Kleinfamilie gegründet. Das mag sich formal widersprechen, aber es fühlt sich völlig kohärent an. An Stringenz glaube ich in diesem Zusammenhang sowieso nicht. Eher wie beim Kochen: Erlaubt ist, was schmeckt.

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