Kino & Stream

Ein Interview mit Tom Tykwer

Tom Tykwertip Vielleicht drängt sich uns die Frage auch auf, weil „Drei“ in Ihrem Gesamtwerk tatsächlich wie der Film mit dem größten Wirklichkeitsgehalt erscheint. Er verhandelt tatsächlich etwas sehr Konkretes, Ernsthaftes, auch wenn er ständig 130 Prozent gibt, Komödie ist und in jede Richtung zersplittert.
Tom Tykwer Wenn es im Gespräch über die eigene Arbeit zu sehr um Biografisches geht, bin ich so ein bisschen aversiv, weil ich denke: Lasst uns jetzt bitte nicht wieder behaupten, dass Kunst immer dann besonders intensiv gelingt, wenn sich Biografie stärker einlassen darf. Aber natürlich hängt die Überzeugungskraft von künstlerischer Arbeit immer auch davon ab, wie frei der Geist sich gerade bewegt. Und bei einem Film, der so stark von Schauspielern getragen ist, hängt es auch ganz stark damit zusammen, wie frei die in so einen Film reinkommen. Obwohl er eine beherrschte Form hat, lässt er sehr viel Luft zum Atmen. Das kann man jetzt zum Beispiel, meinetwegen, um das populärste Beispiel zu nennen, von „Lola rennt“ so natürlich nicht sagen.

tip „Drei“ ist dagegen ein Film, der selbst ständig fremdgeht. Der sich ständig für etwas anderes interessiert und dem dann auch sofort folgt.
Tom Tykwer (lacht) Ja, genau. Ich finde das Triebhafte so toll daran. Es macht wirklich großen Spaß, Filme auf diese Weise zu entwickeln. Also „The International“ zu machen, war auch ein irres Vergnügen, aber es war stets klar, dies ist ein Genrefilm, der nicht das Gerüst eines Thrillers völlig dekonstruieren sollte, sondern innerhalb dessen etwas Besonderes erzeugen wollte. Während bei „Drei“ die Fremdgeh-Attitüde im Stilistischen, im Ästhetischen, aber auch natürlich einfach in der Handlungsführung befreiend ist und einen gleichzeitig verrückterweise so ganz nah ans Leben ranbringt. Also ich will jetzt nicht das Blöken der authentischen Kuh von mir geben, es geht mir eher um die Idee einer gewissen Plausibilität. Für mich ist Plausibilität vor allen Dingen dadurch gewährleistet, dass die Dramaturgie-Maschine nicht zu streng zugreift. Ich empfinde das Leben als etwas, das derartig chaotisch und ständig Haken schlagend mir davonläuft und wieder von mir eingeholt werden will, dass es damit der Dramaturgie von 90 Prozent aller Filme, die ich kenne, widerspricht. Was natürlich damit zu tun hat, dass ein Film zwei Stunden lang sein muss. Man muss die ganzen Widersprüche irgendwie dann doch vereinfachen und zusammenfassen.

tip Und wo sehen Sie das Ideal verwirklicht?
Tom Tykwer Eine Referenz, die mich wirklich sehr inspiriert hat, ist das epische Erzählen im Serienformat in seinen gelungenen Formen. Und da insbesondere „Six Feet Under“. Das ist als Serie für mich das Revolutionärste, was filmisch in den letzten zehn Jahren gemacht worden ist. In Tausenden Details wirkt das ja erst mal ästhetisch so vertraut. Aber wenn man diesen 60-stündigen Film als Ganzes betrachtet, die Freiheit, mit der da Umwege genommen, eben auch fremdgegangen wird im Erzählerischen und auch in der Schwerpunktlegung. Das hat in mir einen ganz starken Impuls ausgelöst, weil immer propagiert wurde, dass die Möglichkeit zum Umweg der besondere Vorteil eines Serienformats sei. Ich dachte: Stimmt das denn wirklich? Ist das nicht auch in einer Zwei-Stunden-Kinoform möglich?

Dreitip Hatten Sie eigentlich nach den internationalen Großproduktionen den Wunsch, das offener zu gestalten, nach Hause zu kommen, nach Berlin?
Tom Tykwer Nicht so explizit. Ich finde im Nachhinein sieht das immer irgendwie schlüssig aus. Aber wenn man kontinuierlich versucht, Filme zu machen, muss man sich ja immer darum kümmern, dass möglichst mehrere Töpfe am Köcheln gehalten werden, um zu gucken, welches Gericht zuerst so weit ist, dass man es auftischen kann. Es war einfach so, dass eine Schublade voll von Fragmenten aus diesem Zweisamkeitskosmos war, der dann durch das dritte Element erweitert wurde. Und diese Idee kam plötzlich, kurz nachdem „The International“ fertig war.

tip Ihr Film ist erwachsen auch in einem anderen Sinn. Er zeigt Sexualität relativ offen, bis hin zum Sperma, das auf die Brust von Devid Striesow spritzt. Es ist schon couragiert, das dem Publikum anzubieten.
Tom Tykwer Dem Publikum, das sich jeden Abend bei Youporn die Zeit vertreibt?! Na ja! Also ich hab immer das Gefühl: Leute, habt Ihr doch alles schon gesehen.

tip Was hat dann die Grenze definiert? Die FSK?
Tom Tykwer Nein. Intuition. Die FSK (lacht)! Ihr werdet es nicht glauben, also ich kann das ja selber nicht glauben, aber wir haben letzte Woche die FSK bekommen: Der Film ist ab 12. Ich meine, das zeigt, dass die FSK durchaus sieht, dass das Probleme sind, die auch schon 14-Jährige was angehen könnten. (lacht). Wie auch immer: Es ist unter anderem ein Film über Körper und Triebe. Und ich meine, man kann nicht ernsthaft sagen: Wir machen einen Film über zwischenmenschliche Anziehungskräfte und dann sind wir im Sexuellen zurückhaltend. Man muss im Film nicht permanent exzessiven Sex sehen, um zu verstehen, was Sex für diese Menschen bedeutet. Und wir wollten eigentlich nur herausfinden: Was löst das aus, und was für einen Stellenwert bekommt das? Wir wollten das Alltägliche am Sex sichtbar machen, nämlich dass er ja etwas irre Routiniertes für uns sein kann, und zugleich auch immer wieder etwas Sensationelles. Wenn Endlichkeit und Tod in dem Film eine Rolle spielen, ist der Sex natürlich wiederum der Raum, in dem wir uns am ehesten davon lösen, vorübergehend befreien oder zumindest ein Gefühl von Trans­zendenz oder Unendlichkeit erfahren, egal wie religiös oder nicht religiös wir sind. Das hatte damit zu tun, dass wir sagten: Okay, wir teilen alle die Erfahrung – ich sage immer plural, weil die drei Darsteller und ich, wir haben wirklich viel darüber geredet, auch Frank, der Kameramann, wie wir das drehen, und auch Mathilde, die das geschnitten hat –, wir teilen einfach alle das Gefühl, dass es einem viele Filme sehr schwer mit Sex machen.

tip Haben Sie analysiert warum?
Tom Tykwer Man wird peinlich berührt, weil man irgendeiner Situation beiwohnt, in der man das Gefühl hat, man wird zum Voyeur und will es nicht sein. Oder dass man Schauspielern bei harter Arbeit zuguckt, weil sie sich irre anstrengen, um es plausibel wirken zu lassen: eine Leistungsschau. Oder weil man findet, dass Körper auf eine Weise gezeigt werden, die entweder übertrieben glorifiziert oder abstoßend ist. Es gibt so wahnsinnig selten Filme, die es befriedigend hinkriegen, diese ganzen Zwischenräume zu erzählen.

Dreitip Und was wollten Sie dagegen setzen?
Tom Tykwer Etwas, das mit der Sexualitätserfahrung, die wir selber haben, zu tun hat, nämlich manchmal auch umständlich auszusehen und irgendwie kompliziert zu sein und halb verklemmt, und dann plötzlich loslassen zu können. Und ich glaube, die Lösung des Ganzen lag daran, dass ich sagte, alles was wir sehen, sollte damit zu tun haben, was die Menschen dann auch beschäftigt im Sex. Also dass Simon das beschäftigen wird, dass er diesem Mann auf die Brust abgespritzt hat, das ist etwas, was für eine spätere Szene wichtig wird. Dass der im Auto sitzt oder im Kino und plötzlich lachen muss, weil er es nicht fassen kann, was er da gerade gemacht hat, und gleichzeitig sich auch damit wohlfühlt, und dieser Widerspruch irgendwie ein Bild braucht, das auch eine gewisse Drastik hat. Wir wissen, dass er Sex hatte und was das bedeutet. Ich meine, irgendwo muss es ja hin, das Sperma. Da gibt es vielleicht auch drei oder vier andere Möglichkeiten. Aber es nicht zu zeigen, wäre der Figur nicht gerecht geworden. Und das andere, worum es uns ging, war die Vertrautheit, die im Sex passiert, irgendwie einzufangen. Das ging nur, weil wir uns selber sehr vertraut haben. Niemand musste irgendwas machen, worauf er keine Lust hatte. Es ist natürlich trotzdem immer bizarr, Sexszenen zu drehen. Weil man eben dennoch einander nur halb vertraute Menschen aufeinanderprallen lässt, die jetzt nicht dringend Sex miteinander machen wollen, sondern die das ja spielen müssen.

tip Teil Ihres persönlichen Sich-neu-Entwerfens ist ein Projekt, das Sie in Kenia mit vorantreiben. „Soul Boy“, der erste Film, der daraus entstanden ist, ist gerade gestartet. Was hat Sie dorthin gebracht?
Tom Tykwer Da gibt es tatsächlich eine biografische Notiz, die relevant ist, weil Marie Steinmann, meine Frau, da unten eine NGO betreibt, die seit einigen Jahren Kunstunterricht in die Slums bringt und an Schulen, wo halt nur Schreiben, Lesen, Rechnen vermittelt wird. Sie verbringt mehrere Monate im Jahr in Nairobi und ich konnte mir überlegen, ob ich da ab und zu mal als Zaungast rumstehe und sie ansonsten nicht sehe oder ob ich mich mit einbringe. Das war dann schnell eine sehr einfache Entscheidung, weil es irre faszinierend war. Erstens, mit welchem Erfolg sie das macht, was sie da macht. Und vor allen Dingen festzustellen, dass es da auch für mich was zu erfahren gibt, wovon ich vorher nichts wusste: nämlich eine kreative und künstlerische Welt kennenzulernen, eine Wahrnehmung, die so anders kulturell geprägt ist, dass sie wirklich von ganz anderen Ansatzpunkten aus auf Geschichten, auf Erzählungen, auf ästhetische Kriterien zugeht.

tip Und was ist Ihr Beitrag dabei?
Tom Tykwer Es geht darum, eine Art von Know-how-Austausch zu schaffen. Wir machen also jetzt mit jungen Leuten diesen Workshop, der aus „One Fine Day e.V.“, dieser Initiative von Marie, entstanden ist. Wir kümmern uns im Ableger „FilmAfrica!“ spezifisch um Film, mit Talenten aus der ja durchaus ausgeprägten künstlerischen Szene, die es da gibt. Das sind Leute aus allen Schichten, die genauso wie wir in Kneipen sitzen, Zigaretten rauchen, sich besaufen und über Kunst diskutieren –, während unser von CNN und den üblichen Kurznachrichten immer noch so völlig schwachsinnig eindimensional überformtes Bild dieser Welt darin besteht, dass in Ostafrika überall hungernde Kinder mit Fliegen im Gesicht herumliegen und irgendwelche wahnsinnig gewordenen Mullahs daneben in die Luft schießen. Da ist eine Welt, das sind Horizonte, die medial überhaupt nicht erfasst sind. Zum Glück haben wir mit der Deutschen Welle Akademie einen Zugang zum BMZ gefunden, die uns helfen, das Projekt nun auch finanziell auf halbwegs solide Beine zu stellen. Den wenigen Initiativen, die es da gibt, eine hinzuzugesellen, die wirklich versucht, das eindimensionale Bild Ostafrikas durch individuelle, lokal verankerte Geschichten auszubauen, ist auch für mich eine Bereicherung, weil ich da tatsächlich mit neuen Perspektiven in Berührung komme, mit Kunstprozessen und auch anderem Herangehen an das Erzählerische. Und ich habe denen natürlich eine Menge zu geben, weil ich einfach einen Vorsprung habe in der Realisierung von Filmen, Erfahrung habe, wie man einen Film irgendwie fertigstellt. Und wie man das auch mit wenig Geld macht. Das ist sehr wichtig.

Interview: Robert Weixlbaumer und Heiko Zwirner

Fotos Tom Tykwer: David von Becker

Foto aus „Drei“: X-Verleih

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Drei“ im Kino in Berlin

zurück | 1 | 2 | 3

Mehr über Cookies erfahren